Kirchheimer Umland

Kein evangelischer Held

Reformationsjahr Der Hörfunkjournalist und Pfarrer Andreas Malessa hat sich für sein Buch monatelang mit Martin Luther beschäftigt. Das hat sein Bild des Reformators nachhaltig verändert. Von Roland Kurz

Foto: Roberto Bulgrin
Andreas Malessa. Foto: Roberto Bulgrin

Falsche Zitate, Halbwahrheiten und lustige Irrtümer -Andreas Ma­lessa hat bei seiner Recherche zu Martin Luther jede Menge gefunden. Der Hörfunkjournalist und Pfarrer aus Hochdorf hat daraus das Büchlein „Hier stehe ich, es war ganz anders“ gemacht und tourt damit durchs Land.

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Sie waren jetzt lang mit Ihrem Buch unterwegs. Welche Bilanz ziehen Sie nach Ihrem Luther-Jahr?

Andreas Malessa: Ich war drei Herbste mit dem Luther-Buch unterwegs. Es ist ja schon im Frühjahr 2015 erschienen. Nun habe ich gedacht, dass mit dem Reformationstag alles vorüber ist, aber es scheint erst richtig loszugehen. In vielen Kirchengemeinden ist man erst jetzt auf das Buch aufmerksam geworden.

War das Buch ein lang gehegter Wunsch?

Malessa: Nein, das war eine Idee des Verlags. Ich wollte anfangs nicht, weil ich gedacht hatte, mit solchen Experten wie dem Historiker Heinz Schilling kann ich nicht mithalten. Aber der Verlag wollte etwas, was Laien verstehen, etwas Humoriges.

Das Buch hat schon sieben Auflagen. Wie viele Bücher haben Sie bislang verkauft?

Etwa 30 000. Das reicht noch nicht für die Spiegel-Bestsellerliste. Doch das Buch verkauft sich sehr gut auf den Veranstaltungen. Ich habe dieses Jahr etwa 90 gemacht, so viele wie bei keinem meiner früheren Bücher.

Wir können jetzt nicht alle Anekdoten und Irrtümer besprechen, die Sie in ihrem Buch aufarbeiten. Was war denn Ihr Ansatz?

Ich wollte zwei Dinge machen: Ich hatte Lust, Lustiges zu erzählen, diese vielen populären Irrtümer zu beleuchten und Anekdoten zu überprüfen, etwa die Geschichte, ob in Luthers Hochzeitsnacht tatsächlich jemand dabei war. Tatsächlich ging es um Materielles: In dieser Zeit, als es kein Standesamt gab, musste jemand bezeugen, dass die beiden „unter einer Decke steckten“. Damit waren die Versorgungsansprüche der Eltern und der Kinder von Katharina von Bora abgesichert. Die Zeugen, ein Pfarrer und ein Jurist, haben dann natürlich nicht mehr geguckt, was die unter der Decke machen.

Und das zweite Anliegen?

Ein ernstes Anliegen. Ich wollte dazu beitragen, dass wir nicht „Martin Superstar“ feiern. Luther war ein mittelalterlicher Mensch. Je mehr Sie sich mit ihm beschäftigen, umso fremder wird er einem. Oft wird er als Antisemit kritisiert. Der frühe Luther hat sich aber gegen den Antisemitismus gewandt. Er war Anti-Judaist - wegen seines Glaubens, nicht wegen der Rasse. Man kann Luther nicht als Mensch feiern.

Sondern . . .

Wir feiern ihn wegen seiner kulturellen Nachwirkung. Er ist ein Wegbereiter der Aufklärung, und er hat den Individualismus erfunden. Die Wellen, die sein Stein vor 500 Jahren erzeugt hat, spüren wir heute noch. Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit, die Bewertung eines Menschen unabhängig vom Besitz.

Hat die evangelische Kirche ihn auf die richtige Art gefeiert?

Finde ich schon. Die EKD hat kein antikatholisches Jubeljahr begangen, sondern wir haben gefeiert, was Gott durch Luther getan hat. Das war ein Beispiel gelungener Ökumene.

Wie haben Sie den Hintergrund Ihrer Anekdoten recherchiert? Zeitzeugen konnten Sie ja nicht befragen.

Ich habe natürlich Zweitliteratur ausgewertet. Ich habe nicht Luthers 2 500 Briefe im Original gelesen. Ich habe auch nicht alle 300 Aufsätze gelesen, die sich mit dem Thesenanschlag beschäftigen und in denen immer noch heftig gestritten wird. Ich wollte kein wissenschaftliches Werk verfassen.

Und, hat Luther die 95 Thesen an die Tür genagelt oder nicht?

Ich denke nein. In seinen ganzen Predigten, Büchern, Briefen, auch in den 7 000 Tischreden wird nirgendwo erwähnt, dass er die Thesen an die Tür genagelt hat. Und Luther ist ja nicht uneitel, sondern erzählt gerne Anekdoten. Warum hätte er ausgerechnet jene Aktion, für die er schon zu Lebzeiten berühmt wurde, verschweigen sollen? Einem Freund schreibt er sogar, er habe nicht die Absicht gehabt, die Thesen öffentlich zu machen.

Und wie kam es zu der vermutlich falschen Überlieferung?

Ich vermute, es war eine Verwechslung mit Luthers 100 Thesen gegen die scholastische Theologie. Darüber sollten seine Studenten diskutieren, und es war üblich, dass Prüfungsthemen für Studenten angeschlagen wurden.

Inwiefern hat sich Ihr Luther-Bild aufgrund der Recherche für das Buch verändert?

Vorher habe ich ihn als gloriosen Reformator betrachtet. Aber Luther ist weniger ein evangelischer Held, als ein Mensch, der aufgrund seiner Verhältnisse in eine bestimmte Situation hineingeraten ist. Was dabei rausgekommen ist, war nicht geplant. Luther hat die katholische Kirche auf ihre Fehler aufmerksam gemacht, reformiert oder restauriert hat sie sich dann selbst, nach Luthers Tod.

Sie sind also nach wie vor von ihm beeindruckt.

Am meisten beeindruckt hat mich seine christologische Hermeneutik. Sein Verständnis verhindert christlichen Fundamentalismus. Wie er Gehorsam und Freiheit aus der Bibel ableitet, finde ich großartig.

Freiheit scheint Ihnen sehr wichtig zu sein. Das könnte man zumindest aus Ihren Wirkungsfeldern schließen.

Seit meinem Abitur im Jahr 1974 habe ich nur das gemacht, was mir Spaß macht, jeden Tag. Das ist ein unschätzbarer Luxus. Drei Mal hatte ich die Chance, fest angestellt zu werden - ich habe es immer abgelehnt. Ich habe mich auch nie irgendwo beworben, die Aufträge sind zu mir gekommen. Nach dem Theologie-Studium in Hamburg war ich freier Mitarbeiter beim Deutschlandfunk, 28 Jahre lang. Kaum war ich nach Hochdorf gezogen, hat Matthias Holtmann vom SWR bei mir angerufen.

Sie sind bei einer evangelischen Freikirche. Haben Sie diesen Weg selbst gewählt?

Nein, ich bin Sohn eines Baptisten, eines norddeutschen Baptisten, das ist etwas anderes als ein Stuttgarter Baptist. Ich komme aus einem sehr freiheitlichen Elternhaus. Jetzt bin ich Mitglied der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde in der Esslinger Urbanstraße. Als Prediger bin ich zwar etwa 30 Mal im Jahr in verschiedenen Gemeinden gefragt, hatte aber nie eine eigene Gemeinde.