Kirchheimer Umland

Nimm’s einfach mit Gelassenheit

Kabarett Uli Boettcher präsentiert im Bürgerhaus in Lindorf sein aktuelles Bühnenprogramm „Ü 50 - Silberrücken im Nebel“. Von Andrea Barner

Bei Requisiten und Showeffekten spartanisch, dafür in Sachen Mimik und Gestik umso überzeugender: Kabarettist Uli Boettcher als
Bei Requisiten und Showeffekten spartanisch, dafür in Sachen Mimik und Gestik umso überzeugender: Kabarettist Uli Boettcher als personifizierter „Silberrücken“.Foto: Günter Kahlert

Ein Patentrezept gegen das Älterwerden hat Uli Boettcher nicht. Aber er weiß genau, mit welchen Problemen „Mann“ sich nach dem Eintritt ins „Silberrücken-Alter“ tagtäglich herumschlägt. Als Silberrücken werden männliche Gorillas im besten Alter bezeichnet, sie gelten als die Anführer der Herde. Animalisch, voller Power, „auch fortpflanzungstechnisch“. Bei den Menschen sei das nicht anders, behauptet Boettcher, obwohl . . .

Sportlich läuft’s nicht mehr so, die Frau will keine Kinder mehr, der Nachwuchs wird flügge und die alten Eltern stellen wieder Ansprüche. Man hat’s nicht leicht in dieser Phase. Das Publikum im Saal weiß offenbar genau, wovon Boettcher redet und worüber er im Alltag stolpert. Kein Wunder, - die Besucher sind mindestens gleichaltrig.

Requisite und Showeffekte hat der 1966 geborene Solokünstler nicht nötig. Ein einfacher Barhocker auf der Bühne reicht. Kleine Gesten, passende Mimik, spontane Einfälle - Boettcher weiß, wie er sein Publikum ohne großes Tamtam zu packen kriegt. Seine Stories, die er schwäbisch und hochdeutsch daher bringt, haben es in sich. Es geht vor allem um den Mann ab 50. Mit 16 hat er die „Bravo“ verschlungen, heute studiert er die „Apothekenumschau“. Sei‘s drum.

Wer älter als 50 ist, hat ein kleines Handicap: die ersten Vorboten vom Alter kommen, aber die Erinnerung an die Zeit mit 16 ist „noch voll da“. Ein dicker Kopf nach der Party „geht vorbei. Aber heute weißt du: der Schmerz im Knie, der bleibt.“ Zwei treue Kniescheiben, die früher alles mitgemacht haben, übernehmen plötzlich die Regie: „Du gohsch nemme Squash spiela!“, sagen die einem. Fahrradfahren statt joggen, das wollen diese Knie jetzt - „aber warum in wurstpellenartiger Neon-Kleidung?“

Im Alltag treten Situationen auf, mit denen der Silberrücken niemals gerechnet hat. Ganz schwierig zum Beispiel das Kapitel „Eltern“. Wenn die vor der Tür stehen, ist der Silberrücken in der Regel überfordert. Und jetzt wollen sie sogar ins Haus einziehen, denn „euer Kinderzimmer ist ja gerade frei geworden“. Na dann, Prost Mahlzeit. Das „ist von der Natur nicht vorgesehen.“ Normalerweise reicht schon ein Nachmittag mit Mutti, meint Uli Boettcher.

Kinder sind natürlich auch so ein Thema. So schön der Tag auch war, als sie dereinst im Körbchen eingezogen sind. Ein noch viel schönerer Tag bricht an, wenn sie endlich wieder ausziehen! Ganz los wird man sie ja nie, aber das ganzeTheater macht man jedenfalls nicht noch mal mit. Und damit zum krassesten Thema des Kabarett-Abends: der eigenen Vasektomie, also der Sterilisation. Oder auch dem „terroristischen Angriff auf den Unterleib des Mannes“, wie Boettcher sagt. Ja, das ist ein derbes Thema und Uli Boettcher tappt es genüsslich und humorvoll aus, bis ins letzte Detail. Das ist so skurril, da bleibt kein Auge trocken.

Am Ende hält der Kabarettist ein Plädoyer für die Gelassenheit. Auch wenn im sechsten Lebensjahrzehnt so ganz allmählich „der Nebel aufsteigt“, sieht er keinen Grund zur Panik und als „Ü50er“ spricht er aus Erfahrung. Wenn das Auto erst mal demoliert ist, jucken einen weitere Blechschäden nicht mehr so wie am Anfang. Seinen Altersgenossen empfiehlt er deshalb dringend: „Lass stecken“. Wozu die ganze Aufregung?

Ein köstlicher Abend im Lindorfer Bürgerhaus mit demTheater- und Filmschauspieler, Regisseur und Kabarettisten Uli Boettcher, der in Baienfurt bei Ravensburg ein eigenes kleines Theaterhaus betreibt. Mit ihm hatten die Veranstalter einen guten „Riecher“ und das Publikum einen Riesenspaß.

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