Kirchheimer Umland

„Ohne Sprache läuft gar nichts“

Seit 2009 finanziert der Lions-Club Nürtingen-Kirchheim Deutschkurse für Flüchtlinge

Die einen fordern Sprachkurse für Flüchtlinge, die anderen sind schon einen Schritt weiter und fördern sie sogar: Der Lions-Club Nürtingen-Kirchheim hat seit 2009 mehr als 10 000 Euro dafür ausgegeben, dass Asylbewerber die deutsche Sprache lernen können.

Waltraud Lang beim Deutsch-Unterricht in einem Volkshochschulkurs. Der Kurs besteht ausschließlich aus Flüchtlingen. Finanziert
Waltraud Lang beim Deutsch-Unterricht in einem Volkshochschulkurs. Der Kurs besteht ausschließlich aus Flüchtlingen. Finanziert wird er zum Großteil vom Lions-Club Nürtingen-Kirchheim.Foto: Jean-Luc Jacques

Andreas Volz

Kirchheim. Waltraud Lang ist Kursleiterin bei der Kirchheimer Volkshochschule. Wenn sie erklärt, warum die Sprachkurse so wichtig sind, bemüht sie keinen Geringeren als Ludwig Wittgenstein und dessen berühmten Ausspruch: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Auf ihre „Schüler“ bezogen, versteht sie das so, dass diese bereits durch die Flucht nach Europa Grenzen überwunden haben. Nun haben sie noch die Sprachgrenze zu überwinden, um wirklich in Deutschland anzukommen.

Wollen sie sich in Deutschland eine Existenz aufbauen, sind Sprachkenntnisse der allererste Schritt: ohne Sprache keine Arbeit, ohne Arbeit kein Geld und ohne Geld keine Wohnung. Nicht, dass sich durch die Sprache sofort alles andere ergäbe, aber ohne Sprache geht eben gar nichts. Deshalb seien die Teilnehmer sehr motiviert, sagt Waltraud Lang, die über viele Jahre hinweg Migrantenkinder im Kindergarten unterrichtet hat. Über die Arbeit mit lernwilligen Erwachsenen gerät sie geradezu ins Schwärmen: „Erwachsenen Deutsch beizubringen, ist toll. Die sind interessiert, hören zu und stellen Fragen.“

Natürlich gebe es große Unterschiede. Manche seien sehr sprachbegabt, andere weniger. Manche bringen vier Jahre Schulbildung mit, andere dagegen haben in ihrer Heimat die Hochschulreife erlangt und vielleicht sogar studiert. „Aber alle wissen, dass sie unsere Sprache brauchen, um Arbeit zu finden.“

Im Kurs ist die Vielfalt der Teilnehmer nicht immer ganz leicht unter einen Hut zu bringen. Zu den geringeren Problemen gehören die unterschiedlichen Herkunftsländer – Syrien, Afghanistan, Pakistan, Iran, Irak, Ägypten oder Gambia. Aber wenn auf dem Programm die Artikel stehen und damit die Begriffe „Maskulinum“, „Femininum“ und „Neutrum“, dann muss das auch so benannt werden. Waltraud Lang weiß zwar, dass manch ein Teilnehmer damit überfordert ist, aber sie verweist auch auf andere, die genau das brauchen: „Wer etwas in einem Grammatikbuch nachschlagen will, braucht gewisse Begrifflichkeiten.“ Daran zeigt sich, dass Wittgensteins Spruch selbst für das Lernen von Sprache und für das Nachdenken über Sprache noch von großer Bedeutung ist.

Nicht immer geht es im Unterricht so theoretisch und abstrakt zu. Oft gibt es praktische Übungen, etwa wenn es gerade um Obst und Gemüse geht. In diesem Fall sind schlichtweg Wörter zu lernen. Aber eben Wörter, die man jederzeit gebrauchen kann. Es geht auch um die Aussprache der Wörter und um ihre Verwendung. Rollenspiele und Dialoge bestimmen dann den Unterricht.

Waltraud Lang wünscht sich, dass ihre Kursteilnehmer noch viel mehr Gelegenheit zum Üben und zum Anwenden ihrer Sprachkenntnisse bekommen – auch außerhalb des Kurses: „Es wäre toll, wenn sich viele engagierte Mitbürger finden, die sich ein bis zwei Stunden pro Woche Zeit nehmen, um sich um jemanden zu kümmern, um ihm den Alltag in Deutschland zu erklären oder weitergehende Fragen zu beantworten.“

Etliche Mitglieder des Lions-Clubs Nürtingen-Kirchheim engagieren sich schon seit einigen Jahren als private „Nachhilfelehrer“ für Flüchtlinge, zum Beispiel Hermann Kölle und Heinz Isengard. So freut sich Heinz Isengard gemeinsam mit seinem Schützling, einem 18-Jährigen aus Afghanistan, dass dieser jüngst den Hauptschulabschluss bestanden hat. Auch dafür sind Sprachkenntnisse eine Grundvoraussetzung.

Hermann Kölle bringt es auf den Punkt: „Ohne deutsche Sprache läuft gar nichts.“ Und deshalb müssten Deutschkurse seiner Ansicht nach sofort nach Ankunft der Flüchtlinge beginnen und nicht erst, wenn über deren Bleiberecht entschieden sei: „Wenn sie Deutsch lernen und hinterher bleiben dürfen, umso besser für alle. Aber auch wenn jemand abgeschoben wird, sind Deutsch-Kenntnisse später einmal von Vorteil – für ihn und auch für uns.“

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