Kirchheimer Umland

„Meckern bringt nichts“

Ilse Dürner wird 90 Jahre alt und hat ihr Lachen auch in schweren Zeiten nie verloren

Die Jubilarin beim Urlaub an der Ostsee: „Ich bin überall zu Hause.“Foto: Johannes Stortz

Die Jubilarin beim Urlaub an der Ostsee: "Ich bin überall zu Hause." Foto: Johannes Stortz

Kirchheim. „So alt wird doch keine Kuh!“ Die Kirchheimerin Ilse Dürner feiert am Montag ihren 90. Geburtstag. Das Alter scheint ihr jedoch nicht viel anzuhaben – sie lacht einfach dagegen an. „Für Mama gab es noch nie einen Grund, sich aufzuregen“, schmunzelt ihre Tochter Ursula Dürner-Paul. Ihre Mutter erklärt mit einem gelassenen Schulterzucken: „Meckern bringt nichts.“ Die Jubilarin erstaunt immer wieder mit ihrer stoischen Gelassenheit: Als das Mutter-Tochter-Gespann letztens gemeinsam ein Hähnchen am Stand kaufte, prasselte starker Regen auf die wartende Rentnerin am Rollator nieder. Eine vorbeilaufende Frau fragte erstaunt: „Möchten Sie sich nicht unterstellen?“ Worauf Ilse Dürner fröhlich erwiderte: „Ich bin doch nicht aus Zuckerwatte!“ Die Passantin war richtig fassungslos, erinnert sich die Tochter lachend.

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Geboren wurde die Optimistin 1926 in Hinterpommern, das heute zu Polen gehört. Von ihrer Zwillingsschwester Gertraud unterscheidet sie auf alten Fotos vor allem das „immer eine Spur frechere Grinsen“, durch das sie auch in der Schule auffiel. Denn Ilse Dürner ist eine „Praktikerin“, die immer in Bewegung ist und gerne Faxen macht. Ihr Tipp: Frecher kommt man besser durchs Leben. Sie begann mit 15 Jahren eine hauswirtschaftliche Lehre und besuchte danach die Frauenfachschule in Danzig. Später musste sie in den Kriegsdienst einziehen, wo sie in einem Lager für 900 Männer kochte. „Ich habe überall gerne gearbeitet“, sagt die Jubilarin, „Hauptsache, es gab was zutun.“

1945 musste die Familie flüchten. Es waren die schwärzesten Momente in ihrem Leben, erzählt Ilse Dürner. „Im Nachhinein wundere ich mich, wie ich es geschafft habe. Aber man funktioniert einfach.“ Ihr Vater starb, nachdem er sich beim tagelangen Verstecken in der Kälte starke Erfrierungen zugezogen hatte.

Durch ihren Bruder gelangte sie schließlich nach Süddeutschland. Er vermittelte ihr eine Stelle als Köchin im Krankenhaus in Öhringen. Die größte Herausforderung war nun der Dialekt im Ländle. „Ich kam mir vor wie im Ausland“, erinnert sich Ilse Dürner. Auch ihre ersten Spätzle hat sie nie vergessen – sie wusste vorher nicht einmal, wie das schwäbische Gericht aussieht. Mit ihrem Motto „Die kochen auch alle bloß mit Wasser“, hat sie jedoch nicht nur schwäbisch, sondern später auch chinesisch kochen gelernt.

Ihren Karl, den sie bei der Sommersonnwende auf der Teck kennenlernte, heiratete sie in der Martinskirche in Kirchheim im selbst genähten Hochzeitskleid. Glücklich zogen die Frischvermählten zu den Schwiegereltern. Bald darauf begann die leidenschaftliche Köchin, Kochkurse zu geben. „Mit Mama in die Stadt zu gehen, war immer ein Spießrutenlauf – geschwind ging da gar nichts“, lacht Tochter Ursula, die drei Jahre nach ihrer großen Schwester Brigitte im Jahr 1959 zur Welt kam. Denn durch die 25 Jahre Kochkurse an der Volkshochschule hatte ihre Mutter einfach jede Menge Kontakte. Noch heute tönt ihr manchmal auf der Straße ein erfreutes „Sind Sie nicht Frau Dürner?“ entgegen.

Nachdem sie lange gespart hatten, konnte die Familie 1962 endlich ihr eigenes Haus in Kirchheim beziehen. Einige Jahre später machte Ilse Dürner den Führerschein. Davor war sie stets mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, zwei schlenkernde Taschen am Lenker und ein voller Korb auf dem Gepäckträger. Auch Schwimmen und Ski fahren liebt die Jubilarin. Während sie steile Abfahrten he­runterbretterte, hielt sich ihr Mann immer ängstlich zurück. „Männer mögen es gar nicht, wenn Frauen besser sind. Dann lässt man es lieber“, teilt sie verschmitzt eine ihrer Lebensweisheiten mit.

Im November 2004 starb Karl Dürner. Die zwei Kinder und ihre vier Enkel unterstützen ihre Mutter bis heute. „Seit ein paar Monaten haben wir außerdem vier wunderbare Frauen, die Ilse im Haushalt und Garten unterstützen, mit ihr kochen oder kleine Ausflüge unternehmen“, freut sich ihre Tochter Ursula. Dass ihrer Mutter so gerne geholfen wird, liegt auch an ihrer positiven Ausstrahlung, ist sie sich sicher. Ilse Dürner döst zufrieden in ihrem Wintergarten. Sie schläft jetzt das, was sie früher nicht geschlafen hat, sagt ihre Tochter. Die Jubilarin hat auch allen Grund, sich erfüllt zurückzulehnen: „Das, was ich wollte, habe ich bekommen – Familie, ein Haus, einen Garten, mehr braucht‘s nicht“, meint sie in ihrer positiv-pragmatischen Art und fügt mit strahlendem Lächeln hinzu: „Und ich habe viele Erinnerungen.“