Kirchheimer Umland

Jenseits von Tablet und Spielkonsole

Erziehung Die Ganztagesbetreuung an der Kirchheimer Konrad Widerholt Förderschule ist weit mehr als nur Beaufsichtigung. Hier geht es um die Persönlichkeiten der Kinder. Von Helga Single

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Die Proben der Tanz-AG der Konrad-Widerholt-Förderschule laufen unter der Leitung von Ivette di Pasquale und Joanea Azevedo. Kürzlich zeigten zwölf Mädchen der Unterstufe 3 und 4 im Foyer der Schule ihren Mitschülern, was sie einstudiert haben.

„Hier geht es nicht um Leistung und Perfektion, sondern vor allem darum, emotionale und soziale Kompetenzen zu stärken, um eine Handlungsfähigkeit zu entwickeln und das Selbstbewusstsein unserer Schüler zu stärken“, wie Schulleiterin Susanne Schöllkopf betont. Das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum, kurz SBBZ, mit Förderschwerpunkt Lernen gestaltet Unterstützungsangebote für Kinder und Jugendliche, deren psychische ­Erlebnisweisen zu Schwierigkeiten im Lernen und sozialen Handeln führten. Eng wird mit Schulkindergärten, Kindergärten, Grundschulförderklassen, verschiedenen Beratungsstellen, Jugendämtern und Einrichtungen der Jugendhilfe oder der Kinder- und Jugendpsychiatrie zusammengearbeitet.

Schwerpunkte können aber auch Sprache, Hören, Sehen, geis­tige oder körperliche, motorische Entwicklung sowie emotionale, soziale Förderung sein. Je nach Bildungsgang des Kindes orientiert sich das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum an den Bildungszielen der Schulen: „Unsere Klassen sind jahrgangs­übergreifend. Im ersten Förderjahr suchen wir den „richtigen Platz“ für unsere Schüler, damit sie sich in ihrem eigenen Tempo optimal entwickeln können.“

Nicht nur „normale Schulfächer“ gibt es, sondern auch Fächer wie „Fit 4 Family“. Hier lernen die Kinder alltägliche Handlungsabläufe. Wie putze ich den Herd, wie bügle ich ein Hemd, welche Nahrung ist gesund? „In Familien, in denen es oft keinen geregelten Tagesablauf gibt und die Vorbildfunktion der Erwachsenen fehlt, vermitteln wir Struktur“, sagt Susanne Schöllkopf. Manche Schüler fänden diese Form der Beschäftigung sehr befriedigend und fühlten sich wohl.

Dass den Schülern genügend Raum gegeben werden könne, sei der Ganztagesbetreuung zu verdanken. In den AGs lernten sie Welten jenseits von Tablet und Spielkonsole kennen. An drei Tagen pro Woche gibt es Ganzta­gesangebote zu Kunst, Tanz, Biken, Werken, Jiu Jitsu, Trommeln und mehr. Da springen schon mal reguläre Lehrkräfte zusätzlich am Nachmittag ein.

Jugendbegleiter, Schulsozialarbeiter, sowie vier hauptamtliche pädagogische Fachkräfte stemmen die Ganztagesbetreuung, die in Kirchheim von der FBS organisiert ist. Eine von den vier Betreuungskräften ist Gabi Müllner. Seit elf Jahren begleitet sie Schüler der Konrad-Widerholt-Förderschule in der Ganztagesbetreuung. „Ich hatte das Glück, am Aufbau beteiligt gewesen zu sein, und konnte die Entwicklung miterleben. Das Wichtigste ist, dass alle zum Wohle des Kindes an einem Strang ziehen.“

So ist das gegenseitige Interesse, der Austausch und die Wertschätzung zwischen den Lehrkräften und der Ganztagesbetreuung entscheidend. Das laufe an der Konrad-Widerholt-Förderschule sehr gut. Die Atmosphäre sei familiär, nicht zuletzt wegen der überschaubaren Anzahl von 125 Schülern. Sie arbeitet gerne hier. Schöne Dinge hat sie schon erlebt. So gebe es Kinder, die regelrecht aufblühten, wenn sie hierher kämen. Von Anfang an seien diese Schüler einer Überforderung im Regelsystem ausgesetzt gewesen.

„Schule ist damit negativ besetzt“, weiß Susanne Schöllkopf zu berichten. „Dann ist es schwer, sie zu überzeugen. Nicht das Schulsystem ist überfordert, sondern das Regelsys­tem muss sich bewegen. Weder Eltern noch Kinder tun sich einen Gefallen, wenn ein Kind in ein ungeeignetes System gedrängt wird.“

Tanzend (oben) und bikend, um nur zwei Beispiele zu nennen, verbringen Schüler ihre Freizeit, ohne Computerspiele zu vermissen.F
Tanzend (oben) und bikend, um nur zwei Beispiele zu nennen, verbringen Schüler ihre Freizeit, ohne Computerspiele zu vermissen.Fotos: Carsten Riedl
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