Kirchheimer Umland

Messerstiche im Flüchtlingsheim

Zeugen berichten von Angst in der Unterkunft

Angst und Schrecken sollen aggressive Bewohner der Kirchheimer Flüchtlingsunterkunft in der Charlottenstraße verbreitet haben, wie es jetzt im Prozess gegen einen 19-jährigen Afghanen vor dem Stuttgarter Landgericht Zeugen aussagen. Der 19-Jährige ist angeklagt, weil er fünf Mal auf einen Landsmann eingestochen und ihn schwer verletzt habe.

Kirchheim/Stuttgart. Wie schon vergangene Woche berichtet, geht es in dem Verfahren vor der Zweiten Großen Jugendstrafkammer in Stuttgart um versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung. Der auf der Anklagebank sitzende 19-Jährige aus Afghanistan soll einen 35-jährigen Landsmann im Flur der Unterkunft mit fünf Messerstichen an Kopf, Arm, Bauch, Wirbelsäule und Beinen erheblich verletzt haben, wobei offensichtlich ein weiterer Täter mit anwesend war. Ob es sich um Notwehr handelte, wie der 19-Jährige beteuert, wollen die Stuttgarter Richter nunmehr in einer umfangreichen Beweisaufnahme und vor allem mit der Vernehmung von fast 20 Zeugen feststellen.

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Auch ob ein dritter möglicher Täter an jenem 7. Juni letzten Jahres in der Unterkunft mit im Spiel war, wie es zum Beispiel der Verletzte im Zeugenstand berichtete, soll ermittelt werden. Inzwischen haben die Richter eine ganze Reihe von Zeugen vernommen, darunter Polizeibeamte und vor allem in der Unterkunft wohnhafte Asylbewerber. So auch am gestrigen vierten Verhandlungstag. Dabei sollten nach Auffassung der Strafkammer die Zeugen von dem damaligen Vorfall kurz nach Mitternacht einiges mitbekommen haben.

Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Ein 37-jähriger Zeuge berichtete gestern, er habe zwar Lärm vom Zimmer nebenan gehört, könne sich aber sonst an nichts weiter erinnern, weil er geschlafen habe. Ein 26-Jähriger hingegen sagt aus, die Polizei habe ihn in der Nacht geweckt und den Ausweis verlangt. Mehr wisse er nicht, weil auch er die Decke über sich gezogen und geschlafen hatte. Auf Rückfrage sagt er dann noch: „Wir alle haben ständig Angst, in irgend etwas verwickelt zu werden, deshalb schlafen wir ab 22 Uhr.“

Auch ein 24-Jähriger, der nicht so recht verstehen will, warum man ihn als Zeuge geladen hat, spricht von grassierender Angst in der Unterkunft. Man befürchte ständig, dass etwas passiert. Tatsächlich ist die Unterkunft in der Charlottenstraße in den letzten Monaten schon mehrfach Schauplatz gegenseitiger Übergriffe unter den Bewohnern gewesen, teils auch mit Messerstichen. Der Zeuge kann sich nur an laute Geräusche erinnern. Zur Polizei hatte er allerdings gesagt, es habe sich angehört, als werde ein Mensch gegen eine Wand geworfen oder gedrückt. Das habe er niemals gesagt, entrüstet er sich nun.

Fakt ist nach den Aussagen der Bewohner, dass die Türen der Unterkunft täglich gegen 22 Uhr geschlossen werden. Dies haben bis jetzt mehrere Bewohner bestätigt. Der Prozess gegen den 19-Jährigen ist mit Zeugenvernehmungen noch auf zwei weitere Tage terminiert. Am 28. Januar sollen die Schluss-Plädoyers gehalten, ein jugendpsychologisches Gutachten vorgetragen und das Urteil gesprochen werden.