Kirchheimer Umland

Schwänzen für den Klimawandel?

Nächste Woche ist es wieder soweit: Die Schule läuft an und mit ihr die Freitagsdemonstrationen.

Foto: IMAGO

„Fridays for future“ heißt es gewiss erneut freitags für zahlreiche Schüler. Aus Kirchheim sind schon in der Vergangenheit einzelne Schüler zu den Kundgebungen nach Stuttgart gefahren (siehe Foto), seit Kurzem wird auch in Esslingen demonstriert. Ein Ende ist nicht in Sicht. Teilweise werden die jungen Leute von Erwachsenen unterstützt und begleitet. So mancher ist aber auch empört und verwahrt sich dagegen, wochenlang freitags Schule zu schwänzen. Eines haben die Streikenden schon erreicht: Die Gesellschaft ist aufgerüttelt und gespalten. Dieses Pro und Contra spiegelt die Sichtweisen. ist/Foto: Imago

 

PRO 

Endlich stehen sie auf, die „Generation Z“, die „Generation YouTube“. Genau, unsere Kinder, die die Digitalisierung des Alltags komplett in ihr Leben integriert haben. Und der wir vorwerfen, die wirkliche Welt nur noch gefiltert und durchs Handy zu erleben. Nun sind sie da, wütend, sichtbar, hörbar und lästig. Sie hinterfragen unsere Bequemlichkeit, stellen Forderungen. Wie die „68ziger“, die unter anderem für die Bürgerrechte eintraten. Doch sie gehen noch weiter: Sie demonstrieren für ihre und unsere Zukunft.

Und das tun sie freitags, statt in die Schule zu gehen. Klar, sie verpassen Unterrichtsstoff. Doch streiken Hafenarbeiter in ihrer Freizeit, am Sonntag? Nein, sie tun das dann, wenn es am meisten weh tut, spürbar und sichtbar ist. Diese Kinder und Jugendlichen verpassen zwar Schulstoff und Bücherwissen, lernen jedoch Politik, Sozialkunde, diskutieren über den Klimawandel, üben sich in Rhetorik, Biologie. Sehen das große Ganze und ziehen (hoffentlich) Konsequenzen für ihr Leben. Wie unbequem, weil unsere Kinder selber denken und selbstständig handeln? Nein, ganz im Gegenteil: Sie tun das, was sie sollen: Eine Generation wird erwachsen. Mit eigenen Gedanken, Ideen und Idealen.
Greta Thunberg ist erst 16, eine junge Frau, und Aktivistin. Wir wissen nicht, ob sie mit dem Fahrrad zur Schule radelt, ob sie Müll sortiert, wieviel Fleisch sie isst. Doch spielt es eine Rolle? Sind ihr Engagement, ihre Ziele, ihr Vorbild für eine bisher eher passive, konsumierende „Generation Z“, nicht jede Irritation wert? Klimaangst lähmt nicht nur unsere Kinder, lässt sie sich hinter ihrem Handy in einer Scheinwelt verkriechen, weil sie das Gefühl haben, nichts tun zu können. Sie lähmt auch uns. Doch nun sind sie aufgestanden. Voller Wut. Helfen wir ihnen dabei!
Den Hauptpunkt des Ganzen hätte ich fast vergessen: Greta hat recht! Und alle Kinder und Jugendlichen auch! Wir alle sollten mit unseren Kindern auf die Straße gehen und für die Einhaltung des Pariser Übereinkommens demonstrieren. Jeden Freitag. Den Unterrichtsstoff sollten sie selbstverständlich nachholen – am Samstag oder Sonntag.

Judith Reischl, Freie Journalistin

 

CONTRA

Einen Pappkarton mit einem witzigen Spruch zum Klimawandel bemalen, die Schule ausfallen lassen und auf eine Demo gehen: Willkommen bei „Fridays for Future“, der Klima-Demo für Kinder, Jugendliche, junge Menschen und erwachsene Mitläufer. Selten war es für „die Jugend“ einfacher, gegenüber „den Erwachsenen“ das moralisch Richtige zu tun. Sie protestieren und werden ausgerechnet von denen euphorisch bejubelt, gegen die sie eigentlich demonstrieren.
Auch wenn es nachvollziehbar ist, dass es Eltern freut, wenn sich ihre Kinder für etwas Sinnvolles einsetzen. Mich stört die jugendliche Selbstgerechtigkeit, die in der Klage liegt, dass „die Alten“ „ihre Zukunft“ kaputt machen. Das ist Unsinn und tut all denjenigen der Generation „30 plus“ unrecht, die sich für das Weltklima engagieren, nur eben nicht so öffentlichkeitswirksam wie Greta und die Schüler auf der Straße.
Nach Wochen sind die jugendlichen Demonstranten nun konkret geworden: Sie fordern die Einhaltung der Pariser Klimaziele, den kompletten Umstieg auf erneuerbare Energien, den Ausstieg aus der Kohle. Alles richtig, aber die Umsetzung sollen „die Alten“ erledigen. Bis dahin wird weiter geschwänzt, Pardon: demonstriert.
Wie wäre es, diesen Alt-Jung-Konflikt einmal aufzulösen: Ich als „Mittelalter“ habe durchaus ein Interesse daran, dass meine Kinder noch etwas von der Erde haben. Und wo bleibt eigentlich die Eigenverantwortung der Jugend? Sich über die Versäumnisse der „Erwachsenen“ zu beschweren, ist leicht. Fragen, was man selbst fürs Klima tut, wäre besser. Gezielter Konsumverzicht, zum Beispiel auf übermäßigen, ressourcen- und energiefressenden Handygebrauch oder Vielfliegerei. Man kann sicher behaupten, dass auch moderne Umwelt-Kids dazu nicht unerheblich beitragen. Bis 2040 sollen Handys weltweit für 14 Prozent aller Emissionen verantwortlich sein, nicht nur durch ihre Herstellung sondern auch durch den Energieaufwand für Hochgeschwindigkeitsrechner, die das Surfen und Downloaden erst ermöglichen.
Jeden Freitag auf‘s Handy statt auf den Unterricht zu verzichten: weltweit. Das wäre ein konkreter Beitrag mit Sofortwirkung.

Thomas Zapp, Redakteur

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