Kirchheimer Umland

Mit viel Liebe zum Idyll

Wolfgang Pflüger kümmert sich seit fast einem halben Jahrhundert um den Süß‘schen See in Ötlingen

Seit 45 Jahren kümmert sich Wolfgang Pflüger, ehemals Feinmechaniker, rührend um den Süß‘schen See in Ötlingen. Das Gelände hat sich in seiner Hand zu einem Gartenparadies entwickelt, in dem sich Kinder über frisch vom Baum gepflückte Äpfel freuen und auch seltene Tiere ein Zuhause finden.

Wolfgang Pflüger steckt jede freie Minute in den Ötlinger See - und das sieht man auch.Fotos: Leonie Seng
Wolfgang Pflüger steckt jede freie Minute in den Ötlinger See - und das sieht man auch.Fotos: Leonie Seng

Kirchheim. Das Gartentor zum Süß‘schen See ist noch verschlossen. Doch schon von außen ahnt man, dass hinter dem Zaun, der Einblick auf das Gelände bietet, ein Schmuckkästchen verborgen liegt. Ein Vater kommt mit seiner kleinen Tochter, die auf einem Laufrad sitzt, den Weg am Ötlinger Mühlbach entlang, an dessen Ende einst die Fabrikhallen der Gerberei Spieth standen. Auf den Griff des Gartentors legt der Vater eine Bäckertüte „mit altem Brot, für den Wolfgang und seine Enten“.

Kurz darauf kommt Wolfgang Pflüger, Hand in Hand mit seiner Frau Ella. Die prächtigen Stockenten auf dem Gelände warten schon sehnsüchtig auf ihre Nachmittags-Mahlzeit. Mit lautem Schnattern stürzen sie sich auf die Brotkanten, die im Wasser langsam aufweichen. Die großen Brocken und ganze Brötchen, die den schmalen Entenschnäbeln wieder entgleiten, schnappen sich zwei dicke Karpfen, die mit ihren weit geöffneten Mäulern an die Wasseroberfläche schnellen.

Außerdem gibt es Zander, Forellen und Rotfedern im Süß‘schen See sowie einen ein Meter langen Hecht, der am oberen Ende, wo das Wasser des Mühlbachs in den See fließt, auf frische Leckerbissen lauert. Wolfgang Pflüger hat alle Fische selbst eingesetzt und herangezogen.

Das Schilf am linken und rechten Rand des blau-grünen Seespiegels müsste er mal wieder zurückschneiden, meint Pflüger. Früher ist er dazu mit einem Boot rausgefahren. Heute wirft er einen Rechen aus, der an einer Schnur befestigt ist. Mit der Schnur zieht er den Rechen wieder zurück und kann so das Schilf entfernen. Am unteren Ende des Sees, der etwa 50 Kubikmeter fasst, ist ein Großteil der Wasseroberfläche mit Seerosenblättern bedeckt.

Darauf sitzen zur Blütezeit handtellergroße vanillegelbe Blüten – wie stolze Königinnen. Die Setzlinge der Seerosen muss man beim Anpflanzen mit Steinen beschweren, damit sie auf den Boden sinken und dort Wurzeln schlagen, erklärt Pflüger. Alles Wissen über Pflanzen, Bäume und die Pflege des Sees hat er sich selbst angeeignet oder wie Pflüger selbst völlig selbstverständlich sagt: „Da hab‘ i mi halt schlau g‘macht.“

Seit 45 Jahren steckt der 1947 geborene Wolfgang Pflüger, gelernter Feinmechaniker, nun fast seine gesamte Freizeit in die Pflege des Süß‘schen Sees und der Gartenanlage darum herum. Auf der Seite der Seerosen hat er eine Holzhütte gebaut. Drinnen riecht es nach einer Mischung aus modrigem Keller und reifen Klaräpfeln. Nebenan lässt eine Weide malerisch ihre Zweige auf ein Holzplateau hängen, das in den See ragt. Daneben ist der Kanal, aus dem das Wasser in die Lauter abfließt.

Sowohl beim Einlass vom Mühlbach als auch beim Ausfluss in die Lauter gibt es eine Klappe, mit der die Gänge zugemacht werden können. Zum Beispiel bei Hochwasser. Eine eingebaute Stufe sorgt dafür, dass das Wasser umgewälzt wird und genügend Sauerstoff in den See gelangt. Gäbe es den See nicht mehr, „könndet se mi beerdige“, sagt Pflüger unumwunden.

Im hinteren Gartenteil steht ein selbst gebautes Gewächshaus. Süße Fleischtomaten, Himbeeren, Träuble, Zucchini wachsen dort; davor eine Plantage aus Apfel-, Zwetschgen, Kirsch- und Kastanienbäumen. Wolfgang Pflüger erinnert sich an ein Mädchen, das neulich einen Apfel probieren durfte. „Hm, ist der aber saftig!“, habe sie gesagt und gleich noch einen zweiten verlangt. Es sind diese Erlebnisse, die all die Arbeit und Zeit, die Pflüger in den Garten steckt, mehr als aufwiegen. Oft kommen Kindergartengruppen, Eltern mit Kindern, Malerinnen oder ältere Leute in den Garten – eben um frisches Obst zu genießen oder um, untermalt vom Rauschen der Lauter, dem schallenden Chor der Frösche und Grillenzirpen, einfach ein bisschen zu entspannen. Das Gelände der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wie es vor einiger Zeit zur Debatte stand, davon hält Pflüger nichts. „Dann wär die Idylle zerstört“, glaubt er.

Dennoch haben auch schon Feste und sogar eine Hochzeit inklusive Trauung auf dem Grundstück stattgefunden. Nach den Festen habe er aber darauf geachtet, dass kein Bierdeckel und nichts liegen bleibt, berichtet Pflüger. Unter diesen Umständen, mit Rücksicht und Respekt also, sind Menschen am See willkommen.

Suessscher - See - Pflueger in ÖtlingenWolfgang Pflüger
Suessscher - See - Pflueger in ÖtlingenWolfgang Pflüger
Suessscher - See - Pflueger in ÖtlingenWolfgang Pflüger
Suessscher - See - Pflueger in ÖtlingenWolfgang Pflüger
Suessscher - See - Pflueger in ÖtlingenWolfgang Pflüger
Suessscher - See - Pflueger in ÖtlingenWolfgang Pflüger
Suessscher - See - Pflueger in ÖtlingenWolfgang Pflüger
Suessscher - See - Pflueger in ÖtlingenWolfgang Pflüger

Der See in der Geschichte

Christoph Süß legte den Süß‘schen See um 1870 an. Er war Besitzer der ältesten Fabrik in Ötlingen, einer Korsettweberei. Öffentliches Freibad wurde der See ab 1920. Im Winter nutzte man ihn zum Schlittschuhlaufen. Unterirdische Quellen speisten den See früher. Sie versiegten jedoch beim Bau der Häusersiedlung im Umland. Der Mühlbach ist inzwischen die einzige Quelle des Sees, ohne diese könnte er nicht überleben.ls

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