Kirchheimer Umland

Neulinge und alte Hasen

Erfrischendes Konzert des Liederkranzes Kirchheim mit der Jazzband Manfred Bauerle

„Musik erhält jung“ oder: „Für Musiker gibt es keine Altersgrenze, um auf der Bühne zu stehen“. Dass solche Sätze ­keine Wunschbehauptungen sind, sondern reale Erfahrungen, das bewies das jüngste Konzertprojekt des Liederkranzes Kirchheim mit dem Titel „Liederkranz trifft Jazzband“.

Kirchheim. Der Vorstand gab in der Begrüßung des zahlreich erschienenen Publikums, aber auch gleich freimütig zu, dass das vom jungen Dirigenten Thilo Frank initiierte Projekt manchem die Schweißperlen auf die Stirn getrieben, gar zu einer „Schockstarre“ geführt habe, aber sich daraus wieder zu lösen, habe sich gelohnt. Für den Chor hat es sich bestimmt gelohnt, sich auf ein solches Wagnis einzulassen, denn jede Erfahrung mit Neuland bereichert, lässt wachsen.

Gewiss war dazu viel Engagement und Geduld der relativ kleinen Sängerschar nötig, denn nicht nur Spirituals wie „Amazing Grace“ oder „Swing low“ und Songs wie „Georgia“, „Tonight“ und „Yesterday“ mit englischen Texten waren zu bewältigen, sondern auch gesangliche Anforderungen einer ungewohnten Jazz-Harmonik. Dass von diesem Engagement einiges „rüberkam“, war sicher auch dem bewundernswerten Talent von Thilo Frank zu verdanken, seinen Chor vom Klavier aus mit großem Körpereinsatz und suggestiven Gesten und Impulsen sicher zu führen. Diese Doppelfunktion von Pianist und Dirigent grenzte manchmal an Klavierspiel-Akrobatik, blieb aber doch immer überzeugend vom musikalischen Ausdruck her gesteuert. Überhaupt merkte man seiner Leitung an, dass er sehr präzise musikalische Vorstellungen hatte, auch wenn sein Chor bei der Umsetzung dabei noch mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

Da hatten es die „Jazzer“ ungleich leichter, mussten sie doch mit dem Projekt kein Neuland betreten, weil sie sich schon seit Jahrzehnten auf diesem Gebiet bewegen – im Fall des bereits 80-jährigen Bandleaders Manfred Bauerle (Klarinette und Saxofon) wohl sicher bereits 60 Jahre oder mehr, was auch von seinem „Uralt-Freund“ am Klavier gelten dürfte.

Die beeindruckende pädagogische Konzeption dieses Konzerts bestand wohl darin, „Neulinge“ mit „alten Hasen“ zusammenzubringen. Bei eingefleischten Jazzern gilt das ungeschriebene Gesetz, sich nicht gegenseitig ausstechen zu wollen, sondern respektvoll und auf Augenhöhe, vor allem aus gemeinsamem Spaß an der Sache, miteinander zu musizieren und zu improvisieren – und genau so gingen die alten Hasen mit den Neulingen um, nicht herablassend, sondern einfühlsam unterstützend, ohne dabei etwas von ihrer eigenen Professionalität aufzugeben.

Und was für Profis agierten da auf der Bühne! Es war eine Wonne, ihnen zuzuhören und zuzuschauen bei ihrem Parforce-Ritt durch die „Geschichte des Jazz“ vom frühen Blues über Gershwin und Duke Ellington bis hin zu Sonny Rollins und Rock-Jazz. Und für jeden Spieler gab es ein Stück, wo er sich solistisch präsentieren konnte: eine in „Summertime“ alle Jazz-Klangfarben auslotende Posaune, hochvirtuose temporeiche Improvisationen von Saxofon und Trompete in verschiedenen Ellington-Stücken, ein ständig präsentes, aber nie aufdringliches Klavier und ein abenteuerliches Schlagzeug-Solo, schließlich ein atemberaubendes Bass-Solo, wo Andreas Streit ohne jede weitere Unterstützung einen Groove hinlegte, dass einem die Beine zuckten.

Nach bester Jazz-Manier schlichen sich alle ganz unaufdringlich improvisierend in die Chorsätze ein, die Sänger inspirierend und befeuernd. So eingebettet in einen vital-kraftvollen Jazz-Sound gelangen dem Chor schließlich zwei absolute Höhepunkte mit „My way“ und dem Spiritual „Oh when the saints“. Mit diesem Konzert ist dem Chor ein verheißungsvoller Anfang auf Neuland gelungen und es ist zu wünschen, dass diese Ermutigung zu neuen Wegen auch neue, junge Sänger anlockt.

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