Kirchheimer Umland

Jemal will bleiben

Eritreischer Flüchtling beginnt heute im Seniorenzentrum Kalixtenberg eine Ausbildung zum Pfleger

Fest im Weilheimer Seniorenzentrum Kalixtenberg unter Motto "Ferne Länder bei uns daheim" mit Mitarbeitern aus Grichenland, Rumä
Fest im Weilheimer Seniorenzentrum Kalixtenberg unter Motto "Ferne Länder bei uns daheim" mit Mitarbeitern aus Grichenland, Rumänien etc. Mit dabei: Ein Asylbewerber aus Eritrea, der im September eine Ausbildung dort beginnt.

Weilheim. Vor etwa fünf Jahren ist Jemal O. aus Eritrea abgehauen. Er hat seine Sachen gepackt – ein paar Klamotten, ein Handy mit Fotos von seinen Geschwistern und Geld – und

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sein Zuhause verlassen. Über Äthiopien, den Sudan, Libyen und Italien führte seine Reise. Bis er schließlich in Baden-Württemberg landete. Bis dorthin unterscheidet sich seine Geschichte kaum von vielen anderen Fluchtgeschichten – die Wende beginnt jetzt.

Er sitzt im Garten des Seniorenzentrums Kalixtenberg in Weilheim und redet mit den Bewohnern, schenkt ihnen neues Wasser ein und schaut nach etwas zu essen. Er lächelt. „Ich bin glücklich“, sagt er auf Englisch und dann lachend auf Deutsch: „Ohne Fleiß kein Preis.“ Jemal ist erleichtert, nicht mehr im Stillstand der Flüchtlingsunterkünfte leben zu müssen. Gleichzeitig ist er froh, endlich angekommen zu sein. Seine Reise ist zu Ende. In Weilheim bekommt er die Chance auf eine Zukunft.

Fremd hat er sich in Deutschland nie gefühlt. Schließlich spreche er ja englisch, wie die meisten hier auch. Und in Dettingen, wo er mit 23 anderen eritreischen Männern in einem Gasthof wohnt, greifen ihnen die Ehrenamtlichen unter die Arme, wo es nur geht. „Sie haben uns in alles eingewiesen, was wir wissen müssen“, sagt er.

Der junge Eritreer hat eine lange Flucht hinter sich. 19 Jahre alt war er, als er seine Heimat zurückließ. Heimlich stahl er sich davon, ohne ein Wort zu seiner Familie. „Keiner erzählt das seinen Eltern“, erklärt der mittlerweile 25-Jährige. „Denen würde das nicht gefallen.“ Im Nachbarland Äthiopien blieb er in einem Flüchtlingslager hängen – vier Jahre lang. Und so musste er seine Angehörigen jahrelang im Ungewissen lassen. Eine Telefonverbindung nach Eritrea gab es nicht.

In Deutschland ist er im Sommer 2014 angekommen. Heute fängt er eine Ausbildung zum Altenpfleger an – auch das hat er den Ehrenamtlichen zu verdanken. Sie haben ihm den Ein-Euro-Job im Seniorenzentrum vermittelt – und er hat sich bewährt. „Ich wecke die Leute auf, wechsle die Bettwäsche, helfe ihnen beim Waschen und Anziehen und gebe ihnen etwas zu essen. Das macht mir Spaß“, sagt Jemal.

Wenn alles gut läuft, kann der Asylbewerber damit rechnen, die nächsten zwei Jahre in Weilheim bleiben zu können. Der Ausbildungszweig an der Fritz-Ruoff-Schule in Nürtingen ist extra für Migranten vorgesehen. In zwei Jahren statt in einem lernen sie nicht nur die deutsche Sprache, sondern werden auch auf den Einbürgerungstest vorbereitet. Dass er nicht zurückkehren will, weiß er schon lange – zumindest solange in seinem Heimatland Eritrea alles beim Alten bleibt.

Jemal ist freilich nicht der einzige junge Eritreer, der seine Siebensachen packt und verschwindet. Denn in dem kleinen Einparteienstaat am Roten Meer haben viele Angst vor dem Wehrdienst von unbestimmter Dauer. Im Alter zwischen 18 und 50  Jahren kann jeder eingezogen werden, ohne zu wissen, wann er wieder rauskommt. Nicht selten vergeht bis zur Entlassung ein halbes Menschenleben. Jemals Vater arbeitet immer noch für die Regierung. „Wenn ich nicht gegangen wäre, wäre das gleiche mit mir passiert“, erzählt Jemal O. Aber das war nicht seine einzige Sorge: „In Eritrea kann man nicht wählen, nicht sagen, was man denkt, nicht leben, wie man will“, sagt er. Das sind alles Gründe, die für ihn schwerer wogen als die Angst vor der langen Reise.

Auf seine Flucht kann er mittlerweile zurückblicken. Am gefährlichsten war die Durchquerung der Sahara, meint er: Inmitten der Wüste gingen ihre Toyota Pick-ups kaputt; statt einer Woche brauchten sie einen Monat. Der Essensvorrat schrumpfte. „Wir haben im Sand nach Essen gesucht“, erinnert sich Jemal. „Manchmal schmeißen andere ihre Lebensmittel weg.“

Jemal ist der erste Flüchtling, der im Seniorenzentrum Kalixtenberg eine Ausbildung beginnt. Dass Menschen aus unterschiedlichen Nationen dort zusammenarbeiten, ist jedoch schon längst keine Neuigkeit mehr. „In unserem Haus sind ein Drittel der Beschäftigten nicht in Deutschland geboren“, sagt Heimleiterin Iris Händler. Neben dem Eritreer beschäftigt das Heim noch Menschen aus Griechenland, Rumänien und Kenia.

Das Seniorenzentrum lebt inzwischen von der Vielfalt. Wann Iris Händler das letzte Mal einen deutschen Bewerber hatte, weiß sie nicht mehr: „Letztlich müssen wir so handeln, wenn wir die Zukunft begehen wollen.“ Viele der Heimbewohner freuen sich darüber. „Wir haben zum Beispiel auch rumänische Bewohner“, sagt Iris Händler. „Die können zwar deutsch, aber es ist für sie trotzdem schön, mit jemandem ihre Kultur zu teilen und alte Lieder zu singen.“

Fest im Weilheimer Seniorenzentrum Kalixtenberg unter Motto "Ferne Länder bei uns daheim" mit Mitarbeitern aus Grichenland, Rumä
Fest im Weilheimer Seniorenzentrum Kalixtenberg unter Motto "Ferne Länder bei uns daheim" mit Mitarbeitern aus Grichenland, Rumänien etc. Mit dabei: Ein Asylbewerber aus Eritrea, der im September eine Ausbildung dort beginnt.
Fest im Weilheimer Seniorenzentrum Kalixtenberg unter Motto "Ferne Länder bei uns daheim" mit Mitarbeitern aus Grichenland, Rumä
Fest im Weilheimer Seniorenzentrum Kalixtenberg unter Motto "Ferne Länder bei uns daheim" mit Mitarbeitern aus Grichenland, Rumänien etc. Mit dabei: Ein Asylbewerber aus Eritrea, der im September eine Ausbildung dort beginnt.
Fest im Weilheimer Seniorenzentrum Kalixtenberg unter Motto "Ferne Länder bei uns daheim" mit Mitarbeitern aus Grichenland, Rumä
Fest im Weilheimer Seniorenzentrum Kalixtenberg unter Motto "Ferne Länder bei uns daheim" mit Mitarbeitern aus Grichenland, Rumänien etc. Trommelgruppe aus Ochsenwng
Fest im Weilheimer Seniorenzentrum Kalixtenberg unter Motto "Ferne Länder bei uns daheim"
Fest im Weilheimer Seniorenzentrum Kalixtenberg unter Motto "Ferne Länder bei uns daheim"
Heute beginnt Jemal O. seine Ausbildung im Seniorenzentrum Kalixtenberg. Neben Griechen, Rumänen und Kenianern ist er nicht die
Heute beginnt Jemal O. seine Ausbildung im Seniorenzentrum Kalixtenberg. Neben Griechen, Rumänen und Kenianern ist er nicht die erste ausländische Pflegekraft in Weilheim. Die Vielfalt im Heim feierten die Bewohner mit internationalem Essen und gambischen Trommelklängen.Fotos: Jean-Luc Jacques