Kirchheimer Umland

Mittendrin im Dresdner Inferno

Als 16-jähriger Soldat erlebt Werner Malchow die Zerstörung der sächsischen Hauptstadt

Kirchheim. Mit 15 Jahren wurde Werner Malchow Soldat. 1944 sah er sich dazu gezwungen, sich freiwillig zur Luftwaffe zu melden. Und das

kam so: „An einem besonderen Sonntag wurde die HJ der umliegenden Ortschaften zu einer Filmmatinee nach Joachimsthal befohlen.“ Viele seien der Aufforderung mit Freuden gefolgt, denn eine Filmvorführung war damals noch etwas Besonderes. Es gab allerdings noch etwas, was an diesem Tag besonders war: „Am Eingang des Saales standen zwei SS-Soldaten, und jeder Junge bekam von ihnen eine vorgedruckte Postkarte, mit der strengen Weisung, diese zu unterschreiben und später nach Filmende am Ausgang abzugeben.“

Wer dieser Weisung nachkam, meldete sich dadurch „freiwillig“ zur SS. Wer die Weisung dagegen nicht befolgt hätte, der hätte mit schwersten Repressalien zu rechnen gehabt. Werner Malchow beriet sich also während der Vorführung mit seinem Schulfreund, und gemeinsam beschlossen sie, dem Dilemma durch eine Notlüge zu entkommen: Sie behaupteten einfach, dass sie sich bereits freiwillig zur Luftwaffe gemeldet hätten. In den Tagen danach kamen sie zu dem Entschluss, ihrer misslichen Lage dadurch zu entgehen, dass sie sich hinterher tatsächlich noch zur Luftwaffe meldeten.

Immerhin entsprach dieser Entschluss der damaligen Lebensplanung des 15-jährigen Werner Malchow: Begeistert von der Fliegerei, träumte er davon, Pilot bei der Lufthansa zu werden. Voraussetzung dafür war es 1944, beim „fliegenden Personal“ gedient zu haben. Entsprechend begeistert war er auch, als ihm nach diversen Eignungstests die Tauglichkeit zum Dienst bei der Luftwaffe bescheinigt wurde: „Zurückgekehrt, zeigte ich meiner Mutter mit Stolz den Wehrpass mit den Eintragungen. Sie hatte keine Freude daran und brach in Tränen aus.“

Auch bei ihm selbst sollte die Freude am neuen Dienst schnell weichen. Nach der überraschenden Auflösung seines Militärflugplatzes bei Neuruppin kam er für kurze Zeit an den „Ostwall“, wo er Generalstabskarten zu aktualisieren hatte. Abermals entging er dort dem Zwang, sich „freiwillig“ zur SS zu melden: „Da mussten alle antreten, und jeder, der mindestens 1,70 Meter groß war, kam zur SS. Zum Glück maß ich nur 1,68 Meter.“

Kurz darauf bekam Werner Malchow die Nachricht, dass er sich in Dresden bei der Luftlandetruppe einzufinden habe. Das war im Herbst 1944, er war gerade 16 Jahre alt geworden. „Dresden war zu dieser Zeit noch eine schöne Stadt“, erinnert er sich. „Zerstörungen durch Bomben habe ich nicht wahrgenommen. Ein reger Straßenbahnverkehr belebte das Zentrum. Lokalitäten waren offensichtlich gut besucht.“

Am 13. Februar 1945 änderte sich dies schlagartig: Ganz Dresden erlebte ein Bombeninferno, und der 16-Jährige aus der Uckermark war mittendrin. Gegen 22 Uhr kam der erste Angriff, der 30 bis 40 Minuten dauerte. Werner Malchow beschreibt „das Rauschen und Heulen der niedersausenden Bomben“ und den „fürchterlichen Explosionslärm“. Sofort nach dem Angriff galt es, Schäden zu besichtigen. „Mit weiteren Angriffen rechneten wir nicht und waren froh, das Bombardement ohne Blessuren überstanden zu haben.“

Gegen 2 Uhr in der Nacht folgte allerdings die zweite Angriffswelle. Werner Malchow beschreibt die Zeit im Luftschutzkeller: „Ein unbeschreibliches Chaos spielte sich ab. Die Menschen wussten vor Todesangst nicht mehr, was sie taten.“ Die Todesangst war mehr als berechtigt: In den folgenden Tagen waren die Straßen Dresdens von Leichen und Leichenteilen übersät. Auch die Keller waren voll mit Toten. Viele von ihnen hatten keine äußerlichen Anzeichen von Verletzungen: Sie waren erstickt oder in der Hitze kollabiert.

Werner Malchow schreibt: „Wohin mit den vielen, vielen Leichen? Auf dem Altmarkt wurde ein großer Feuerrost errichtet, auf dem die geborgenen menschlichen Überreste so gut wie möglich tage- und nächtelang verbrannt wurden. Den eigenartigen Geruch, der sich in der Stadt verbreitete, werde ich wohl nie vergessen.“

Im Gespräch berichtet er immer wieder vom drängendsten Problem: Hunger. Er erinnert sich an Mahlzeiten, die ein gestohlener Marmeladeneimer oder ein geschenkter Sack Kartoffeln ihm und seinen Kameraden bescherte, als wären es die größten Festessen gewesen. Auch diesen Hunger hat er nie mehr vergessen.

Nach Dresden folgten für Werner Malchow noch viele weitere Episoden: Kurierdienste und die Suche nach der versprengten Truppe. Immer wieder war er auf Strecken unterwegs, die von seinen Marschpapieren abwichen. Das war jedes Mal eine große Gefahr. Einmal landete er deswegen sogar in der Gestapo-Zentrale in Berlin, konnte sich aber herausreden: Er habe – völlig übermüdet nach einem Fliegeralarm – versehentlich den falschen Zug bestiegen.

Sein persönliches Kriegsende ereilte ihn schließlich Anfang April 1945 irgendwo in Thüringen: In einer MG-Stellung sollte er eine Picke bergen. Das nächste, woran er sich erinnert, ist, dass er dort auf dem Bauch lag und seinen linken Arm nicht mehr bewegen konnte. Mehrere Kilometer Fußmarsch führten ihn zum Hauptverbandsplatz, wo ihn eine Notoperation erwartete – ohne Narkose. Bis zur Kapitulation wenige Wochen später wurde er nicht mehr einsatzfähig.

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