Kirchheimer Umland

Kirchheim muss für Anschluss sorgen

Stadt informiert Anwohner über die geplante Flüchtlingsunterbringung im Hafenkäs

Zwei Wohngebäude für Flüchtlinge will die Stadt Kirchheim auf einer Wiese in der Nähe des Henriettenstifts errichten lassen. Um die Anwohner über dieses Vorhaben zu informieren, hatte die Stadtverwaltung zu einem Vortrags- und Diskussionsabend ins Rathaus eingeladen. Trotz reger Teilnahme blieb es für die Bürger aber bei der reinen „Kenntnisnahme“.

Noch stehen hier beim Henriettenstift ein paar Bäume auf einer Wiese. Im Lauf des Jahres sollen zwei neue Wohngebäude entstehen.
Noch stehen hier beim Henriettenstift ein paar Bäume auf einer Wiese. Im Lauf des Jahres sollen zwei neue Wohngebäude entstehen.Foto: Carsten Riedl

Kirchheim. „Mir ist sehr wohl bewusst, wie auch die einheimische Bevölkerung hier betroffen ist“, sagte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker eingangs. Dennoch stehe die Stadt vor gewaltigen He­rausforderungen, die es zu meistern gelte. „Die Menschen sind hier, ob wir das wollen oder nicht, und deshalb gilt für uns hier vor Ort das Gebot der Nächstenliebe“, stellte sie klar. Derzeit seien in Kirchheim rund 700 Flüchtlinge in der Erstunterbringung versorgt: gut 300 in der Charlottenstraße, 270 in der Kreissporthalle und 100 im Containerdorf in der Dettinger Straße.

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Für die Erstunterbringung sei der Landkreis zuständig. Sobald aber das Asylverfahren abgeschlossen ist und die Flüchtlinge dauerhaft bleibe­berechtigt sind, geht es um die Anschlussunterbringung. Und dafür wiederum weise der Landkreis jeder Kommune – entsprechend ihrer Größe – ein gewisses Kontingent zu. Kirchheim komme bei dieser Berechnung auf 7,7 Prozent aller Flüchtlinge, die es im Landkreis Esslingen zu verteilen gilt.

Genaue Berechnungen, um wie viele Menschen es sich in absoluten Zahlen handelt, sind allerdings schwierig. Anfang September sei man zunächst von 80 Menschen für die Anschlussunterbringung im Jahr 2016 in Kirchheim ausgegangen. Ende September waren es bereits 160 und im Oktober 231. Als aktuelle Schätzung sprach Angelika Matt­-Heidecker bei der Bürgerinformation gar von 700 Menschen.

Angesichts dieser Zahlen prophezeite sie: „Wir werden an einen Punkt kommen, an dem wir händeringend nach weiteren Standorten suchen werden.“ Wenn hingegen alles anders komme und die Flüchtlingszahlen in den kommenden Jahren – aus welchen Gründen auch immer – wieder stark zurückgehen würden, in diesem Fall, meinte die Oberbürgermeisterin, „soll mir das mehr als recht sein“.

So oder so: Die Stadt müsse nun aber einmal handeln und an den ersten drei Standorten Gebäude für die Anschlussunterbringung errichten. Außer um den Hafenkäs handle es sich noch um Standorte in Lindorf und in Jesingen. Auch dort gebe es noch Bürgerinformationen, am 18.  und am 20. Januar.

Im Hafenkäs – zwischen Umgehungsstraße und Sportplatz, westlich der Straße „Ottenäcker“ gehe es um zwei dreigeschossige Gebäude, die Wohnraum für insgesamt 76 Personen bieten sollen. Gedacht sei aber an keine Containerdörfer, sondern an „nachhaltige und ganz normale Wohngebäude für die Zukunft“. Zunächst sollen dort Einzelpersonen unterkommen. Später lassen sich die Zimmer auch umgestalten und in Drei- oder Vier-Zimmer-Wohnungen gliedern, weil mit Familiennachzug zu rechnen sei.

Die Bauarbeiten sollen im Sommer beginnen. An allen drei Standorten, die jetzt vorgesehen sind, seien bei maximaler Auslastung insgesamt 370 Personen unterzubringen. Ob es sich dabei vorwiegend um junge Männer handle oder um Familien, lasse sich noch nicht vorhersagen. Allerdings nannte Marianne Gmelin vom Arbeitskreis Asyl grundsätzliche Zahlen, die auch in dieser Hinsicht Aufschluss geben dürften.

Demnach sind derzeit weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Davon seien knapp 40 Millionen Binnenvertriebene, innerhalb ihres Heimatlands. 86 Prozent aller Flüchtlinge würden in Entwicklungsländern leben. In Deutschland würden zwei Drittel aller Asylanträge von Männern gestellt, und 70 Prozent der Flüchtlinge seien jünger als 30. Als große Probleme in Deutschland nannte Marianne Gmelin die lange Dauer der Asylverfahren. 17 Monate seien da keine Seltenheit. Bei den Sprachkursen zeige sich, dass es große Unterschiede beim Bildungsstand der einzelnen Flüchtlinge gibt. Außer der Sprache gehe es aber auch da­rum, sie mit der deutschen Kultur und mit dem deutschen Wertesystem vertraut zu machen.

Letzteres betonte auch die Oberbürgermeisterin: „Das Grundgesetz steht über allem. Nichts anderes steht darüber – weder die Bibel noch der Koran.“ Zu den Bürgern sagte sie abschließend: „Wir haben uns diese Aufgabe nicht ausgesucht, wir haben sie zugeteilt bekommen. Um die Aufgabe bewältigen zu können, bitte ich um Ihre Unterstützung.“