Kirchheimer Umland

Kein Verständnis am Bahnsteig

Umfrage am Kirchheimer Bahnhof zum Streik im Schienenverkehr

Von heute an geht der Streik der Lokführer bei der Deutschen Bahn in eine weitere Runde. Auch die S-Bahnen rund um Stuttgart sind betroffen. Bei vielen Pendlern sorgt der mehrtägige Streik für Unverständnis.

asdf ghjklFotos: Jean-Luc Jacques
asdf ghjklFotos: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. „Ich finde es eine Unverschämtheit – auch, weil es so kurzfristig kam“, sagt Michaela Strähle aus Wendlingen. Die 34-jährige Industrieelektronikerin pendelt jeden Tag zu ihrer Arbeitsstelle in Owen und bezahlt pünktlich ihre Fahrkarte im Monatsabo. „Wenn die Züge dann nicht fahren, ärgert mich das natürlich. Ich habe leider kein Auto, und mein Mann kann mich nicht immer mitnehmen, weil er im Schichtdienst tätig ist“, erklärt sie. „Wenn die Industrie so einen Streik veranstalten würde, wäre das Land tot. Ich habe kein Verständnis dafür.“

In einer ähnlichen Situation steckt Michael Gulden: Der 28-jährige Wendlinger arbeitet als Reifenmonteur in Kirchheim und muss regelmäßig auf die S-Bahn zurückgreifen. „Wann immer es geht, versuche ich eine Fahrgemeinschaft mit einem Arbeitskollegen zu bilden“, sagt er. Das funktioniere jedoch nicht immer, und es sei nicht das erste Mal, dass er vom Bahnstreik betroffen ist. „Wenn es nicht so oft passieren würde, wäre es nicht so schlimm. Aber durch die ausgedehnten Streiks gewinnen weder die Bahn noch die Gewerkschaften meine Sympathien. Es trifft die Falschen“, meint Michael Gulden.

„Ich bin stinksauer“, sagt Rudolf Jaretzke. Er hat vergangene Woche ein Bahnticket nach Köln gebucht – für Sonntag, 10. Mai, um 8.10 Uhr. „Der Streik geht aber bis 9 Uhr“, erklärt der gebürtige Kölner. Auf den Stress und die Ungewissheit, ob bis dahin der Schienenverkehr wieder reibungslos läuft, hat der 53-Jährige keine Lust. „Ich verlange heute mein Geld zurück“, sagt er. Sein Hotel in Köln sei bereits gebucht. Um nicht stornieren zu müssen, hat er sich eine Alternative ausgesucht: „Ich habe kurzfristig einen Fernbus gebucht.“ So verliert er zwar einen Tag, aber das sei „immer noch besser, als die Reise ganz abzuschreiben“.

Daniela Dyšny aus Esslingen ist an diesem Tag mit dem Zug unterwegs nach Hause. „Wie jeden Montag, wenn ich das Wochenende bei meinem Partner in Kirchheim verbracht habe“, erklärt sie. „Ich habe kein Internet. Ich müsste mich anderweitig schlaumachen, über die Hotline etwa“, sagt sie über den Streik. Glücklicherweise ist sie dieses Mal nicht direkt betroffen, da der Streik bis Sonntagmorgen angekündigt ist. Bis Montag sollte der Fahrplan wieder seinen geregelten Gang gehen – zumindest hofft sie das. Daniela Dyšny bleibt selbst wohl vom Bahnstreik verschont, aber für die Pendler tut es der 36-Jährigen schon leid. „Wenn man beruflich auf die Bahn angewiesen ist, dann ist so ein Ausfall sehr unangenehm.“

„Wenn es sein muss, werde ich mit dem Auto fahren“, erklärt Dogan Karagüz aus Owen. Zweimal in der Woche nimmt der 18-Jährige den Zug, um zum Berufskolleg in Nürtingen zu gelangen. Der Schüler bezahlt regelmäßig seine Monatskarte und hatte bisher keine Probleme mit dem Schienenverkehr. Auch wenn er ins Kino nach Esslingen oder Stuttgart fährt, haben ihn die vergangenen Bahnstreiks kaum beeinträchtigt. „Ich hatte bisher aber wohl Glück.“

Andere Erfahrungen hat Justine Kromer aus Nürtingen gemacht. Die 20-Jährige besucht die John-F.-Kennedy-Schule in Esslingen und legt den Schulweg mit Bus und Bahn zurück. „Ich war schon oft betroffen, aber es ist nicht ganz so schlimm“, versucht sie die Situation zu relativieren. Dadurch, dass trotz allem pro Stunde ein Zug gefahren sei, habe sich ihre Ankunft verzögert – das sei zu verschmerzen gewesen. Generell ärgert sie der Streik dennoch, denn „es ist umständlich“. Sie wünscht sich, dass schnell eine Einigung erzielt wird. „Das zieht sich schon so lange hin. Es geht dabei aber nicht alleine um das Geld“, vermutet sie.

Andreas Delfanti wird in dieser Woche schauen müssen, wie er zu seiner Mutter nach Köngen kommt. „Sie ist 80 Jahre alt, und ich begleite sie regelmäßig zur Krankengymnastik und zum Einkaufen. Alleine kann sie das nicht“, sagt der 51-jährige Kirchheimer. „Ich habe nichts dagegen, dass gestreikt wird. Das ist deren gutes Recht“, betont er. „Ich scheue mich aber nicht, Weselsky mit Putin zu vergleichen. Beide können oder wollen nicht zurückrudern und halten verbissen an ihrem Standpunkt fest.“ In beiden Fällen treffe es aber die einfachen Leute. „Das halte ich für falsch.“

Info

Die Deutsche Bahn hat für die S-Bahnen rund um Stuttgart einen Ersatzfahrplan aufgestellt. Am Kirchheimer Bahnhof fährt die S 1 Richtung Herrenberg stündlich zur Minute 21 ab. Die kleine Teckbahn (R 81 Kirchheim–Oberlenningen) kann streikbedingt nicht fahren.

Dogan Karagüz
Dogan Karagüz
Justine Kromer
Justine Kromer
Michaela Strähle
Michaela Strähle
Andreas Delfanti
Andreas Delfanti
Michael Gulden
Michael Gulden
Daniela Dyšny
Daniela Dyšny
Rudolf Jaretzke
Rudolf Jaretzke
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