Kirchheimer Umland

Irgendjemand verkauft immer „Gras“

Im Streit um eine mögliche Cannabis-Legalisierung gehen die Meinungen weit auseinander

Die Diskussion um die Legalisierung von Cannabis ist wieder voll entbrannt. Gerhard Schmid von der Jugend- und Drogenberatung in Kirchheim hält das jedoch für gefährlich: Schon die Debatte verharmlose die Droge maßlos.

Zwischen Entspannungsmittel und Einstiegsdroge: Cannabis ist heiß umstritten und doch besonders unter Jugendlichen sehr beliebt.
Zwischen Entspannungsmittel und Einstiegsdroge: Cannabis ist heiß umstritten und doch besonders unter Jugendlichen sehr beliebt. Foto: dpa

Kirchheim. Fabian aus Kirchheim „kifft“ so gut wie jeden Tag. Dem 21-Jährigen tut das gut, sorgt für Entspannung nach stressigen Arbeitstagen. „Damit kann ich abends einfach am besten abschalten“, sagt er. Dass er mal kein „Gras“ im Haus hat, kommt inzwischen selten vor. Angefangen hat er mit 17 Jahren – damals allerdings noch nicht so regelmäßig. Doch seit ein, zwei Jahren ist das Kiffen ein fester Bestandteil seines Alltags geworden. Süchtig, sagt er, sei er nicht. „Wenn ich mal ein paar Tage nichts rauche, dreh ich nicht gleich durch.“ Trotzdem verzichtet er, wenn das Geld mal knapp wird, lieber auf anderes als auf sein abendliches Abschaltritual.

Im Schnitt werden etwa 18 bis 20 von 100 Cannabis-Konsumenten abhängig. Gerhard Schmid von der Jugend- und Drogenberatung in Kirchheim hat seit 26 Jahren mit Menschen zu tun, die mit ernsthaften Drogenproblemen kämpfen. Früher habe man gesagt: „Seien Sie froh, dass ihr Kind kifft und kein Heroin spritzt“, sagt er. Doch die Zeiten hätten sich geändert und Marihuana habe nur noch wenig mit dem zu tun, was es mal war: „Seit den 80er-Jahren hat sich der THC-Gehalt in der Pflanze um das Acht- bis Zehnfache gesteigert“, gibt er zu bedenken. In der Beratungsstelle in der Marktstraße hat sich die Droge langsam zum Problemkind hochgearbeitet. „Cannabis spielt bei unserer Arbeit eine sehr wichtige Rolle.“ Mittlerweile sind weit mehr als ein Drittel aller Klienten im Landkreis Esslingen Cannabis-Abhängige.

Die Droge kann langfristige Folgen haben: ob anhaltende Passivität, eine verzögerte Entwicklung oder sogenannte drogeninduzierte Psychosen in Form von beispielsweise Schizophrenie – solche Fälle erlebt der Suchttherapeut tagtäglich. Ihn erschreckt, dass viele seiner Klienten ihre ständige Antriebslosigkeit auch nach einer Therapie nicht ablegen können. „Der Cannabis-Konsum macht viele Menschen blutleer. Dann leben sie nur noch in den Tag hinein.“ Auch wenn ein Alkoholrausch gesundheitlich mindestens genauso viel Schaden anrichten kann wie ein Cannabis-Rausch, macht Gerhard Schmid einen großen Unterschied: „Wer Marihuana raucht, will sich absichtlich in einen Rauschzustand versetzen. Wenn man die Risiken der beiden Drogen vergleichen will, geht es also nicht mehr nur um das Viertele Wein“, betont er.

Fabian hat mit solchen Problemen nichts am Hut: Er hat weder das Gefühl, antriebslos zu werden, noch gerät ihm sein Leben aus den Fugen. Der Kirchheimer macht eine Ausbildung im Einzelhandel, die ihm Spaß macht und für die er gerne jeden Tag aufsteht. Bei anderen aber habe er auch schon beobachtet, dass die Droge sie passiv macht und ihnen die Fäden aus den Händen gleiten. „Ich glaube, dass es sehr von der Person abhängt, wie sie darauf reagiert. Manche Leute schmieren voll drauf ab und schieben Psychosen. Ich merke davon gar nichts.“

Wer es sich leisten kann, komme in Kirchheim sehr leicht an Cannabis: „Wenn ich was will, krieg ich das in zehn Minuten. Die Stadt ist klein genug. Da kennt man sich halt“, erzählt Fabian. Es gebe auch einige Orte in Kirchheim, wo immer jemand „Gras“ verkaufen würde. „Ob Cannabis nun legal ist oder nicht, macht glaube ich gar keinen Unterschied. Wer kiffen will, tut es sowieso“, meint der 21-Jährige. Der Kick, etwas Illegales zu tun, sei vielleicht sogar ein Anreiz für viele Jugendliche, die Droge mal auszuprobieren. „Jedenfalls war das bei mir früher so.“

Gerhard Schmid sieht das etwas anders: „Mit Alkohol und Nikotin haben wir schon genug Probleme. Wie kann man dann im gleichen Atemzug sagen, dass man noch eine weitere Droge auf den Markt schmeißen will?“ Um eine Legalisierung gutheißen zu können, hat er in seiner langjährigen Berufserfahrung schon zu viel Schlimmes erlebt. Im Moment hoffe er einfach, dass die Diskussion um die Legalisierung bald beendet ist und man endlich einen Schlussstrich ziehen kann: „Schon die Debatte um eine Legalisierung verharmlost die Droge maßlos.“

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