Kirchheimer Umland

Magische Momente

Orgelkino in der Kirchheimer Kirche Maria Königin – Improvisationen zu „Orlacs Hände“

Die Zuhörer ließen sich von den Orgelklängen zu dem Stummfilm „Orlacs Hände“ mittragen. Foto: Markus Brändli
Die Zuhörer ließen sich von den Orgelklängen zu dem Stummfilm „Orlacs Hände“ mittragen. Foto: Markus Brändli

Kirchheim. Als Organist, der ich bin, soll ich vom Kirchheimer Orgelkino berichten, nun schon das vierte, in der Kirche Maria Königin, Kirchheim. Kann ich überhaupt ermessen, wie es Besuchern ging, die zwar

Anzeige

viel von Filmen verstehen – und wer tut das heutzutage nicht – aber weniger von Orgelmusik? Etwas leichter wird mir die Aufgabe bei dem Gedanken an manche Musikerkollegen, zum Teil von auswärts angereist, und die Teilnehmer der Organistenfortbildung, die Thomas Specker für die umliegende Dekanate tags zuvor mit Professor Christiane Michel-Ostertun durchgeführt hatte. Specker arbeitet schon seit längerer Zeit mit dieser deutschlandweit bekannten und begehrten Organistin zusammen, die für ihre Improvisationskunst bekannt ist – wie auch durch ihr Lehrbuch zur Orgelimprovisation.

Nun könnte ich ausweichen auf das Thema Frauenpower zum 50-jährigen Bestehen der Kirchengemeinde Maria Königin. Dort, wo die prominenteste Frau der Christenheit Patronin ist, erscheint es uns nachgerade selbstverständlich, dass wir in letzter Zeit auch zwei Orgelköniginnen begegnen durften, der Jazzkoryphäe Barbara Dennerlein und nun der Autorität für liturgisches Orgelspiel Christiane Michel-Ostertun. Nicht ganz der Zufall wollte es, dass sie den legendären Stummfilm „Orlacs Hände“ nach Karlsruhe (Kinoorgel) und Detmold (Musikhochschule) nun in Kirchheim schon zum dritten Mal musikalisch untermalte.

Nun ist das Spiel im Gottesdienst das eine, Stummfilm begleiten die andere Sache; und auch „Orlacs Hände“ ist, weiß Gott, kein religiöser Film. Da tut sich die Kinoorgel leichter, wo die Organistin, wie sie im Gespräch nach dem Konzert berichtete, mit einer Vielzahl von Effekten wie Autohupe, Trillerpfeife, Windmaschine, Pistolenknall und so weiter brillieren kann. Auf die Frage, was sie mehr gereizt habe, gab sie dann doch der Kirchenorgel den Vorzug – weil die Herausforderung größer sei. Denn wie soll auf diesem Instrument, und wenn es noch so interessante Klangfarben hätte, etwa Angst, Erschrecken, ja Entsetzen dargestellt werden? Es klingt doch immer etwas nach Halleluja. Trotzdem strömten auch diesmal wieder viele Besucher ins Orgelkino und wurden Zeugen einer Musik, die durch und durch feinsinnig strukturiert weitaus höhere Ansprüche an die Besucher stellte, als der Film selbst, der, bei aller Spannung, doch recht einfach gestrickt ist: Der Bösewicht wird zum Schluss überführt und geht seiner gerechten Strafe entgegen.

Übrigens konnte man die banale Schlusssequenz der Organistin durchaus als ironischen Kommentar verstehen, der einen für manche Längen durchaus entschädigen konnte. Längen, die wohl unvermeidlich sind, wie man schon beim letzten Orgelkino mit Johannes Mayr entdecken konnte. Wo dieser mit ausufernden Klangflächen arbeitete, bezirzte Christiane Michel-Ostertun mit ausgeklügelter Leitmotivik, die sie aus einer einzigen thematischen Urzelle entwickelte. Für Organisten, wie gesagt, war das hochspannend und auf manchen Strecken geradezu vom Film ablenkend – bei vielen Besuchern indessen mag es gerade umgekehrt gewesen sein.

Interessante Kollisionen zwischen Film und Musik ergaben sich bei Stellen mit viel erklärendem Text. Da überwucherte das Interesse an der spannenden Handlung die Rezeptionsfähigkeit für die Orgelmusik. Das waren dann die magischen Momente, wo alles zu einer größeren Einheit zusammenfloss, so wie es bei guten Filmmusiken im Kino und im Fernsehen ja auch gelegentlich vorkommt.

Alles in allem hat sich das Orgelkino in Maria Königin als eigenständige Kunstform etabliert – dank eines Kirchenmusikers, der ein Händchen hat für Organisten, Orgeln und gute Filme. Last not least aber auch dank der Zusammenarbeit mit dem KIZ (Kommunikationszentrum für interkulturelle Zusammenarbeit) im Bohnauhaus. Also gehört das Orgelkino erst recht zur Kirchenmusik. Fortsetzung folgt – hoffentlich!