Kirchheimer Umland

Schritt für Schritt zu mehr Gelassenheitinfo

Martin Lude ist bis nach Österreich gewandert, um den Übergang in den Ruhestand zu schaffen

Martin Lude ist 15 Tage lang je 20 Kilometer gegangen. „Ich musste mich auf den Weg konzentrieren, den Körper, die Blasen. Der E
Martin Lude ist 15 Tage lang je 20 Kilometer gegangen. „Ich musste mich auf den Weg konzentrieren, den Körper, die Blasen. Der Effekt war wunderbar“, sagt er.Foto: Kaier

Kirchheim. 60-Stunden-Wochen waren für Martin Lude aus Kirchheim die Regel. Ein Hamsterrad, sagt er. Als Marketingchef eines großen

Esslinger Indus­trieunternehmens war weniger nicht drin. Das war Stress, auch positiver.

So einer fällt am ersten Tag seines Ruhestands nicht einfach in den Sessel. Und Martin Lude war ja auch grade mal 59. Für seinen Jahrgang gab es eine günstige Vorruhestandsregelung. Dass sich sein Leben mit dem Ruhestand von einem Tag auf den anderen völlig verändern wird, war klar. „Ich wollte abschalten, zu mir kommen“, sagt er. Und so reifte der Plan, den Rucksack zu packen und von Kirchheim nach Mittelberg im Kleinwalsertal zu wandern. Einen fertig ausgearbeiteten Fernwanderweg gibt es dafür nicht. „Viele machen ja den Jakobsweg“, sagt er. Aber Lude wollte seinen eigenen Pfad finden. Und zwar allein. „Das war ich jahrelang nicht. Auf der Wanderung habe ich es genossen, den Tag so zu gestalten, wie ich will.“

Ein halbes Jahr hat er geplant und Wanderkarten zu einer Gesamtstrecke zusammengesetzt: Heraus kamen 15 Etappen, alle um die 20 Kilometer lang, über die Alb, Oberschwaben, vorbei am Bodensee in die Alpen. Die Kollegen schenkten ihm zum Abschied ein GPS-Gerät. Er hätte es nicht missen wollen, auch wenn es ihn schon am zweiten Tag im Wald bei Münsingen auf Abwege lotste. „Da bin ich dann schließlich im Naturschutzgebiet den Berg runtergerutscht“, erinnert er sich.

Die Wanderung war akribisch geplant. Auch die Gasthöfe auf der Tour hatte er alle vorgebucht. Nur an eines hatte er nicht gedacht: dass man vor so einer Wanderung den Rucksack mal aufprobiert – zumal, wenn man den der Ehefrau ausleiht. „Dass auch ein Rucksack individuell passen muss, das ist mir auf den ersten Kilometern klar geworden.“ Sein Oberkörper war untrainiert und die 13 Kilo drückten ihm ins Kreuz. Die Trekkingschuhe scheuerten ihm die Füße wund, und so stieg er schnell auf seine Joggingschuhe um, die er für abends eingepackt hatte.

Es habe ein paar Tage gedauert, bis er in den Rhythmus gekommen sei, sagt Lude. Der Beruf rückte weit weg. „Ich musste mich auf den Weg konzentrieren, den Körper, die Blasen. Der Effekt war wunderbar.“ Der Rhythmus des Gehens, das sei wie eine Art Meditation. Schon als Kind sei er ein „Gassabua“ gewesen. „Die Natur gibt Ruhe und Kraft. So ein frisch gedroschenes Kornfeld, das ist ein fantastischer Anblick.“ In Hayingen hat er die feinen Kleider, die er sich für abends eingepackt hatte, zur Post gebracht. Unnötiger Ballast. „Am Abend war der Körper müde und der Geist frei. Das gibt einem ein ganz großes Zufriedenheitsgefühl“, erinnert sich Lude. Auch wenn er mal ein stickiges Zimmer an einer lauten Straße erwischt hatte.

Und was hat er mit nach Hause genommen von seiner Wanderung? „Gelassenheit. Am Anfang war das ganz stark. Meine Frau und meine Kinder waren ganz erstaunt.“

Als er längst wieder zu Hause war, ist Lude auf die Idee gekommen, ein Buch über seine Wanderung zu schreiben. Als Book on Demand, also im Eigenverlag. „Das geht ganz einfach und ohne große Kosten“, sagt er. So ein reines Wanderbuch mit detaillierten Karten habe er nicht schreiben wollen. Deshalb hat er jede Etappe mit gesellschaftspolitischen Überlegungen angereichert: zu Verkehrsökologie, Umwelt, Ernährung, dem Verlust moralischer Werte. Das fange bei kleinen Dingen an: Dass die Leute ihn in den ländlichen Gebieten selbstverständlich grüßten, während vor seiner Haustür in Kirchheim kaum einer mit dem Kopf nickt.

Er hat Vorträge von Wissenschaftlern eingearbeitet. Ein großer Schriftsteller ist Lude nicht, aber dass er früher oft Fachartikel verfasst hatte, hat ihm geholfen. „Das Buch soll eine Anregung für andere sein, die sich vorstellen können, alleine zu wandern und sich zu einer Standortbestimmung inspirieren lassen wollen.“

Drei Jahre sind seit Ludes Wanderung vergangen. Er ist angekommen im Ruhestand. Wanderungen macht er inzwischen lieber in der Gruppe. „Ich bin jetzt an einem anderen Punkt. Da muss man gucken, dass man unter Leute kommt.“ Er macht Stadtführungen in Kirchheim. Und er arbeitet daran, seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden: „Ich hab’ mir ein Auto gekauft, das 40 Prozent weniger Energie verbraucht. Und ich will noch mehr Lebensmittel aus der Region kaufen. Da bin ich mit meiner Frau noch in einem Prozess.“

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