Kirchheimer Umland

Kampf gegen die virtuelle Konkurrenz

Geschäftsentwicklung Der letzte persönliche Filmverleih im Kreis steht mit „Video-Times“ in Deizisau. Inhaber Stefan Koal möchte trotz der Online-Konkurrenz solange wie möglich weitermachen. Von Jan Geissler

As Time goes by: Stefan Koals „Video-Times“ in Deizisau erinnert an die Zeiten vor Netflix und Amazon Prime.Fotos: Roberto Bulgr
As Time goes by: Stefan Koals „Video-Times“ in Deizisau erinnert an die Zeiten vor Netflix und Amazon Prime. Fotos: Roberto Bulgrin

Der 24. Mai 2014 war für lokale Filmliebhaber ein trauriger Tag. An jenem Samstag schloss der „Vidirent“ in Esslingen - eine der größten Videotheken der Region - dauerhaft seine Türen. Ein herber Verlust für alle Freunde des Bewegtbildes. Gleich in mehreren Facebook-Gruppen taten sich Unterstützer des Filmverleihs zusammen und machten sich für eine Wiedereröffnung stark. Vergeblich. Der „Vidirent“ blieb geschlossen, ist damit aber kein Einzelfall. Bundesweit schließt eine Videothek nach der anderen. Im Zeitalter von Streaming-Portalen wie Netflix, Amazon Prime und Co. verzichten immer mehr Menschen auf DVD und Blu-Ray.

Der Abwärtstrend ist rasant

„Ich finde die Entwicklung äußerst schade“, sagt Stefan Koal, der seit 1996 die Videothek Video-Times in Deizisau betreibt - abgesehen von einem Verleihautomaten die letzte im Großraum Esslingen. Der Abwärtstrend ist rasant, das bestätigen die Zahlen vom Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD). Von 2016 bis 2017 sank die Zahl der Videotheken hierzulande von 914 auf 586. Innerhalb eines Jahres hat damit jede dritte Verleihstation zugemacht. Vor zehn Jahren waren es noch rund 3 000. Hinzu kommt, dass die Kundenzahl von 2015 bis 2017 von 4,8 auf 2,6 Millionen gesunken ist, die Vermietvorgänge für Spielfilme brachen im selben Zeitraum gar um mehr als die Hälfte von 68 auf 31 Millionen pro Jahr ein. Dies spiegelt sich auch im Gesamtumsatz wider: Betrug dieser vor drei Jahren noch 165 Millionen Euro, waren es 2017 nur noch 84 Millionen Euro.

Die Hauptursache des geschäftlichen Übels sieht Koal jedoch nicht in der übermächtigen Konkurrenz durch die Streaming-Dienste: „Das kann man schon fast nicht mehr als Konkurrenz bezeichnen, weil die in einer eigenen Liga spielen.“ Viel schlimmer sei das illegale Streaming, die Piraterie. Die Leute hätten nicht mehr die Geduld, so lange zu warten, bis ein Filmtitel in den Regalen auftaucht und würden sich die neuesten Blockbuster dann lieber illegal im Netz anschauen. „Man nimmt die schlechte Qualität in Kauf, statt Geld für eine Leihe zu bezahlen oder ein paar Monate länger zu warten“, sagt ein frustrierter Koal, dessen Laden rund 4 000 Filmtitel führt. Jörg Weinrich, geschäftsführender Vorstand des IWD, stimmt ihm zu: „Ohne eine stärkere Bekämpfung der Piraterie wird es nicht wieder aufwärtsgehen.“

Florian Kerkau von der Strategieberatung Goldmedia dagegen macht sehr wohl auch die Konkurrenz aus dem Internet für den Niedergang der Videotheken verantwortlich. Kerkau vertritt die Überzeugung, dass stationäre Verleiher wie beispielsweise der „Vidirent“ oder auch Koals „Video-Stream“ ihre Existenzberechtigung am Markt verloren hätten. „Das Geschäftsmodell der Videotheken wurde eins zu eins ins Internet übertragen - anstatt in ein Geschäft zu gehen, eine DVD auszuleihen und später zurückbringen zu müssen, reichen heute ein paar Klicks.“

Kontakt ist vielen wichtig

Von einer verlorenen Existenzberechtigung will Koal nichts wissen. Natürlich sei es bequemer, einen Film oder eine Serie online anzuschauen. Der zwischenmenschliche Kontakt, der für den Videotheken-Besitzer die Faszination des Filmverleihs aber ausmacht, falle so jedoch komplett weg. „Die Kunden, die noch regelmäßig vorbeikommen, tun das, weil sie sich umschauen und beraten lassen wollen“, sagt Koal, „diese Menschen legen Wert auf meine Meinung als Fachmann und vertrauen mir blind.“ Online dagegen würde man sich dumm und dämlich suchen, ehe man den für sich richtigen Film gefunden habe. Hinzu kommt, dass die Leihgebühren im Netz oftmals sogar höher sind. „Wer einen neuen Film für zwei Kalendertage ausleihen will, bezahlt bei uns 3,60 Euro - bei Amazon Prime oder Maxdome sind es um die vier Euro“, nennt Koal einen Vorteil der Videothek.

In seinem Laden führt Koal, wie er selbst sagt, alle Genres des Spielfilm- sowie des Hardcore-Bereichs. Wenngleich die Spielfilme inzwischen deutlich besser laufen würden als die Hardcore-Streifen. Und wer leiht noch Filme aus? Auch das lässt sich nicht pauschal sagen. „Wir haben einerseits viele Stammkunden, genauso kommen aber auch ständig Neukunden aus allen möglichen Altersklassen und Bevölkerungsschichten“, sagt Koal und nennt ein Beispiel: „Erst kürzlich war eine Gruppe junger Menschen im Alter zwischen 20 und 25 Jahren da, die einen Horrorfilmabend machen wollten und dafür eine gute Auswahl an Horrorfilmen haben wollte - so was finde ich cool.“

Kein Markt für Videotheken

Allzu große Hoffnungen für die Zukunft macht er sich dennoch nicht. „Man wird nachdenklich, wenn eine Videothek nach der anderen die Segel streicht, aber ich kann die Menschen ja auch nicht in den Laden hineinprügeln“, sagt Koal, der noch solange wie möglich weitermachen möchte. Ob es dann letztlich fünf, zehn oder womöglich sogar 15 Jahre werden, kann er nicht einschätzen.

Glaubt man Hermann-Dieter Schröder vom Hans-Bredow-Institut an der Universität Hamburg, dann sind die Perspektiven allerdings düster: „Der Videothekenmarkt wird in der Bedeutungslosigkeit versinken.“ Demnach werde die Zahl der Videotheken in zehn Jahren gegen Null tendieren. Koal ist das durchaus bewusst: „Ich weiß, dass irgendwann Schluss sein wird, solange es aber noch geht, mache ich weiter.“ Erst wenn das Geschäft irgendwann einmal nicht mehr genügend Geld abwerfe, will er schließen. Denn umsonst möchte selbst er nicht arbeiten.

Stefan Koal baut auf seine Beratungskompetenz und versucht damit, der Konkurrenz aus dem Netz zu trotzen.
Stefan Koal baut auf seine Beratungskompetenz und versucht damit, der Konkurrenz aus dem Netz zu trotzen.