Kirchheimer Umland

Mit einer Pyramide fing alles an

Kunsthandwerk Trude Brucker ist als älteste Marktbeschickerin mit ihrem Stand auf dem Kirchheimer Weihnachtsmarkt und verkauft dort Holzkunst aus dem Erzgebirge.

Die Pyramide war für Trude Brucker die Initialzündung, um sich mit kunsthandwerklichen Holzprodukten aus dem Erzgebirge intensiv
Die Pyramide war für Trude Brucker die Initialzündung, um sich mit kunsthandwerklichen Holzprodukten aus dem Erzgebirge intensiver zu befassen.Fotos: Marion Brucker

Sie ist umgeben von Engeln, Bergmännern, Schwibbögen, Nussknackern, Pyramiden und Weihnachtsmännern, Trude Brucker aus Aichwald. Seit 1995 kommt sie mit ihrer Holzkunst aus dem Erzgebirge auf den Kirchheimer Weihnachtsmarkt. Mittlerweile ist sie dort die älteste Marktbeschickerin.

Brucker weist auf eine Pyramide. „Mit der fing alles an“, sagt sie und erzählt, wie ihre Tochter Anfang der 90er-Jahre in Chemnitz arbeitete und ihren Eltern zu Weihnachten genau dieses Modell geschenkt hat. Brucker war begeistert davon und wollte wissen, wo die Pyramide hergestellt wird. Gemeinsam mit Tochter und Ehemann fuhr sie durchs Erzgebirge, besuchte die Holzkunstmacher in ihren Werkstätten, darunter auch den berühmten Grünhainicher Engelhersteller Wendt und Kühn. „Die Engel mit den grünen Flügeln und den elf Punkten sind nach wie vor der Renner“, erklärt Brucker. Seit mehr als 100 Jahren werden sie in Handarbeit herstellt. Jedes Engelchen hat seinen eigenen Gesichtsausdruck und jedes Jahr kommen ein bis zwei neue mit einem Musikinstrument dazu. So können sich die Sammler ein ganzes Orchester zusammenstellen. „Eine Bruckner-Sinfonie hat bis zu 120 Instrumente“, meint Brucker.

Die gelernte Einzelhandelskauffrau weiß, wovon sie spricht. Sie kennt die Hintergründe, warum die Menschen im Erzgebirge mit dem Holzspielzeug machen angefangen haben, woher der Schwibbogen seinen Namen hat und warum die Menschen im Erzgebirge unterschiedlich viele Bergmänner und Engel ins Fenster stellen. „Für jede Tochter einen Engel und für jeden Sohn einen Bergmann“, erklärt sie.

Und gerade das lieben die Kunden an der agilen Rentnerin, die ihr Alter nicht preisgeben möchte. Sie verkauft nicht nur so über den Marktstand hinweg oder über den Ladentisch in ihrem Geschäft in Aichwald, nein, sie steht hinter jedem einzelnen Holzgegenstand. Kein Wunder, denn sie bestellt sie nicht einfach, sondern fährt gemeinsam mit ihrem Ehemann jedes Jahr im Frühsommer zu den Herstellern, um die Neuheiten vor Ort auszusuchen. Fast jeden kennt sie persönlich, so wie auch den Krippenbauer Björn Köhler. Sie erinnert sich noch genau, als sie das erste Mal bei ihm im Hausflur stand und er ihr seine modernen Weihnachtsmänner zeigte. „Gesichtslos sind sie ganz in der Maserung gearbeitet“, Brucker fährt über das glatte Holz. „Da sieht man, was Qualität ist.“ Mittlerweile ist Köhler deutschlandweit bekannt und hat den Designpreis für seine Krippe erhalten. Ihre Lieblingskrippe sei sie, die sie auch ihrer Tochter geschenkt habe.

Sie erkennt Fälschungen sofort

Dieverse Nussknacker hat Trude Brucker. Foto: Marion Brucker
Dieverse Nussknacker hat Trude Brucker. Foto: Marion Brucker

Brucker weiß Qualität zu schätzen. „Meine Frau erkennt Fälschungen sofort“, sagt Günter Brucker. Er unterstützt sie tatkräftig, baut den Stand mit auf und betreut den Laden, wenn sie auf dem Kirchheimer Weihnachtsmarkt ist. Manchmal schickt sie ihm Kundschaft vom Markt vorbei, denn dreigeschossige Pyramiden, Spieldosen oder ganz filigrane Engelchen nimmt sie nicht mit auf den Markt.

Am Ende der Weinstraße in Aichschieß ist das Geschäft. Ein gelber Herrnhuter Stern vor der Tür weist den Weg in den Laden. Wer ihn betritt, wähnt sich im Erzgebirge. Alljährlich im November lädt sie ihre Kunden zum Tag der offenen Tür ein. Da treffen sich Neukunden und Stammkunden, wie auch auf dem Kirchheimer Weihnachtsmarkt. Wobei - Neukunden werden weniger. Die jüngere Generation interessiere sich meist nicht mehr so für Holzkunst aus dem Erzgebirge, und viele Menschen aus den neuen Bundesländern, die nach der Wende nach Schwaben gekommen sind, gingen mittlerweile wieder zurück. Doch diejenigen, die hier geblieben sind, halten Brucker die Treue. Die Rentnerin hofft, dass sie noch lange weitermachen kann. Sie liebt die Kameradschaft der Marktbeschicker und freut sich jedes Jahr, sie wiederzusehen. Man hilft sich, sei es beim Öffnen der Standklappe oder bei der Betreuung des Nachbarstandes, falls einer mal kurz weg muss. Mit Barbara vom Schnapsstand fährt sie morgens schon mal aus Aichwald mit zum Markt. Nur eines sei beschwerlich, meint Brucker: „Seit die Marktbeschicker nicht mehr auf dem Rollschuhplatz parken dürfen, ist für mich der Weg bis zu den Marktständen anstrengend geworden.“ mb

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