Kirchheimer Umland

Jäger hoffen auf den Hirsch

Natur Der Hirsch ist nicht ausgestorben. Früher konnte er seinen Lebensraum frei wählen. Doch seit 1958 darf er nur noch in Reservaten vorkommen. Die Jägervereinigung Kirchheim kritisiert das. Von Daniela Haußmann

Hirsche, die einen Rotwildbezirk verlassen, werden erschossen. So will es das Gesetz. Die Jägervereinigung Kirchheim macht sich
Hirsche, die einen Rotwildbezirk verlassen, werden erschossen. So will es das Gesetz. Die Jägervereinigung Kirchheim macht sich dagegen für eine Aufhebung der Rotwildbezirke stark.Foto: Daniela Haußmann

Beißender Wind, tief hängender Nebel. Regentropfen klopfen auf das Laub, als zähle die Natur die Sekunden. Auf der Wasseroberfläche eines kleinen Tümpels am Fuße der Teck bilden sich kleine Kreise. „Schau mal, ein Reh. Da ist bestimmt ein Hirsch in der Nähe“, schallt es durch den Owener Wald. German Kälberer schmunzelt. „Hirsch und Reh sind zwei ganz verschiedene Arten“, klärt der Kreisjägermeister auf. „Und Hirsche gibt es hier schon seit über 60 Jahren nicht mehr.“ Dafür sorgen die 1958 eingeführten Rotwildbezirke. Aktuell gibt es fünf von ihnen, die zusammen vier Prozent der Landesfläche einnehmen, wie das baden-württembergische Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) mitteilt.

Auf 96 Prozent der Fläche Baden-Württembergs sind die Tiere wegen der Schäden, die sie anrichten, unerwünscht. Anstatt über weite Strecken des offenen Landes zu wandern, müssen die Wiederkäuer deshalb ihr Dasein in Bezirken fristen, kritisiert German Kälberer. „Wenn sie die verlassen, werden sie erschossen. Weigern sich Jäger, drohen empfindliche Strafen“, bringt der Experte die Gesetzeslage auf den Punkt.

Für Kronenhirsche gilt das nicht. Das sind Exemplare, die mindestens drei Enden an jeder Geweihstange aufweisen. Dass diese Tiere zu schonen sind, begründet das MLR damit, dass sie „zwischen den Populationen für einen wichtigen Genaustausch sorgen“. „Das tun die übrigen Hirsche auch“, kontert German Kälberer und betont: „Ökologisch ist das nicht. Aber das scheint keine Rolle zu spielen - gleichgültig, ob hier konservativ ,schwarz‘ oder umweltbewegt ,grün‘ regiert wird.“

Eine Gesetzesrevision ist laut MLR jedenfalls nicht in Sicht. Grund: „Die intensive Nutzung der Kulturlandschaft schafft bei einer Wiederansiedelung eines großen Pflanzenfressers wie dem Rotwild erhebliche Konflikte. Die bestanden schon vor vielen Jahrzehnten und dürften bei der heutigen intensivierten Landnutzung noch viel gravierender sein.“ Auch die Zerschneidung der Landschaft durch Straßen und die damit einhergehende Unfallgefahr, stehen für das MLR einer Rückkehr der Tiere entgegen. Seit Tierrechte und Wildtiermanagement gesetzlich verankert und Biotopvernetzungen Tagesgeschäft sind, wirken solche Aussagen antiquiert, findet German Kälberer.

„Seit Jahrzehnten werden Natur-, Umwelt- und Artenschutz durch Managementpläne mit den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und infrastrukturellen Erfordernissen in Einklang gebracht“, moniert der Jäger. „Hirsche waren bei der Konzeptentwicklung nie ein Thema.“ Würden die Rotwildreservate fallen, müssten also sämtliche Managementpläne neu gedacht werden. „Das ist schwierig, aber nicht unmöglich“, ist Kälberer überzeugt. „Mit dem Wildwegeplan, der auch uralte Hirschwanderwege enthält, lassen sich Biotope landkreisübergreifend vernetzten.“ Ein entsprechendes Jagdkonzept stelle sicher, dass die Zahl der Rothirsche standortverträglich bleibe.

Die Leiterin des Naturschutzzentrums Schopflocher Alb, Dr. Franziska Harich, gibt zu bedenken, dass vor einer Wiederansiedlung zu klären ist, wie sich die Rückkehr der Wiederkäuer auf die lokale Pflanzen- und Tierwelt auswirkt, zu der auch geschützte Arten zählen. „Dazu sind Studien nötig“, sagt die Agrarbiologin. „So lässt sich klären, wo im Landkreis Esslingen eine Wiederansiedlung möglich wäre und wo nicht.“ Abgesehen davon hat sich der Wald durch Bewirtschaftung und Klimawandel seit 1958 verändert. Weg von Fichten-Monokulturen hin zu Laubmischwäldern. Ob daher tatsächlich noch davon die Rede sein kann, dass Hirsche große Schäden anrichten, müssen für German Kälberer Studien erst einmal klären.

Ökologie und Ökonomie müssen sich für ihn unter Einbeziehung von Rotwild im Wirtschaftswald nicht ausschließen: „In Europa gibt es Rotwildbezirke nur in Deutschland. Mehrere, teils dicht besiedelte Bundesländer haben die Reservate übrigens längst aufgegeben.“ Was dem Jäger bleibt, ist die Hoffnung, dass der Hirsch irgendwann wieder durch die Teckregion wandert. Doch danach sieht erst einmal nicht aus.

Rotwild im Biosphärengebiet

Rotwild gab es bis Mitte des 19. Jahrhunderts im Biosphärengebiet. Dann wurde es ausgerottet. So steht es im Rahmenkonzept des Biosphärengebietes Schwäbische Alb. Dort ist auch zu lesen, dass ein Projekt prüfen soll, ob das über 85 000 Hektar große Reservat als Rückzugsgebiet und Trittstein für ehemals heimische Arten wie das Rotwild geeignet ist. Zur Prüfung ist es laut Regierungspräsidium Tübingen noch nicht gekommen, weil im Schwarzwald Untersuchungen laufen. Die könnten Hinweise für das Biosphärengebiet liefern. Wie viele Hirsche es gibt, lässt sich laut Land- und Forstwirtschaftsministerium nicht errechnen. 2017/18 sind im Land 538 Hirsche sowie 1 278 Kühe und Kälber erlegt worden.dh

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