Kirchheimer Umland

Pubertät als Krise

Die Badische Landesbühne zeigt Robert Musils „Verwirrungen des Zöglings Törless“ in der Kirchheimer Stadthalle

Mit Robert Musils Erzählung "Die Verwirrungen des Zöglings Törless" stand am Dienstag in der Kirchheimer Stadthalle ein Klassike
Mit Robert Musils Erzählung "Die Verwirrungen des Zöglings Törless" stand am Dienstag in der Kirchheimer Stadthalle ein Klassiker der Moderne auf dem Programm.Foto: pr

Kirchheim. Bei einem solch warmen blütenduftenden Frühlingsabend hat das Theater schlechte Karten: Bei dem Gastspiel der Badischen Landesbühne am letzten

Ulrich Staehle

Dienstag war die Stadthalle nur schütter besetzt. Dabei stand ein Klassiker der Moderne auf dem Programm: Robert Musils 1905 erschienene Erzählung „Die Verwirrungen des Zöglings Törless.“

Törless ist Zögling eines Internats. Es liegt weit draußen auf dem Lande. Nach den damaligen Vorstellungen der Reformpädagogik sollte auf dem Land eine ganzheitliche Erziehung stattfinden, fernab von den verderblichen Einflüssen der Großstadt. Die Jungen sollten vor allem auf eine militärische Laufbahn vorbereitet werden, deshalb herrschte strenge Zucht über die jetzt schon in eine enge Uniform gezwängten Schüler. Musil hat anhand seines Törless eigene Erfahrungen in einem solchen Internat verarbeitet. Das Ergebnis ist vernichtend. Statt fruchtbarer Entwicklungen gibt es Intrigen, Machtkämpfe und Quälereien bis zum sexuellen Missbrauch. Dem gegenüber sind die Erzieher völlig hilflos und treffen falsche Entscheidungen.

In seltener Drastik nennt Musil seine ehemalige Schule „Das Arschloch des Teufels“. Er hat selbst erkannt, dass er, ohne es anzustreben, in seiner Erzählung mit den beiden Mitschülern Beineberg und Reiting „Diktatoren in nucleo“ gezeichnet habe. Solche machtorientierten skrupellosen Menschen gaben später bei den Nazis den Ton an. Törless bleibt der intellektuell distanzierte Betrachter, der nicht eingreift, wenn Unrecht geschieht. Er steht für eine Gesellschaftsschicht, die später durch ihre Passivität den Nationalsozialismus möglich machte.

Es gibt also eine Menge aktueller Bezüge in diesem Text, auch wenn die pubertäre Sinnsuche, verbunden mit der seelischen und körperlichen Reife, heute in früherem Alter stattfindet. Also: Was spricht außer dem schönen Wetter gegen einen brisanten Theaterabend?

Es ist heute flächendeckend üblich, dass Theaterleute Romane und Erzählungen zu Theaterstücken umarbeiten. Bei Musils „Törless“ tun sich aber besondere Schwierigkeiten auf. Es gibt zwar viel an wörtlicher Rede, die sich zu Dialogen verarbeiten lässt, doch es gibt auch viel innere Monologe und Autorenkommentare. Deshalb überwiegt die innere Handlung gegenüber der äußeren. Und eben auf diese ist das Theater angewiesen. Schließlich muss auf der Bühne etwas geschehen. Schlöndorff hatte bei seiner Verfilmung 1966 ganz andere Möglichkeiten.

Joerg Bitterich leitet das Kinder-und Jugendtheater an der Badischen Landesbühne. Er hat Musils Erzählung für die Bühne bearbeitet und Regie geführt. Der Anfang der Darbietung ist vielversprechend: Die Figuren stellen sich vor oder werden vorgestellt. Allerdings: Die Figur des Törless wird von einer Mannsfigur dargestellt, die eher an einen Sumo- Ringer als einen sensiblen Geistesmenschen erinnert. Sein intensives Spiel lässt aber dann diesen klischeehaften Vorbehalt etwas vergessen. Beineberg und Reiting hätte man sich gerade umgekehrt besetzt vorgestellt- doch was soll‘s.

Wenn dann der Handlungsfaden aufgenommen wird, bleiben die Spielszenen, trotz Teilerfolgen, aus genannten Gründen ziemlich splitterhaft und auch verwirrend. Abwechslung ist angestrebt, doch immer wieder ist statisches Textaufsagen Richtung Publikum angesagt. Und es sind anspruchsvolle Texte, vor allem über Törless‘ Probleme, über das Erwachen der Sexualität und über die verschiedenen Realitätsebenen, die er sieht. Das treibt ihn um. Am Schluss sucht er keine Lösung mehr. „Die Dinge sind, wie sie sind.“ Das Ganze spielt sich vor zwei Bühnenbildprojektionen ab, die Törless‘ zwiespältige Weltsicht versinnbildlichen. Zuerst eine wilde, zerklüftete Gebirgslandschaft, dann klare geometrische Figuren.

Angemessenen Beifall gab es für den Mut, eine anspruchsvolle Thematik auf die Bühne zu bringen und für den schauspielerischen und technischen Einsatz, der in der Stadthalle besonders schwierig ist. Der Theaterabend hat auch Lust gemacht, sich wieder einmal in Musils bestechenden Originaltext zu versenken.

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