Kirchheimer Umland

„Noch nie hat die Welt so gebrannt“

Gedenkfeiern zum Volkstrauertag – Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker hält aktuelle Rede

Was hat die Geschichte mit uns zu tun? „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“, betonte Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker in ihrer Rede vor der Kranzniederlegung zum Volkstrauertag. Frieden müsse jeden Tag aufs Neue gestiftet werden.

Auf dem Alten Friedhof in Kirchheim erinnert Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker an Vertreibungen und an Menschen, die i
Auf dem Alten Friedhof in Kirchheim erinnert Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker an Vertreibungen und an Menschen, die im Widerstand den Tod fanden. Derzeit seien weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht, mehr als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.Foto: Peter Dietrich

Kirchheim. Frieden sei alles andere als ein Naturzustand, mahnte Stadtchefin Angelika Matt-Heidecker die rund 100 Besucher auf dem Alten Friedhof in Kirchheim. „Noch nie in den vergangenen 70 Jahren hat die Welt so gebrannt. Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht, mehr als nach Ende des Zweiten Weltkriegs.“ Dieser Krieg sei erst zu Ende gewesen, „als die westlichen Alliierten und die Sowjetunion gemeinsam uns Deutsche von der Nazidiktatur befreit hatten“. Die Nachgeborenen hätten allen Grund, dafür dankbar zu sein.

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657 Kirchheimer fielen als Soldaten, hinzu kamen 456 Vermisste und die Opfer des Naziterrors in der Stadt. „Ehrenamtliche, Jugendliche und Stadtverwaltung arbeiten an einem Denkmal für die zivilen Opfer des Dritten Reiches. In den Mittelpunkt werden nicht Zahlen, sondern Einzelschicksale gestellt“, so Angelika Matt-Heidecker.

In Kirchheims Patenstadt Bulkes, dem heutigen Backi Maglic in Serbien, wurden im April 1945 die letzten der ehemals 3 000 deutschen Bewohner vertrieben und interniert. „930 alte und kranke Menschen kamen ins KZ Backi Jarak. Innerhalb eines Jahres sind 654 elend verhungert, darunter 172 Kinder.“ Heute reichten die ehemaligen Bewohner von Bulkes die Hand zur Versöhnung. „Ich war sehr stolz, im Mai eine Delegation begleiten zu dürfen“, sagte die Rathauschefin.

Die wilden Vertreibungen der Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei seien katastrophal verlaufen. Weil sie nicht wussten, wohin, verließen Tausende erst gar nicht die Bahnhöfe, viele erfroren. Doch das Bemühen, im zerstörten und hungernden Land Millionen Vertriebene aufzunehmen, gelang. Angelika Matt-Heidecker betonte: „Die Einheimischen mussten ihre Vorurteile abbauen, denn die Vertriebenen trugen erheblich zum wirtschaftlichen Aufstieg bei.“

Die Oberbürgermeisterin erinnerte an 20 000 deutsche Soldaten, die wegen angeblicher Feigheit und Wehrkraftzersetzung hingerichtet wurden, oft schon mit 17 Jahren. Sie gedachte auch der Soldaten der Roten Armee in deutscher Kriegsgefangenschaft. „Sie gingen an Krankheiten elendig zugrunde, verhungerten, von über 5,3 Millionen kamen wohl deutlich mehr als die Hälfte um.“ Sie erinnerte an die fast 100 Kirchheimer, die in Grafeneck ermordet wurden, an alle, die im Widerstand den Tod fanden, an in Kriegen vergewaltigte und missbrauchte Frauen, an über 100 Bundeswehrsoldaten, die seit 1992 bei Auslandseinsätzen starben und an Fremde und Schwache, die Opfer von Hass und Gewalt wurden. „Es gibt sie nach wie vor, die Verbrecher, die sich an nationalsozialistischem Gedankengut orientieren und vor Mord nicht zurückschrecken.“

Wenn man Werte wie die Menschenrechte teile, komme es nicht auf die Religion an. „Die Menschheit teilt sich nicht in Glaubensgruppen. Sie teilt sich in Terroristen und solche, die unter Terror leiden.“ Niemand könne die Toten zurück ins Leben holen. „Wir können ihnen aber versprechen, mit aller Kraft das Leben in Frieden und Freiheit zu schützen.“ Das gelte auch für alle Menschen, „die in guter Absicht zu uns gekommen sind und noch kommen werden, um ein freies, friedliches und sicheres Leben bei uns zu finden.“

Musikalisch wurde die Feier von der Stadtkapelle und dem Gesangverein Eintracht 1868 gestaltet. Till Böhling vom Schlossgymnasium sowie Simon Find und Annika Kömpf vom Ludwig-Uhland-Gymnasium lasen gemeinsam Texte. „Was sich weltweit ereignet heutzutage, kann nicht im Sinne unsrer Toten sein“, schrieb Hubert Jansen im Gedicht „Zum Volkstrauertag“. Solange Hass in Herzen gepflanzt wird, Geistliche die Waffnen segnen, Politiker sich über Gesetze erheben und Banker Geld für Kriege leihen, so Heidrun Gemähling in „Frieden, aber nicht so!“, werde es keinen Frieden geben.

Auch in den Stadtteilen gab es Gedenkfeiern. In Jesingen wurde sie von Schülern der Werkrealschule mitgestaltet, in Lindorf von Konfirmanden. In Ötlingen pflanzten Jugendliche im Anschluss an die Gedenkfeier an der Lindorfer Straße einen Friedensbaum. Die Feier in Nabern folgt nächsten Sonntag um 10.30 Uhr am Mahnmal für den Frieden.