Kirchheimer Umland

Little India in Schlierbach?

Erste Abfuhr des Biobeutel in Geislingen
Erste Abfuhr des Biobeutel in Geislingen

Aufruhr im Kreis Göppingen. Alles wegen Müll, genauer Biomüll. Der wird jetzt gesondert gesammelt. Na und? fragt man sich im Nachbarkreis, in dem

Müllerziehung, Mülltrennung, Müllgebühren seit den 90er-Jahren Thema sind. In Göppingen scheint jedoch jetzt der Biomüll erfunden worden zu sein. Vielleicht haben dort alle Komposthaufen. Oder sie werfen ihn in den traditionell günstigen Hausmüll. – Darum wenigstens wurden die Göppinger stets glühend beneidet von den Esslingern.

Jetzt aber ist Schluss mit lustig. Seit Juli herrscht Biomüll-Pflicht. Kein Elternabend, kein Stammtisch, kein Kaffeekränzchen, an dem das Gesprächsthema nicht nach kurzer Zeit Müll ist. (Auch der Teckbote berichtete.) Hauptkritikpunkt: das Sammelbehältnis. Es handelt sich nämlich nicht wie im Kreis Esslingen um eine Tonne, sondern um einen schnöden blauen Plastikbeutel. In den soll alles rein, auch das, was auf dem Kompost nichts zu suchen hat. Zum Beispiel Essensreste. Die haben fortan aber auch im Restmüllbehälter nichts mehr zu suchen, denn sie gehören ausschließlich in den Beutel. Doch der Beutel wird gehasst.

Taktisch nicht glücklich lag der Start: Ausgerechnet Juli haben sich die Verantwortlichen ausgeguckt. So schafft man sich keine Freunde unter den Skeptikern, denn Biomüll verströmt bei Hitze üble Düfte.

Doch auch die Optik stört die ordnungsliebenden Kreisbewohner: Wie sieht denn das aus, wenn haufenweise blaue Säcke auf den Straßen liegen? Von „indischen Verhältnissen“ ist gar die Rede, das Szenario schreckt auf: Plastiksäcke tonnenweise, dazwischen Müll und Ratten. Dass die Nager sich nachts an den Beuteln zu schaffen machen, steht für alle neuen Biomüll-Trenner außer Zweifel. Auch Waschbären und Krähen lockt das Mahl, sie zerfleddern einen Beutel nach dem anderen und hinterlassen ein un­appetitliches Tohuwabohu.

Anlass für eine Stichprobe in Schlierbach. Dort wird der Beutel donnerstags abgeholt. – Ein schlechter Tag. Schließlich gibt's freitags traditionell Fisch. Dessen Reste muffeln nach einer Woche gewaltig. Überdies fällt am Wochenende viel Müll an, der dann fünf Tage warten muss. Die Stichprobe erfolgt also donnerstags. Morgens noch vor 9  Uhr geht‘s per Fahrrad durch eine ganze Reihe von Gassen in der Seegemeinde. Auf Atemschutz hat die Testerin mutig verzichtet – obwohl sie mit verstreutem, stinkendem Müll rechnet und mit Sackbergen entlang der Vorgärten. – Little India in Schlierbach eben.

Doch von wegen! Die Straßen sind blitzblank wie immer, kein einziger Sack trübt den sauberen Eindruck, und auch sonst liegt nichts rum. Warum, darüber kann nur spekuliert werden: Entweder sind die düsteren Prophezeiungen doch nicht eingetroffen. – Oder der Biomüll landet nach wie vor in der Mülltonne.

Foto: Markus Sontheimer

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