Kirchheimer Umland

Kirchheimer Funde der „Spitzenklasse“

An der Jesinger Straße schlummern Relikte der späten Bronzezeit und des ausgehenden Mittelalters

Einen der ältesten Siedlungsplätze Kirchheims hat Rainer Laskowski gemeinsam mit seinen Helfern der Archäologie-AG in der Jesinger Straße gefunden. Die Funde stammen aus der späten Bronzezeit sowie aus dem späten Mittelalter. Den Kirchheimer Töpfern bescheinigt Rainer Laskowski, dass sie um 1400 in ihrem Handwerk „an der Spitzenklasse dran waren“.

„Krüseler“-Figur als wesentlicher Bestandteil einer Ofenkachel - um 1400 hergestellt in Kirchheim.
„Krüseler“-Figur als wesentlicher Bestandteil einer Ofenkachel - um 1400 hergestellt in Kirchheim.

Kirchheim. Unter anderem haben Rainer Laskowski und seine Helfer auf dem Gelände Jesinger Straße 8 – 10 eine Art Brunnen oder Wasserbassin freigelegt. Der frühere Museumsleiter sieht hier einen Zusammenhang zum Stuckeringraben, der einst dazu diente, die Klosterwiesen mit Wasser aus der Lauter zu erreichen. An der heutigen Jesinger Straße hatten die Kirchheimer Stadtbürger noch bis in die Neuzeit hinein ihre Gärten. Auch unter diesem Aspekt ist es nicht weiter erstaunlich, auf Reste eines Wasserbeckens oder -grabens zu stoßen.

In direkter Umgebung finden sich Lehmentnahmestellen, die Rainer Laskowski mit dem späten Mittelalter in Verbindung bringt, mit dem ganz frühen 15. Jahrhundert. Für diese Datierung spricht die gefundene Töpferware – unter anderem eine gotische „Krüseler-“ oder „Kruseler“-Figur, die zu einer Ofenkachel gehört. Diese Figur versetzt den Archäologen in große Begeisterung. Er betrachtet sie als die möglicherweise „älteste Krüseler-Figur, die es in ganz Süddeutschland gibt“.

Dass die Scherben zu Tonwaren gehören, die direkt vor Ort in Kirchheim hergestellt wurden, schließt Rainer Laskowski aus der großen Zahl an Fundstücken, die er ganz eindeutig als Fehlbrände klassifiziert: „Ich bin sicher, dass das hier gebrannt wurde. Fehlbrände schleppt man ja nicht über größere Entfernungen irgendwo anders hin.“

Was ihn gleichfalls beeindruckt, sind Reste von Glasuren, gerade auch an den Krüseler-Figuren, die er auf die Zeit zwischen 1360 und 1420 datiert. Die Bezeichnung „Krüseler“ beziehe sich auf eine bestimmte Adelstracht, die in dieser Zeit etwa drei Generationen lang Mode war und die auf diesen Figuren dargestellt ist. Somit seien auch die Kirchheimer Glasuren sehr frühe Zeugnisse für diese Handwerkstechnik. Die Kirchheimer Töpfer waren um 1400 also auf der Höhe ihrer Zeit, der Gotik.

Das Areal an der Ecke Jesinger Straße / Villastraße in Kirchheim war aber nicht nur als Töpferstätte im ausgehenden Mittelalter nachweislich genutzt worden. Vielmehr fanden sich auch Urnen aus der späten Bronzezeit – wie schon zuvor bei Grabungen in der Nachbarschaft.

Der bedeutendste der aktuellen Funde ist für Rainer Laskowski „eine Steinkiste aus dem Übergang von der mittleren in die späte Bronzezeit“. Er datiert diese bootsförmige Steingrube in die Zeit zwischen 1000 und 800 vor Christus. Die Wände sind noch weitgehend erhalten, die Bodenplatten dagegen nur noch zur Hälfte.

Zur Datierung dient ihm unter anderem die Ausrichtung der Steinkiste. In späterer christlicher Zeit sei eine ost-westliche Ausrichtung zu erwarten. In diesem Fall aber liege bei der Steinkiste, die wohl zu Bestattungszwecken angelegt worden war, eine Nord-Süd-Ausrichtung vor.

Eine weitere Datierungsmöglichkeit bieten die Steine selbst, denn nur vereinzelt finden sich Angulatensandsteine, die zur Ausbesserung eingefügt wurden. Letzteres wiederum passt in die Gotik, in der dieser gelbe Stein in Kirchheim als Baustein aufkommt. Auch das ist für Laskowski ein Beweis dafür, dass die spätmittelalterlichen Töpfer die Steinkiste aus der Bronzezeit für ihre Zwecke nutzten. Der sicherste Beweis sind Spuren von Lehm, die bezeugen, dass die alte Steingrube als neue Lehmgrube verwendet worden sein muss.

Anhand der bronzezeitlichen Funde geht Rainer Laskowski davon aus, dass das Areal an der Jesinger Straße zum ältesten Siedlungsgebiet der Stadt gehört – von den jüngsten steinzeitlichen Funden am Hegelesberg einmal abgesehen.

Das heißt aber nicht, dass die Keimzelle Kirchheims östlich der Altstadt zu suchen ist. Ähnlich alte Funde gebe es auch vom Schlachthof. Das wiederum bedeute, dass die bronzezeitliche Ausdehnung der besiedelten Fläche recht groß gewesen sein muss. Weil Rainer Laskowski aber eher von einzelnen Gehöften ausgeht, lässt die räumliche Ausdehnung der Siedlungsfläche nicht unbedingt auf eine entsprechend stattliche Zahl von Bewohnern schließen.

Von ganz anderen, wesentlich späteren Bewohnern Kirchheims – die wirklich „Kirchheimer“ im heutigen Sinn waren –, berichtet Rainer Laskowski am Rande ebenfalls: Noch vor Abbruch des Gebäudes, auf dessen Grundstück er gerade gräbt, seien rund 600 Glasplatten aufgetaucht, die aus dem Atelier des Kircheimer Fotografen Otto Hofmann stammten. Außer aus der späten Bronzezeit und dem späten Mittelalter gibt es also auch Funde aus dem späten 19. Jahrhundert. Auf den Platten sind wohl so manche Vorfahren abgelichtet, die die heutigen Kirchheimer noch persönlich gekannt haben.

Dagmar Pfost und Johann Ohm, zwei ehrenamtliche Mitglieder der Kirchheimer Archäologie-AG, beim Freilegen der bronzezeitlichen „
Dagmar Pfost und Johann Ohm, zwei ehrenamtliche Mitglieder der Kirchheimer Archäologie-AG, beim Freilegen der bronzezeitlichen „Steinkiste“ an der Ecke Jesinger Straße¿/¿Villastraße in Kirchheim.
Aus dem Fundus einer Kirchheimer Töpferwerkstatt aus dem späten Mittelalter stammt die Tonware, die - teils noch mit Erde gefüll
Aus dem Fundus einer Kirchheimer Töpferwerkstatt aus dem späten Mittelalter stammt die Tonware, die - teils noch mit Erde gefüllt - bei den Ausgrabungen an der Jesinger Straße zutage kam.Fotos: Jean-Luc Jacques
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