Kirchheimer Umland

„Man kann nicht immer gut drauf sein“

Pandemie 34 Menschen mit Behinderung leben im ambulant unterstützten Wohnen der Lebenshilfe Kirchheim, so auch Markus Grözinger. Er erzählt, wie er die derzeitige Corona-Situation erlebt. Von Julia Nemetschek-Renz

Markus Grözinger liebt es, spazieren zu gehen oder etwas einzukaufen.Foto: Julia Nemetschek-Renz
Markus Grözinger liebt es, spazieren zu gehen oder etwas einzukaufen. Foto: Julia Nemetschek-Renz

Markus Grözinger lebt in einer Dreier-WG in der Altstadt im ambulant unterstützten Wohnen (AUW) der Lebenshilfe Kirchheim. Im Interview spricht er über seinen Alltag, darüber, was ihm gute Laune macht und fragt sich, ob in Corona-Zeiten wirklich alles gesellschaftlich immer besser wird, wie Bundespräsident Steinmeier es in einem Interview äußerte.

Herr Grözinger, wie geht es Ihnen? Wie sieht Ihr Alltag in Corona-Zeiten aus?

Markus Grözinger: Ich fühle mich gerade ein bisschen wie im Vorruhestand. Ich muss ziemlich viel Zeit ausfüllen, weil ich nicht in der Werkstatt arbeiten kann. Und sich die ganze Zeit jetzt selbst einzuteilen, das ist gar nicht so leicht. Aber vielleicht ist das jetzt einfach auch schon eine gute Übung für die Rente. Ich lese viel, gern Zeitungen und Zeitschriften, oder schaue fern. Und ich gehe gern Einkaufen, draußen eine Runde laufen. Kochen mache ich nicht so gern, bei mir gibt es eher Fertiggerichte. Und zweimal in der Woche kommt jemand von der Lebenshilfe zu mir und hilft mir beim Aufräumen, Wäsche waschen und Kochen.

Sie sind auch im Vorstand der Lebenshilfe Kirchheim?

Grözinger: Ja, das ist sehr interessant. Man bekommt mit, wie alles finanziert wird, und es gibt leckere Weckle. Nur, die nächste Vorstandssitzung muss als Video- konferenz gemacht werden. Da bin ich nicht dabei, ich habe gar kein Smartphone. Ich bin da ein bisschen skeptisch.

Aber ab morgen bekommen Sie Ihren Alltag ein bisschen zurück?

Ja, da darf ich wieder in der Werkstatt in Kirchheim arbeiten. Auf die Arbeit freue ich mich so mittel. Aber es wird schön, die Kollegen wieder zu sehen, das Schwätzen untereinander ist nett. Und dass man auch manchmal einfach nur Quatsch zusammen macht. In dieser Nacht werde ich nicht gut schlafen, weil ich morgen wieder ins Geschäft gehe. Aber morgen stehe ich dann auf, gehe zur Arbeit und dann ist alles gar nicht so schlimm, wie gedacht. So ist es immer.

Was ist denn für Sie jetzt anders durch Corona?

Ich gehöre ja selbst durch mein Asthma zur Risikogruppe und ich weiß, wie es ist, keine Luft zu bekommen. Aber große Angst habe ich trotzdem nicht. Ich ziehe immer schön mein Tuch über die Nase, und ich sehe damit aus wie ein Bankräuber. Was wirklich schade ist: Ich darf meine Mutter schon so lang nicht mehr im Altenheim besuchen. Eigentlich fahre ich immer mindestens einmal die Woche mit dem Bus zu ihr. Sie hat gesagt, ich dürfte bald wieder kommen. Jetzt muss man wohl erst einmal unten im Heim warten, einen Mantel überziehen und Abstand halten. Da hab ich ein bisschen Bammel davor.

Überall soll man jetzt ja Abstand halten. Vermissen Sie die Kontakte zu den Menschen?

Ja, schon. Ich kriege manchmal leicht Depressionen und deshalb bin ich froh, dass jetzt nicht auch noch November ist. Vor meinem Fenster sind die Bäume grün und die Vögel singen schön. Aber ich habe auch meine Tricks: Wenn ich traurig bin, lese ich in der Zeitung gern die Witze. Oder ich denke an was Schönes in der Vergangenheit oder kaufe mir etwas, zum Beispiel eine Zeitschrift. Aber diese Zeit gehört jetzt einfach zum Leben dazu. Wir können nicht immer gut drauf sein. Das Leben ist wie eine Achterbahnfahrt. Es geht runter und wieder rauf.

An was denken Sie Schönes?

Ich habe früher in einer Gärtnerei gearbeitet und wir haben die Pflänzchen vom Samen bis zur fertigen Pflanze aufgezogen. Da wundert man sich, dass aus so etwas Kleinem so etwas Schönes wie eine Blume herauskommt. Aber dass sich jetzt durch Corona alles immer zum Guten verändert, das glaube ich nicht. Steinmeier hat ja gesagt, dass alle Menschen jetzt besser aufeinander achten. Aber ich weiß nicht, ob alle auch besser auf Behinderte und Ausländer achten werden. Ich glaube eher nicht.

Für Menschen, die ein wenig Hilfe brauchen

34 Menschen mit Behinderung leben im „Ambulant Unterstützten Wohnen“ der Lebenshilfe Kirchheim. Entweder allein oder in einer WG, in der eigenen Wohnung oder einer Wohnung der Lebenshilfe. Unterstützung gibt es ein- bis dreimal die Woche für einige Stunden.

Der eine braucht Hilfe beim Umgang mit Geld, die andere beim Putzen und Aufräumen, der Dritte möchte gern zum Arzt begleitet werden. „Und manche unserer Kunden möchten einfach nur reden und da ist die Beziehungspflege das Wichtigste“, erzählt Anne Link, Teamleiterin im „Ambulant Unterstützten Wohnen“ (AUW) der Lebenshilfe Kirchheim.

So unterschiedlich die Menschen sind, sind auch deren Bedürfnisse. Und die stehen im AUW immer im Mittelpunkt. Voraussetzung für diese Wohnform ist Selbstständigkeit. „Die Leute schmeißen ihren Haushalt allein, treffen alle Entscheidungen selbst, gehen zur Arbeit, pflegen ihre Freundschaften“, sagt Anne Link. Ein- bis dreimal pro Woche besuchen die Heilerziehungspflegerin und ihre vier Kollegen die Menschen zu Hause, immer auf Wunsch der Bewohner. „Wir sehen, wo es hapert und fragen nach, ob unser Kunde Unterstützung braucht“, erzählt die Teamleiterin. Aber manchmal sei das nicht so einfach - zum Beispiel beim Thema Aufräumen: Auch die Zimmer ihrer Kinder seien schließlich oft chaotisch, aber wenn sie sich selbst drin wohlfühlen, könne das ja auch komplett in Ordnung sein.

Im Moment einschneidend ist die Tatsache, dass die Freizeitangebote und Gruppentreffs des AUW nicht stattfinden dürfen. „Die Kontakte und die Freundschaften fehlen unseren Bewohnern ganz arg“, sagt Anne Link.

Bewerben um einen Platz im AUW kann man sich immer. Nur müssten die Menschen im Moment eine eigene Wohnung mitbringen. Doch im nächsten Jahr gibt es neuen Wohnraum bei der Lebenshilfe: Im Steingau-Quartier wird es mehrere WGs geben für Menschen mit Behinderung, die unterstützt selbstständig wohnen möchten. Im Sommer 2021 sollen sie bezugsfertig sein.jnr

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