Kirchheimer Umland

Kinder erobern ihre Stadt

160 Kirchheimer Drittklässler nehmen an der vierten Kelly-Rallye teil

Nicht Fasching, sondern Kelly-Rallye: Im Modehaus Fischer gibt es Bonbons satt.Fotos: Jean-Luc Jacques
Nicht Fasching, sondern Kelly-Rallye: Im Modehaus Fischer gibt es Bonbons satt.Fotos: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Auf dem Rollschuhplatz sitzen 160 Drittklässler und scharren mit den Hufen. In ein paar Minuten fällt der Startschuss für die vierte Kirchheimer Kelly-Rallye. Die Kinder laufen mit Eltern, Lehrern oder

Antje Dörr

Großeltern von Kelly-Insel zu Kelly-Insel, lösen kleine Aufgaben und bekommen etwas Süßes. Was nach Spaß klingt, hat einen ernsten Hintergrund. „Wir wollen, dass ihr die Geschäfte wirklich kennenlernt. So dass ihr den Mut aufbringt, hineinzugehen, wenn ihr mal in Not seid“, sagt Brigitte Hartmann-Theel von der Stadtverwaltung und nennt damit den Sinn der 140 Kelly-Inseln im Stadtgebiet: Anlaufstellen für Kinder sein, die Hilfe brauchen. Sei es, weil sie sich belästigt fühlen oder weil sie sich das Knie aufgeschlagen haben und ein Pflaster brauchen. Azubis der Stadt haben die Rallye ausgetüftelt. Hartmann-Theel gibt den Kindern und ihren Begleitern eine Bitte mit auf den Weg. „Zeit spielt in diesem Jahr keine Rolle. Wir wollen nicht, dass ihr ohne zu schauen über rote Ampeln oder Zebrastreifen rennt und euch in Gefahr bringt“.

Eine Gruppe nach der anderen setzt sich in Bewegung. Iris, Kian, Max, Ryan und fünf weitere Kinder überqueren den Rollschuhplatz und laufen in Richtung Bastion, immer Heike Winter hinterher. Die Mutter weiß, wo's lang geht: Sie hält den Zettel mit Stationen und Aufgaben in der Hand. Mit dabei sind auch Gerhard und Renate Wieden, Kians Großeltern, die am Morgen extra aus Ehningen gekommen sind, um ihren Enkel und die Gruppe zu begleiten. Acht Inseln hat die muntere Mannschaft vor sich. Doch bei der ersten Station wird sie erst einmal jäh ausgebremst: Das Geschäft ist noch geschlossen. Bis 9.30 Uhr warten, kommt nicht infrage. Auch wenn Zeit keine Rolle spielt.

Also weiter zum Modehaus Fischer. Seit wann gibt es das Geschäft? Das müssen die Kinder herausfinden. Ein Mitarbeiter ist sofort zur Stelle. „Seit 103 Jahren“, sagt er und fügt im Scherz hinzu: „Wir sind aber noch nicht von Anfang an dabei.“ Ob die Kinder weitere Fragen haben, will er wissen. „Ja. Gibt es einen Kaffee?“, fragt der kecke Max. Nein, Kaffee gibt es für die Kinder nicht. Dafür regnet es Bonbons. Die Kinder stopfen sich die Taschen voll. Und machen sich mit dicken Backen wieder auf den Weg.

Mittlerweile ist es 9.25 Uhr. Die Gruppe beschließt, es noch einmal bei Station Nummer 1 zu versuchen. Vergeblich: Das Geschäft hat noch immer nicht geöffnet. „Vielleicht sehen wir ja von außen, wie viele VW-Käfer es in dem Laden gibt“, schlägt Heike Winter vor. Die Kinder drücken sich die Nasen an der Schaufensterscheibe platt und zählen. Sicher sind sie nicht. Sie werden einen dritten Anlauf starten müssen.

Nächste Station: Theuner Bürostühle. Die Frage nach dem früheren Standort des Geschäfts können die Kinder selbst beantworten: „Oben beim Rössle“. Bei Ursula Theuner gibt‘s nicht nur Bonbons, sondern auch ein bisschen Action: Die Kinder dürfen auf einem höhenverstellbaren Schreibtisch Aufzug fahren. „Mit so einem Tisch kann man prima seinen Rücken entlasten“, sagt Ursula Theuner. Max möchte den Tisch am liebsten gleich mitnehmen. Der Preis übersteigt sein Vermögen allerdings bei Weitem.

„Juhuu, wir machen einen Banküberfall“, ruft ein Mädchen, als die Kinder sich der Kreissparkasse nähern. Sorge, dass sie ins Gefängnis kommt, hat sie nicht. „Ich bin doch noch viiiel zu jung“. Die Kinder müssen herausfinden, welche Farbe der 500-Euro-Schein hat. Iris hat eine Vermutung: „Wir glauben, lila“, sagt sie. Richtig: Die Frau am Schalter hebt einen 500-Euro-Schein hoch. Ryan kann gerade noch daran gehindert werden, damit stiften zu gehen.

Beim Teckboten sollen die Kinder die Zeitung nach dem Impressum durchsuchen. Das ist schnell gefunden. Aber wer ist der Herausgeber? Fangfrage. Schließlich sind es zwei. „Ulrich Gottlieb und Dr. Claus Gottlieb“, liest ein Junge vor. Die Konzentration lässt schon ein wenig nach. Zwei Jungen liefern sich mithilfe von zusammengerollten Kalendern einen kleinen Schwertkampf.

Am Ende der Rallye werden sich alle Kinder auf dem Rollschuhplatz einfinden und Preise und Urkunden entgegennehmen, die Sponsoren gestiftet haben. Die Linde und der Kellyinsel-Verein haben ein Rahmenprogramm auf die Beine gestellt. Außerdem können sich die Kinder mit einem Polizeimotorrad fotografieren lassen – als Andenken an die vierte Kelly-Rallye.

Kelly-Rallye in Kirchheim.
Kelly-Rallye in Kirchheim.
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