Kirchheimer Umland

Mit Tanz und Humor ist das Leben zu meistern

Theater Die Badische Landesbühne zeigt in der Stadthalle Kirchheim Hermann Hesses „Steppenwolf“.

Kirchheim. Der Altersdurchschnitt war niedriger als gewöhnlich. Eine erfreuliche Anzahl junger Leute hatte sich unter die Zuschauer gemischt: Schüler, die im Abitur den „Steppenwolf“ als Sternchenthema angeboten bekommen.

Woran liegt es, dass dieses Werk nach seinem Erscheinen 1927 Furore machte und entscheidend zum Nobelpreis des Autors beitrug? Dass es nach dem Krieg zum Kultbuch geworden ist und sich hartnäckig, wie Goethes „Faust“, im Lektürekanon der Schule hält? Sicherlich mit daran, dass in beiden Werken die Mittelpunktfiguren noch unfertig sind wie die jungen Leser, und sich deshalb auf die Suche nach ihrer Identität und dem Sinn des Lebens machen.

Bei Hesse kommt hinzu, dass er nichts erfinden musste, sondern nach heftigen Lebenskrisen und Selbstmordplänen allen Grund hatte, sich aus der Depression herauszuarbeiten. Er hatte zwei Ehen hinter sich, litt unter materieller Not und politischer Verfolgung. Ein Versuch, sich mit Drogen und intensivem Nachtleben zu betäuben, war gescheitert. Indem er sich an den Schreibtisch setzt und von Harry Haller, seinem Alter Ego, erzählt, unternimmt er eine Art Selbsttherapie.

Es ist naheliegend, dass ein Roman mit Welterfolg auf die Bühne findet. Die Badische Landesbühne greift auf eine Bühnenfassung zurück, die Joachim Lux 2005 für das Burgtheater Wien erstellt hat. Bei Romanadaptionen versucht das Theater, möglichst viel Erzähltext in Aktionen umzusetzen oder ihn zu ersetzen. Zu Beginn ist in jedem Fall nötig, Personen, Ort und Handlung vorzustellen.

Harry Haller will seiner kleinbürgerlichen Umwelt entfliehen und mietet sich in einer Kleinstadt ein. Der Vermieter ist wie die Wohnung von bürgerlicher Sauberkeit geprägt. Sichtbares Zeichen dafür ist ein Blumentopf mit einer Araukarie. Auf einem seiner nächtlichen Streifzüge spricht ihn in seiner Depression eine junge Frau namens Hermine an, die ihm rät, tanzen zu lernen, denn: Tanzen ist von Musik getragen, schafft Körpergefühl, Nähe zum Mitmenschen, inklusive Liebe und Sex. Im weiteren Verlauf spielt das Tanzen auf der Bühne eine entscheidende Rolle. Selbst Dichterfürst Goethe, bei dem Harry im Traum vergeblich Trost sucht, fängt an zu tanzen. Goethe, ordensbehängt, wird auf der Bühne satirisch von einer Frau mit Perücke dargestellt, die sein berühmtes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh‘“ in hessischer Mundart daherbrabbelt.

Viele Auftrittsvariationen

Traumhaft und visionär wird es im zweiten Teil mit dem „Magischen Theater“. Hier bekommt Harry vorgeführt, dass es verschiedene Lebensformen gibt, nicht nur die Zweiteilung in Wolf und Vernunftmensch. Am Ende wird er von drei zum Weiterleben verurteilt.

Die Badische Landesbühne setzt alles ins Werk, was Theater zu bieten hat. Ein Halbrund auf der Bühne mit Vorhang aus Lamellen und Drehtüren gibt reichlich Möglichkeit für Auftrittsvariationen, Kostüme werden häufig gewechselt, Projektionen sind im Dauereinsatz, Toneinspielungen schaffen Geräuschkulissen und Musikeinlagen, Masken und Lichtzerhacker tun ihre Wirkung.

Vor allem aber ist es eine junge Schauspielertruppe, die mit großem Engagement körperlichen Dauereinsatz leistet. Hier wird die Körperlichkeit vorgeführt, die die zeitgenössischen Kulturpessimisten in der verkopften westlichen Kultur vermissen. Dazu kommen unter einer konsequenten Regie präzise Choreografien. Besonders schwierige Schauspielerleistungen stemmen Markus Hennes (Harry) und Nadine Pape (Hermine), weil sich die Aktionen mehr um Harry drehen, als dass er selbst aktiv wird, und bei Hermine/Hermann, weil sie ein androgynes Wesen ist.

Der theatralische „Überschwang“ ist zu heftig. Vor allem gegen Schluss hätte man etwas kürzen können. Es ist fraglich, ob ein unbefangener Zuschauer bei allen Szenen durchschaute, was passiert. Das informative Programmheft konnte helfen.

Pablo in der Rolle Mozarts, dessen Musik das ganze Stück über präsent ist, weist gegen Schluss Harry darauf hin, dass die einzige Chance einer Therapie für ihn darin besteht, mit Humor die Welt zu ertragen. Man ist sich der Lächerlichkeit der eigenen Ängste bewusst und lacht aus tiefem Einverständnis mit dem Universum, wie es ist - trotz aller Zivilisationskritik. Zur Welt, wie sie ist, gehört auch der banale Hausverwalter und die Araukarie, die sich beide im Schlussbild wiederfinden.

Die Zuschauer waren wie selten beeindruckt von der Theaterwucht. Den Äußerungen nach waren gerade die jungen Zuschauer besonders angetan von der Art und Weise, wie der „Steppenwolf“ auf die Bühne gebracht wurde. Das ist gut so. Ulrich Staehle

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