Kirchheimer Umland

Keine Rede mehr von „Frauenkunst“

„Kunst in der Region“ im Kirchheimer Kornhaus zu sehen

Gestickte QR-Codes verbergen ihre Weisheiten auf den ersten Blick.Foto: Genio Silviani
Gestickte QR-Codes verbergen ihre Weisheiten auf den ersten Blick.Foto: Genio Silviani

Kirchheim. In den neunzehnhundertachziger Jahren sprach man von „Frauenkunst“, wenn anspruchsvollen Themen mit Strick- und Stickbildern zu Leibe gerückt wurde. Davon kann heute keine Rede mehr sein.

Anzeige

Kai Bauer

Im Gegenteil – erst während der Eröffnung der Ausstellung „Kunst in der Region“ im ersten Obergeschoss des Kornhauses wird einem bewusst, dass hier drei weibliche Künstlerinnen die Städte Stuttgart, Esslingen und Salach vertreten. „Der Begriff Feministische Kunst spielt für mich keine Rolle mehr“ stellt die Künstlerin Ingrid Schütz klar. Und obwohl Stickrahmen oder Geschirr mit Punktemustern in der Ausstellung auftauchen, sind es vielmehr digitale Medien, die auf der technischen Seite, und das Hinterfragen von komplexen Wahrnehmungsmustern auf der konzeptuellen Seite, die zentral in den Werken der Künstlerinnen bearbeitet werden. Rot mit weißen Punkten ist alles, aber auch alles, was Ingrid Schütz sammelt, vom Klodeckel über Schuhe, Bälle, Plastiktaschen oder Kinderpullover.

„In Erinnerung bringen/die Sammlung“ ist der Titel ihrer Installation, die die ganze Raummitte des Obergeschosses im Kornhaus belegt. Ihre jahrelange Sammeltätigkeit begann mit einem ebenso gemustertes Kleid, das sie in Barcelona trug, als sie eine Schachtel fand, die ebenfalls das „Fliegenpilzmuster“ hatte. Das Graphische verband sich dabei mit dem Biografischen. Ingrid Schütz entwickelt Rauminstallationen, fertigt davon Fotoserien, mit denen sie Ausstellungsbeiträge bestreitet. Die Objekte sind völlig unterschiedlich, primär arbeitet sie mit dem rotweißen Muster, das bei vielen Betrachtern ein Lächeln hervorruft. Der Pilz, die ursprüngliche Vorlage für dieses Alltagsmotiv, spielte erst später und nur am Rande als Fotomotiv eine Rolle.

Maks Dannecker verwendet für viele ihrer Arbeiten den Begriff „Digitalcollage“. Als Dibonddruck hinter Acrylglas erscheinen sie auf den ersten Blick wie klassische Fotoarbeiten, denen oft monochrome Flächen gegenübergestellt werden. Die Motive, meist Stadtlandschaften, sind auch selbst fotografiert, sie werden jedoch in vielen Verarbeitungsschritten zu eigenständigen, fiktionalen Bildern, die keine Dokumentation über die gesehene Wirklichkeit mehr liefern. Kompositionen von einfarbigen Flächen scheinen in anderen Arbeiten hinter milchigem Glas zu schweben und erinnern auch angesichts der vielfältigen Möglichkeiten digitaler Bearbeitung daran, dass die ursprüngliche Bedeutung von Fotographie „Zeichnen mit Licht“ heißt.

„StixelWerk-textile Texte: Mein Archiv2.0“ nennt die Künstlerin Gaby Burckhardt ihre kleinformatigen QR-Codes, die von einem Smartphone gelesen werden können. Auf den zweiten Blick erst zeigt sich ihre handwerkliche Herstellung: sie erweisen sich als klassische Stickereien, wie man sie früher auf Geschirrtüchern oder an der Wand als „Küchensprüche“ fand. Diese moralischen Alltagsweisheiten sind tatsächlich Inhalt einiger der QR-Codes. Aber auch Zitate aus Literatur und anderen Texten kann man entschlüsseln und lesen. Damit erweisen sie sich als Metaphern für die Wahrnehmung von Kunst im allgemeinen: auf ganz unterschiedlichen Ebenen dringt der Betrachter mit seinem Verständnis in das Werk ein.

Zu Beginn der Eröffnung begrüßte Kirchheims Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker die zahlreichen Besucher. Besonders hob sie die Attraktivität der Veranstaltungsreihe „Kunst in der Region“ hervor, die seit vielen Jahren Künstlerinnen und Künstler aus Wendlingen, Nürtingen und Kirchheim, also dem Altkreis Nürtingen, zeigt, und sich seit Neuestem auch allen Städten und Gemeinden der Region, diesmal also Esslingen, Salach und Stuttgart, geöffnet hat. Für die Realisierung dieser Ausstellung dankte sie dem Kunstverein Kirchheim. „Vor allem schätze ich den Einsatz von Frau Gabi Finkbeiner, sie hat über Jahre eine unermüdliche Arbeit für die Kunst geleistet“ betonte Frau Matt-Heidecker. Diese Reihe biete immer wieder Anlass für Kunstinteressierte, auch von außerhalb nach Kirchheim zu kommen.