Kirchheimer Umland

Leichte Schwere

Der in Japan geborene Künstler Koho Mori-Newton stellt im Kornhaus aus

Der Eingang zum Labyrinth aus Seide.Foto: Markus Brändli
Der Eingang zum Labyrinth aus Seide.Foto: Markus Brändli

Kirchheim. Dicke Schichten von braunen Herbstblättern bedecken den Boden und füllen die Schaufenster der Städtischen Galerie im Kornhaus. Der Betrachter fühlt sich

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fast in eine vorweihnachtliche Inszenierung versetzt, denn im Ausstellungsraum bilden Strahler helle Lichtinseln, und schiefergraue Seidenbahnen, die von der Decke abgehängt sind, wirken wie Kulissen.

Auf dem Weg durch die labyrinthische Rauminstallation des 1951 in Japan geborenen Künstlers Koho Mori-Newton stößt der Besucher auf kleine, aus Abfallholz gebaute Tischchen, auf denen winzige fragile und rätselhafte Objekte aus Holz, Früchten, Steinen, Zweigen und Vasen präsentiert sind. Das saugende Seidenmaterial der Wände ist mit japanischer Tusche sorgfältig Linie für Linie mit dem Pinsel bemalt und bildet so unterschiedliche Grautöne. Die Flächen wirken auf den ersten Blick wie natürliche Felswände, könnten aber auch satinierte Betonoberflächen des japanischen Architekten Tadao Ando sein.

Der ganze Raum ist für alle Sinne intensiv aufgeladen: Jeder Schritt erzeugt ein lautes Rascheln der trockenen Blätter, die Luft riecht nach Herbstwald, und in den Lichtstrahlen der Scheinwerfer tanzen aufgewirbelte Staubwolken. Die anderen Besucher sind oft nur zu hören oder tauchen gar unvermittelt zwischen den Stoffbahnen, durch die man hindurchgehen kann, auf. Eigentlich sind es drei Innenräume, die durch die abgehängten Seidenbahnen geschaffen werden: zwei größere, die wie inszenierte Waldlichtungen auf einer Theaterbühne wirken, und ein kleiner weißer Galerieraum, in dem Zeichnungen des Künstlers Koho Mori-Newton an den Wänden hängen. Der Grundriss des Labyrinths erinnert mit seinen geschwungenen Formen an Yin-und-Yang-Zeichen. Da man die Barrieren der Wände jederzeit passieren kann, findet man sich immer wieder auch außerhalb der beleuchteten Innenräume. Hier sind keine Tischchen aufgestellt, und das Licht strahlt nur indirekt und gefiltert durch die grafitgraue Seide. Wie durch die Papierwände eines traditionellen japanischen Hauses sind Geruch und Geräusche überall wahrzunehmen, nur das Hindurchschauen wird verhindert. So sind die Raumabschnitte nur scheinbar abgeteilt, und man befindet sich immer gleichzeitig innerhalb und außerhalb des Systems. Innen ist gleichzeitig außen und umgekehrt. Im Roman „Kafka am Strand“ des japanischen Autors Haruki Murakami muss die Hauptfigur einige Tage in einer Hütte in einem geheimnisvollen Wald verbringen. Es ist ihm untersagt, alleine in diesen Wald zu gehen. Als er es schließlich doch wagt, verliert er jede Orientierung. Erst als er seinen Kompass und die Ausrüstung wegwirft und sich ganz seinem Schicksal ergibt, findet er durch metaphysische Erlebnisse zu sich selbst und zur Hütte zurück. „Das Prinzip des Labyrinths spiegelt dein eigenes Inneres wider, das wiederum ein Spiegel der labyrinthischen Eigenschaften deiner Außenwelt ist“, schreibt der japanische Autor Murakami.

Koho Mori-Newton, der die Rauminstallation mit dem Titel „Leichte Schwere“ im Kornhaus geschaffen hat, studierte Freie Kunst an der Wako Universität in Tokyo und der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. 2007 realisierte er eine Kunst-am-Bau-Arbeit im Kolumba Museum Köln, das vom Architekturbüro Peter Zumthor entworfen wurde. In diesem Büro arbeitete auch Florian van het Hekke, Mitglied des Kunstbeirats der Stadt Kirchheim und Kurator der Ausstellung.

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker begrüßte die zahlreichen Besucher, die am Sonntag zur Vernissage gekommen waren. Rainer Weitschies, Partner von Peter Zumthor, stellte die Installation aus der architektonischen Perspektive vor, während Dr. Hannelore Paflik-Huber die kunstwissenschaftlichen Aspekte von Mori-Newtons Arbeit erläuterte.

Die Öffnungszeiten der Städtischen Galerie im Kornhaus sind dienstags von 14 bis 17 Uhr, Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr, sowie Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Die Ausstellung endet am 17. Januar.

Vernissage, Kornhaus Kirchheim, Leichte Schwere, Koho Mori-Newton
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