Kirchheimer Umland

Nur die Tage werden kürzer

Das Warten nagt an den Nerven der Flüchtlinge – Landrat erhöht Druck auf die Kommunen

Das Tempo ist unverändert hoch: 270 neue Flüchtlinge pro Woche – so die aktuellen Zahlen – hat der Kreis Esslingen derzeit unterzubringen. Ihre ungewisse Zukunft setzt den Menschen in den Notunterkünften am meisten zu. Am scheinbar endlosen Warten auf den Asylbescheid hat sich wenig geändert.

Die Welt ist mit der Winterkälte kleiner geworden: Flüchtlinge  in einem Wohncontainer in der Dettinger Straße in Kirchheim.Foto
Die Welt ist mit der Winterkälte kleiner geworden: Flüchtlinge in einem Wohncontainer in der Dettinger Straße in Kirchheim.Foto: Carsten Riedl

Kirchheim. Zu frieren braucht keiner. Trotz strengen Nachtfrosts in den vergangenen Tagen sind die Gemeinschaftsunterkünfte in Kirchheim, wo derzeit 700 Menschen ein vorläufiges Zuhause finden, ausreichend beheizt. Auch an Winterbekleidung mangelt es nicht. Die Kleiderkammer in der Charlottenstraße ist dank zahlloser Spenden gut gefüllt. Die Verteilung funktioniert reibungslos. Wer angesichts der beginnenden Erkältungszeit mit Krankheit zu kämpfen hat, wird versorgt. Einmal wöchentlich erscheint der mobile Ärztedienst in den Unterkünften.

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Der aufziehende Winter setzt dennoch den meisten Flüchtlingen zu. Kälte, Schnee und Regen schränken die Bewegungsfreiheit ein, reduzieren den Lebensraum auf ein Minimum. Ein Problem, vor allem in der Kreissporthalle, wo 280 überwiegend junge Männer zusammengepfercht sind. Von aufgestauten Aggressionen ist dennoch wenig zu spüren. „Es herrscht eher Verzweiflung“, sagt Jutta Woditsch, die in Diensten der Arbeiterwohlfahrt (AWO) für die soziale Betreuung zuständig ist. Wo immer sie auftaucht, wird sie mit Fragen überhäuft, die immer die gleichen sind und auf die sie keine Antworten hat. Warum dauert das alles so lange? Warum hat der Bettnachbar einen Bescheid erhalten und ich nicht?

Das verschärfte Asylgesetz soll die Verfahren beschleunigen, doch davon ist derzeit noch nichts zu spüren. Von den 280 Flüchtlingen in der Kreissporthalle hat die Mehrheit Aussicht darauf, bleiben zu dürfen. Bisher wurden drei Anträge von Syrern anerkannt. Auch im Containerdorf in der Dettinger Straße tut sich wenig. Die meisten Bewohner dort stammen aus Ländern Afrikas. Viele davon müssen mit Abschiebung rechnen. Seit sieben Monaten herrscht ständige Ungewissheit.

Eine Abwechslung vom tristen Alltag kommt da zur rechten Zeit: Derzeit laufen die Sprachkurse der Bundesagentur für Arbeit für Menschen aus Syrien, dem Irak, Iran und Eritrea an. 300 Stunden Unterricht, die nicht nur eine zielgerichtete Beschäftigung darstellen, sondern vor allem das Gefühl vermitteln, es tut sich was. „Es holt die Leute aus ihrer Lethargie“, sagt Jutta Woditsch.

Sprachtraining, Integrationskurse, berufsvorbereitender Unterricht und immer neue Partner aus Schule, Handwerk, Industrie. Im Landkreis setzt man alle Hebel in Bewegung, um Flüchtlinge mit Chancen auf Bleiberecht möglichst schnell in ein selbstbestimmtes Leben zu entlassen. 2016 soll es ein erstes kreisweites Integrationskonzept geben. Zurzeit fühlt man sich im Landratsamt eher getrieben von immer neuen Vorgaben und Prognosen. Erst gestern hat Landrat Heinz Eininger den Mitgliedern im Sozialausschuss die aktuellsten Zahlen vorgestellt: 270 Neuankömmlinge pro Woche. Bis Jahresende, so die Hochrechnungen, werden 6 000 Flüchtlinge im Kreis untergebracht sein. Allein bis Neujahr werden mehr als 2 600 zusätzliche Plätze benötigt. Im Gegenzug ist die Zahl derer, die aus den Sammelunterkünften ausziehen, noch vergleichsweise gering. „Wir gehen davon aus, dass etwa 90 Personen pro Monat in private Wohnungen oder in die Anschlussunterbringung wechseln“, sagt Landratsamts-Sprecher Peter Keck. Eininger verstärkt derweil den Druck auf die Kommunen. Noch immer haben 16 der 44 Kreisgemeinden bei den Belegungszahlen eine Null stehen. „In den Gemeinderäten hat man gelegentlich den Eindruck, manche glauben es immer noch nicht,“ kritisiert Eininger den schleppenden Prozess in vielen Gremien. Zwar sind etliche Projekte bereits in Planung, doch vieles von dem, was an Vorschlägen eingeht, erweist sich von vornherein als untauglich.

Mit dem im November in Kraft getretenen Gesetz zur Unterbringung und Versorgung minderjähriger Flüchtlinge ist der Kreis zusätzlich gefordert. Derzeit leben 120 Minderjährige in 30 Wohngruppen freier Träger. Auch in diesem Bereich herrscht dringender Platzbedarf. Als Unterkunft im Visier ist das Schullandheim Lichteneck bei Hepsisau. Die kreiseigene Einrichtung soll schon im Februar bezogen werden.