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Lösung für ländliche Regionen: Mobil mit „geteilten“ E-Autos

Verkehr Die Gemeinde Bissingen setzt auf Carsharing und hat sogar einen Anbieter für ländliche Gemeinden ­gefunden. Der stellt Autos und Ladesäulen und erhält im Gegenzug einen Zehnjahresvertrag. Von Thomas Zapp

Die Verkehrswende zur klimafreundlichen Mobilität kommt gerade in ländlichen Regionen nur stockend bis gar nicht in Fahrt, angesichts eines spärlich aufgestellten öffentlichen Nahverkehrs. Für viele scheinen Wagen und auch Zweitwagen alternativlos zu sein. In Bissingen startet die Verwaltung nun einen neuen Versuch zur klimafreundlichen Mobilität: Das erste Zauberwort heißt Carsharing, das zweite Elektromobilität. 

Auf der Suche nach einem Partner ist die Bissinger Verwaltung in Calw fündig geworden, wo der örtliche Energieversorger 2019 die Tochtergesellschaft „deer“ gegründet hat.
 

Wir sehen uns als Ergänzung zum ÖPNV.
David Gall
Vertriebsmitarbeiter bei „deer“

 

Die versuchen gerade in kleineren Gemeinden auch mit weniger als 2000 Einwohnern in Baden-Würt­temberg und Bayern Fuß zu fassen. Aktuell sind sie an 170 Standorten vertreten, auch im Nachbarlandkreis Göppingen. Für die 3400-Seelen-Gemeinde am Fuße der Alb will man im kommenden Jahr mit zwei Elektrofahrzeugen und einer Ladestation beginnen. Als mögliche Standorte kämen zwei Stellen auf dem oberen Stück der Vorderen Straße infrage, eine davon auf Höhe der Alten Schule.

Ein durchschnittliches Auto steht 23 Stunden am Tag, erklärt David Gall, Mitarbeiter des Carsharing-Anbieters, als er das deer-Konzept dem Gemeinderat präsentiert. Durch ein Carsharing würden 4 bis 20 Fahrzeuge ersetzt – eine schöne Vorstellung, dass zwei Elektroautos für weniger Blech an und auf Bissingens Straßen führen könnten. Und nicht nur das: Der Strom kommt von einem Vertragspartner des Carsharing-Anbieters und ist zu 100 Prozent „öko“. 

Was für Bissingerinnen und Bissinger besonders wichtig sein dürfte: Das Fahrzeug muss nicht zwingend wieder am Startpunkt zurückgegeben werden, sondern kann an beliebigen deer-Stationen abgestellt werden, etwa am Flughafen. „Sie können also von Bissingen zum Flughafen fahren, das Auto dort zurückgeben und nach dem Urlaub vom Flughafen mit dem Auto zurück, am besten buchen Sie das schon vor Urlaubsantritt“, erklärt David Gall die Möglichkeiten. Allerdings gibt es beim Flughafen eine Kleinigkeit zu beachten: „Die Fahrt kostet einmalig 30 Euro extra, weil die Standgebühren dort auch für uns sehr hoch sind“, erklärt der Unternehmensvertreter. 

Preise sind gestiegen

A propos Preise: Die Tagessätze aus der mitgebrachten Präsentation musste David Gall „live“ aktualisieren, Schuld sind auch hier die explodierenden Energiekosten. Statt wie bisher 7,90 Euro pro Stunde kostet sie jetzt 9,90 Euro, der Tagestarif ist von 49,90 auf 69,90 Euro gestiegen. Es ist also möglich, dass sie bis zum Start in Bissingen in etwa vier bis fünf Monaten noch einmal ansteigen. Doch dafür gibt es auch kein Kilometerlimit und an jeder deer-Ladesäule kann der Wagen kostenlos aufgetankt werden, eine spezielle Tankkarte liegt dafür im Handschuhfach.

Auch bei der Gretchenfrage nach den Kosten hat David Gall eine beruhigende Nachricht für den Gemeinderat im Gepäck: Für die Gemeinde Bissingen ist das Angebot kostenfrei, lediglich zwei Parkplätze muss sie zur Verfügung stellen, um die Ladeinfrastruktur kümmert sich das Unternehmen aus Calw. 

Dafür muss sich die Gemeinde freilich zu einer gewissen Vertragsdauer verpflichten: Die Mindestlaufzeit beträgt zehn ­Jahre. Gemeinderat Eckhard Stiefelmeyer hätte gerne gewusst, wie lange man warten muss, wenn kein Fahrzeug vor Ort ist. „Normalerweise 24 Stunden“, sagt David Gall. Rolf Rüdiger Most hakt nach: „Und wenn man trotz Zusage kein Auto vorfindet? Gibt es eine Haftung, wenn die Mobilität nicht gewährleistet ist, werden dann die Taxikosten übernommen? “, fragt der Rechtsanwalt. Die Antwort lautet: Ja. 

Die Fragerunde fällt zur allgemeinen Zufriedenheit aus. Dass man eine Lösung für den ländlichen Raum gefunden hat, glaubt nicht nur Bürgermeister Marcel Musolf: Der Gemeinderat stimmt einstimmig für eine Kooperation, die ersten Fahrzeuge stehen dort voraussichtlich im April 2023.