Kirchheimer Umland

Keine Angst vor Sex im Alter

Vortrag „Das Beste kommt noch“ verspricht Autor und Wissenschaftler Eckart Hammer. Er war Gast der Reihe „Was Männer bewegt“ in Kirchheim. Von Thomas Zapp

Auf interessierte Zuhörer im Möbelhaus traf Professor Eckart Hammer in Kirchheim. Foto: Markus Brändli
Auf interessierte Zuhörer im Möbelhaus traf Professor Eckart Hammer in Kirchheim. Foto: Markus Brändli

Was Männer bewegt, muss auch mal gesagt werden. Das meint zumindest auch eine Frau. „An Männer wird nie gedacht, die funktionieren ja immer“, sagt Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker zur Begrüßung der rund 30 Gäste, überwiegend Männer. Sie muss es wissen: Mit einem ist sie seit 40 Jahren verheiratet, zwei weitere hat sie groß gezogen. Und gerade die Generation „60 plus“, weiß die Rathauschefin und Schirmherrin der Reihe „Was Männer bewegt“ aus eigener Anschauung, denke zu wenig an die eigene Gesundheit und die Pflege von Freundschaften.

Das aber ist gerade ab 50 besonders wichtig, sagt der Vortragende des Abends, Eckart Hammer, der auf Einladung des Kirchheimer Vereins Buefet gekommen ist. Hammer, Jahrgang 1954, berichtet zunächst aus eigener Erfahrung. „Ich bin unter Frauen aufgewachsen. Mein Vater war meistens mit anderen Dingen beschäftigt.“ Das hat Konsequenzen: Sobald die Männer als Rentner über genug Zeit verfügen, haben sie keine Möglichkeit mehr, eine Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Die sind nämlich schon vor geraumer Zeit ausgezogen.

Der Reutlinger ist Diplom-Sozialpädagoge, Sozialwissenschaftler, Buchautor und seit 1999 Professor für Soziale Gerontologie an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Er beschäftigt sich also wissenschaftlich mit dem Altern. Trotz aller Defizite der aktuellen Jungsenioren-Generation kündigt er an: „Das Beste kommt noch!“ Was ihn zu dieser optimistischen Einschätzung veranlasst, erklärt er in kurzweiligen anderthalb Stunden im Obergeschoss eines Möbelhauses.

Der Ort ist mit Bedacht gewählt: Gemeindehäuser mit Gesprächskreisen, die sich um Kerzen und Tücher anordnen, schrecken die Zielgruppe eher ab. Und die kriegt erstmal einiges zu hören. „Ich nenne die Zeit um die 50 auch beim Mann die Wechseljahre. Sie bieten die Chance, etwas zu ändern und sich Fragen zu stellen. Hab ich das Richtige getan? Was sind meine Ideale? Hatte ich genug Zeit für Kinder?“

Für ein Geräusch zwischen Lachen und Raunen unter den Zuhörern sorgt Hammers Todesanzeige für den Mann, der aus dem Berufsleben scheidet. In Österreich ist das Wort „Ableben“ gleichbedeutend mit „Ruhestand“, erklärt Hammer. Unter den Trauernden befinden sich in der Anzeige verschiedene Lebensinhalte des berufstätigen Mannes: Die Ernährer-Rolle, seine Tages- und Lebensstruktur, seine beruflichen Beziehungen, sein vom Wohnen getrennter Bereich im Büro, seine finanziellen Spielräume. Der moderne Mann mit Teilzeitjob oder Home-Office findet in die Betrachtung noch keinen Einzug, vermutlich weil keiner dieser Männer das Rentenalter erreicht hat.

Beim Bild, das Hammer vom pensionierten Mann zeichnet, taucht im Geiste immer wieder Herr Lohse aus Loriots „Papa ante Portas“-Verfilmung auf. „Der Ruhestand kommt für viele Männer überraschend“, meint Eckart Hammer süffisant. Und nicht nur das: Galt früher, dass nach der Rente mit 70 nur noch ein paar Lebensjahre kommen, hört heute die Hälfte mit 60 auf zu arbeiten und hat dann noch 25 Jahre oder mehr vor sich. Wer die nicht ausfüllen kann, dem drohen Einsamkeit, Sucht und sogar Suizid. Letzterer kommt bei Männern im Alter deutlich häufiger vor als bei Frauen.

Was also tun? Laut Hammer gibt es vier Wege: Die späte Freiheit auskosten, zum Beispiel endlich mal reisen. Auch gibt es die Chance für ein Nachholen der Versäumnisse als Vater: Indem man sich um die Enkel kümmert. „Fangen Sie gleich damit an, denn es gibt Konkurrenz“, sagt er. Dann gilt es, Kompetenzen weiterentwickeln und Neues lernen. „Sie wissen nicht, was in Ihnen steckt“, sagt er. Drittens gibt es die Möglichkeit, sich zu engagieren und Gutes zu tun und viertens „an später denken“, sprich: an den Tod. Das würde entgegen aller Vorurteile befreien. Sport ist natürlich auch kein Fehler und wer sich um das Thema Sex sorgt, den beruhigt Hammer: „Der beste Sex findet zwischen 55 und 65 statt, weil er auf Harmonie beruht.“ Viagra und Leistungsdruck? Völliger Quatsch, weil unnötig, befindet der Wissenschaftler.

Professor Hammer hat auch schon seinen ganz persönlichen Plan für den Rentenbeginn in einem Jahr: Wandern auf dem Jakobsweg. „Aber von meinem Zuhause in Reutlingen aus, die ganze Strecke zu Fuß. Ich weiß nur nicht, ob mir das meine Frau erlaubt.“

Wandern hat sich auch der Vortragende für seinen Ruhestand auf die Fahnen geschrieben. Foto: Jean-Luc Jacques
Wandern hat sich auch der Vortragende für seinen Ruhestand auf die Fahnen geschrieben. Foto: Jean-Luc Jacques
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