Kirchheimer Umland

Nicht nur die Alkoholiker sind krank

Angehörige von Süchtigen treffen sich nach dem Aus für die Kreuzkirche in neuen Räumen

In der Kreuzkirche sind die Lichter erloschen. Eine Zäsur auch für die Selbsthilfegruppe Al-Anon, die seit 1987 in den Gemeinderäumen zusammenkam. Die Angehörigen alkoholkranker Menschen setzen ihre Arbeit nun im evangelischen Gemeindehaus auf dem Kirchheimer Schafhof fort.

„Nur für heute“. Das ist ein wichtiger Leitsatz für die Mitglieder der Selbsthilfegruppe Al-Anon. Er erinnert die Angehörigen al
„Nur für heute“. Das ist ein wichtiger Leitsatz für die Mitglieder der Selbsthilfegruppe Al-Anon. Er erinnert die Angehörigen alkoholkranker Menschen daran, ihre Probleme Stück für Stück anzupacken und sich nicht von dem Berg, der sich vor ihnen auftürmt, entmutigen zu lassen.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Hanne ist längst erwachsen. Und doch lässt ihre Kindheit sie nicht los: der alkoholkranke Vater, das Gefühl der Ohnmacht, der ständige Versuch, den Schein zu wahren. Zu viel Verantwortung für ein Kind, das nicht entfliehen kann und auch nicht weiß, wie es ist, in einer „normalen“ Familie groß zu werden. „Man kennt keine gesunden Verhältnisse“, sagt Hanne. Häufig schlitterten Kinder von alkoholkranken Eltern in Beziehungen mit Menschen hinein, die ebenfalls Alkoholiker seien oder ein anderes Suchtproblem hätten. Sie werden selbst krank. Hanne nennt es die „Krankheit der Angehörigen“: Kontrollsucht, weil man schon als Kind gelernt hat, alles im Griff haben zu müssen. Ein übertrieben stark ausgeprägtes Helfersyndrom. Die Unfähigkeit, die eigene Leidensgrenze zu respektieren.

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Für Hanne, die wie alle anderen Personen in diesem Text anders heißt, ist die Selbsthilfegruppe Al-Anon seit 13 Jahren fester Bestandteil ihres Lebens. Sie hilft ihr, herauszufinden, wie die Alkoholsucht ihres Vaters sie geprägt hat. Und wie sie sich aus den schlechten Verhaltensmustern befreien kann, die die Kindheit mit einem Alkoholiker in ihr gepflanzt hat.

Andere, die die Selbsthilfegruppe besuchen, haben Partner, Kinder, Freunde oder Arbeitskollegen, die alkoholkrank sind. Manche sind bereits verstorben. So wie Peters Frau. Peter erinnert sich noch gut an seine ersten Al-Anon-Treffen. „Ich bin in die Gruppe gekommen, weil ich meiner Frau helfen wollte“, sagt er. Mit der Zeit lernte er, dass er das nicht kann. „Als Angehöriger kann ich mir nur selbst helfen und an mir arbeiten“, sagt er.

Hanne kennt die falschen Erwartungen, die viele mit dem Besuch der Selbsthilfegruppe verknüpfen. „Viele denken, dass sie hier ein Rezept bekommen, mit dem sie ihre alkoholkranken Angehörige wieder geradebiegen können“, sagt sie. Wer begriffen habe, dass es darum nicht geht, dem könne die Arbeit in der Selbsthilfegruppe dabei helfen, sein Leben zu verbessern.

Auch Nicoles Leben wurde geprägt von Männern, die süchtig nach Alkohol waren. Bei ihrem Vater habe das zwar niemand so genannt, sagt sie, aber sie erinnert sich gut daran, wie jähzornig er wurde, wenn er getrunken hatte. Auch ihr Mann, der mittlerweile verstorben ist, war Alkoholiker. Nicole weiß, dass diese Erfahrungen sie immer noch prägen, auch wenn Vater und Ehemann nicht mehr da sind. „Ich bin bis heute misstrauisch und habe Schwierigkeiten, anderen zu vertrauen“, sagt sie.

Die Gruppe hilft ihr dabei, sich dessen immer wieder bewusst zu werden und daran zu arbeiten. „Wir erteilen keine Ratschläge, sondern wir teilen Erfahrung, Kraft und Hoffnung“, nennt sie einen wichtigen Al Anon-Grundsatz. Zentral ist der Glaube, dass Alkoholismus eine Familienkrankheit ist und dass eine veränderte Einstellung die Genesung fördern kann.

Anonymität ist ein weiterer Grundsatz. „Es wird keiner gefragt, wer er ist und woher er kommt. Es zählt nur das Problem, das man hat“, sagt Peter. Die Gruppentreffen bestehen allerdings nicht nur aus Erfahrungsaustausch. Der Leitfaden, an dem sich jede Sitzung entlanghangelt, sind die „Zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker“. Am Beginn einer jeden Genesung steht die Einsicht: „Wir haben zugegeben, dass wir Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten.“