Kirchheimer Umland

Kerzen leuchten für den Frieden

Ritual Die Dettinger Pfadfinder holen jedes Jahr mit der Bahn das Friedenslicht aus Stuttgart ab. Dafür ist eine Laterne Marke Eigenbau nötig und eine Sondergenehmigung. Von Iris Häfner

Die Geburtskirche in Bethlehem.Foto: Carsten Riedl
Die Geburtskirche in Bethlehem.Foto: Carsten Riedl

Ein Licht geht um die Welt: das Friedenslicht. In Zeiten des Terrors, vieler Kriege und grenzenloser Unsicherheit nahezu allerorten scheint es wichtiger denn je, ein Zeichen des Friedens zu setzen – und ein Symbol dafür zu haben.

Es ist angekommen, zumindest bei den Pfadfindern in Dettingen. Am dritten Advent hat sich eine Gruppe von Kindern und jungen Erwachsenen mit der S-Bahn auf den Weg nach Stuttgart gemacht. Im Gepäck und für alle sichtbar hatten sie ein Windlicht samt unentzündeter Kerze. „Die Laterne ist Marke Eigenbau. Die schöne, große Kerze ist in Sand eingelassen“, erklärt Moritz Dilger von den Dettinger Pfadis. „Wir treffen uns immer am Bahnhof, wenn in Dettingen der Weihnachtsmarkt stattfindet“, sagt der 19-Jährige. Er war der Lotse für die Gruppe, denn mit den „Öffis“ in der Landeshauptstadt kennt sich der Auszubildende in der IT-Branche bestens aus, sein Arbeitsplatz befindet sich dort.

Alle Religionen dürfen teilnehmen

Die jüngste Sippe der Dettinger Pfadfinder holt traditionell das Licht ab, begleitet wurde sie dieses Mal von vier Betreuern. Ihr Ziel war die katholische Kirche Sankt Elisabeth im Stuttgarter Westen, denn dort fand beim ökumenischen Gottesdienst die zentrale Aussendungsfeier für das Friedenslicht in der Region statt. Ausdrücklich alle Religionen dürfen daran teilnehmen, seien es Juden, Moslems, Buddhisten oder andere. „Die Kirche ist immer proppenvoll mit Pfadis in ihrer Kluft, die den Gottesdienst auch komplett abhalten. Kein Pfarrer war dort offiziell da“, erklärt Moritz Dilger. Die Liturgie ist an diesem Tag etwas länger, nicht zuletzt gehört das Abholen des Lichts als zentrale Angelegenheit dazu. „Das Licht wird in einer großer Laterne von Kindern reingetragen. Das ist schon spannend“, sagt der Dettinger. Es bildete sich eine Schlange und jeder entzündete dann nacheinander die eigene Kerze. Nach der Zeremonie machten sich die wenigsten sofort auf den Weg nach Hause, man traf alte Bekannte bei Kinderpunsch, Glühwein und Lebkuchen.

Doch irgendwann ging es zur Bahn. „Wir hatten Glück und trafen die Zugführer beim Schichtwechsel an. So konnten wir sie direkt ansprechen und erklären, dass wir das Friedenslicht dabei haben“, sagt Moritz Dilger. Die Bahn hat klare Vorschriften, was die Sicherheit in ihren Zügen anbelangt. Für eine brennende Kerze ist quasi eine Sondergenehmigung nötig. Das Transportmittel ist genau reglementiert: der Boden muss komplett mit Sand befüllt sein, das Gefäß selbst entweder aus Metall oder Glas und zudem komplett geschlossen mit Luftlöchern. Das Umsteigen verlief ebenfalls problemlos, der Platz beim Feuerlöscher – eine weitere Vorschrift der Bahn – gefunden.

Eine Woche lang hütete ein Pfadfinder pflichtbewusst das Licht. „Derjenige muss vorbildlich damit umgehen, ehe es am vierten Adventssonntag im Gottesdienst leuchtet“, erklärt der 19-Jährige. Der fand in der evangelischen Kirche statt, der Pfarrer hielt ihn ab und die Pfadis gestalteten ihn mit. Jeder war dort willkommen, um das Friedenslicht abholen zu können. Ein Streichholz ist bei diesem Ritual verpönt: Es wird entweder von Kerze zu Kerze entzündet oder mit einem Holzstab. „Es gibt Leute, die kommen jedes Jahr“, sagt Moritz Dilger. Von der Dettinger Sankt-Georg-Kirche findet das Licht dann seinen Weg in Altenheime, Krankenhäuser – und zu jedem, der es bei sich zu Hause haben will.

Das Friedenslicht aus Bethlehem

Das Friedenslicht gibt es seit 1986. Entstanden ist die Aktion dank des Österreichischen Rundfunks, weshalb Wien eine zentrale Rolle beim Verteilen des Lichts spielt. Jedes Jahr aufs Neue entzündet ein Kind an der Flamme der Geburtsgrotte Christi in Bethlehem dieses besondere Licht. Mit dem Flugzeug wird es dann nach Wien gebracht, wo Pfadfinder es übernehmen. Die verteilen das Friedenslicht ab dem dritten Advent an über 500 Orten in Deutschland.

Das Motto der Aktion in diesem Jahr lautet „Frieden: Gefällt mir – ein Netz verbindet alle Menschen guten Willens“. Damit sollen der Austausch und die Vernetzung aller Friedenspfadfinder über das Internet sowie die Sozialen Netzwerke im Mittelpunkt stehen – denn dieses Netz verbindet nach Aussage der Organisatoren alle Menschen guten Willens und kann dazu beitragen, die Idee des Lichts – „ein Europa in Frieden“ – zu verbreiten. ih

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