Kirchheimer Umland

Kirchheimer Sensen ziehen nach Trier

Leihgabe Einst zur Waffe umfunktioniertes Werkzeug, heute historisches Kulturgut: Exponate aus dem Kornhaus bereichern die Marx-Ausstellung. Von Andreas Volz

Samthandschuhe brauchte es gestern in Kirchheim nur für die historischen Kampfsensen, aber nicht für die stabile Holzkiste, in d
Samthandschuhe brauchte es gestern in Kirchheim nur für die historischen Kampfsensen, aber nicht für die stabile Holzkiste, in der sie nach Trier transportiert werden.Fotos: Carsten Riedl

Kirchheim gehört in eine Reihe mit den großen Metropolen Europas! Leicht übertrieben ist das schon, in diesem Fall aber trotzdem nicht ganz falsch. Die Stadt Trier feiert ab 5. Mai den 200. Geburtstag ihres größten Sohnes: des Philosophen Karl Marx, der die politische Welt des 20. Jahrhunderts prägen sollte wie kein anderer seiner Fachkollegen.

Und wie heißt es in einer Pressemitteilung dazu? „Namhafte Museen und Institutionen aus aller Welt haben Leihgaben zur großen Landesausstellung ,Karl Marx. 1818 - 1883. Leben. Werk. Zeit.‘ in Trier zugesagt. So stellen etwa das Musée d’Orsay aus Paris, das Victoria & Albert Museum in London und die Eremitage in Sankt Petersburg Ausstellungsstücke für die Jubiläumsschau zur Verfügung.“

Niemand wird sich wundern, wenn diese drei Museen mit Exponaten aushelfen. Umso mehr aber dürfte manch einer darüber staunen, dass auch das Städtische Museum im Kornhaus zu den Leihgebern zählt. Was hat Kirchheim denn bitteschön mit Karl Marx zu tun?

Natürlich nichts. Zu Zeiten des Kalten Kriegs wurde er hier offiziell so wenig verehrt wie irgendwo anders im Westen. Die Stadt hat sich auch nicht darum bemüht, Devotionalien des berühmtesten Rauschebarts der Weltgeschichte zu sammeln. Und weil Karl Marx sich eher an Mosel, Rhein, Spree, Seine oder Themse aufgehalten hat als an Lindach und Lauter, gibt es weder in seinem Leben noch in seinem Werk einen wirklichen Bezug zu Kirchheim.

Aber für seine Zeit - und damit letztlich auch für sein Leben und Werk - waren vor allem die Jahre 1848/49 von Bedeutung. Es waren die Jahre revolutionärer Umwälzungen, die Jahre der ersten deutschen Demokratieversuche, die Jahre, in denen die Deutschen um Freiheitsrechte kämpften - auch um so gegensätzliche wie die Pressefreiheit und das Recht, Waffen zu tragen.

Die Pressefreiheit hat damals auch Karl Marx verfochten - als Herausgeber und Chefredakteur der Neuen Rheinischen Zeitung. Und das Recht, Waffen zu tragen, war unter anderem in Kirchheim ein Thema: Heute vor 170 Jahren, am 12. April 1848, erschien im Amts- und Intelligenzblatt, wie der Teckbote damals noch hieß, ein Aufruf „zu vielseitigem Beitritt zur Sensen=Compagnie“.

Junge Männer sollten sich mit ihren Kampfsensen zum Exerzieren zusammenfinden, um das Vaterland, das „von aussen und innen so vielfältig durch Gefahren bedroht ist“, zu verteidigen. Mit diesen Waffen sind sie ein Jahr später unter Friedrich Tritschler zum Freischarenzug nach Wiesensteig aufgebrochen. Die Kirchheimer Kampfsensen sind also Zeugnisse einer bewegten Zeit - derselben Zeit, in der Karl Marx und Friedrich Engels das Kommunistische Manifest veröffentlichten.

Museum Kornhaus Kampfsensen Marxausstellung Trier Verpackung Transport
Museum Kornhaus Kampfsensen Marxausstellung Trier Verpackung Transport

Historische Fracht braucht Samthandschuhe

Kulturgüter zu transportieren, ist ein spezielles Handwerk. Wer der Meinung sein sollte, die für Kampfzwecke umgebauten Sensen notfalls auch im eigenen Kombi nach Trier chauffieren zu können, sollte sich von den zuständigen Kunst- und Kulturlogistikern eines Besseren belehren lassen. Die Firma Hasenkamp mit Stammsitz in Köln-Frechen hat nach Vorgaben aus Kirchheim eine Holzkiste nach Maß angefertigt. Die Kiste ist äußerst stabil, mehrfach verstärkt und innen mit Styropor ausgekleidet. Verschlossen wird sie mit gut einem Dutzend Schrauben. In diese Kiste kamen gestern Morgen nun zwei der Kirchheimer Kampfsensen. Vom Museum waren sie bereits in Luftpolster verpackt und so übergeben worden. Die Zwischenräume in der Kiste wurden aber noch zusätzlich mit Filzdecken ausgestopft, sodass die historisch wertvolle Fracht sanft an ihr Ziel gelangen kann. Das passt perfekt zu einem Werbeslogan des Marktführers für Kunst- und Kulturtransporte: „Unsere liebste Arbeitskleidung - Samthandschuhe“.

Etwa 20 Kampfsensen haben sich in Kirchheim erhalten. Fünf davon waren seither in der Dauerausstellung im Kornhaus zu sehen. Zwei davon auszuwählen, um sie zur Ausstellung nach Trier zu schicken, war für das Kirchheimer Museum insofern kein Problem, als die Dauerausstellung derzeit ohnehin geschlossen ist - bis das Kornhaus umgebaut ist und mit einer neu konzipierten Dauerausstellung aufwarten kann. Den ordnungsgemäßen Abtransport haben Viola Fichtenkamm, für die Objekte verantwortliche Diplom-Museologin der Stadt Kirchheim, und die stellvertretende Museumsleiterin Katharina Hardt überwacht und quittiert. Mehr als ein halbes Jahr lang bleiben die Sensen im „Exil“: Die Ausstellung in Trier endet am 21. Oktober.vol

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