Kirchheimer Umland

Schweden bleibt auf Kurs

Corona Die Pandemie wird in dem Zehn-Millionen-Einwohner-Land anders gehandhabt als in anderen Staaten. Klaus Herrlinger, viele Jahre im Schwäbischen Albverein aktiv, erlebt dies zurzeit hautnah. Von Judith Reischl

Früher beim Schwäbischen Albverein, jetzt in Schweden als Kajak-Guide beim Friluftsfämjandet: Klaus Herrlinger.
Früher beim Schwäbischen Albverein, jetzt in Schweden als Kajak-Guide beim Friluftsfämjandet: Klaus Herrlinger.

„Vi ställer inte in, vi ställer om“ - das ist der Leitspruch im schwedischen Corona-Alltag. Übersetzt bedeutet er: „Wir stellen nicht ein - wir stellen um.“ Doch wie sieht diese Corona-Umstellung konkret aus?

Klaus Herrlinger war viele Jahre im Schwäbischen Albverein mit dabei und ist nun im schwedischen Mariestad im OutdoorVerein Friluftsfämjandet aktiv, dem schwedische Gegenstück des Albvereins. „Das Vereinsleben findet auch in Corona-Zeiten weiterhin statt - jedoch mit Anpassungen“, stellt der angehende Kajak-Guide fest. Bereits seit Wochen betont die schwedische Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten, dass dies vor allem für die körperliche und seelische Gesundheit sei. Sie hat den Verein daher ausdrücklich ermuntert, weiterhin Aktivitäten in der Natur für Kinder, Jugendliche unter Erwachsene unter 70 anzubieten - vom Wandern und Montainbikefahren über Kajak und Kanu bis zum Wintersport. Rund 100 000 Schweden, also in etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung, sind Mitglied. Zum Vergleich: Der Schwäbische Albverein gilt als größter deutscher und europäischer Wanderverein mit rund 94 000 Mitgliedern.

„Alle Mitglieder unter 70 Jahren, die gesund sind, keine typischen Symptome haben und keiner Risikogruppe angehören, können an den angebotenen Touren teilnehmen“ sagt Klaus Herrlinger. „Momentan bilden wir jedoch keine Fahrgemeinschaften.“ Da unnötige Reisen vermieden werden sollen, finden die Aktivitäten vorerst in der näheren Umgebung statt. „Eigentlich eine tolle Sache, auch mal die Outdoor-Perlen direkt vor der eigenen Haustür zu erforschen“, freut sich Herrlinger, „denn wenn wir unterwegs sind, nimmt jeder sein eigenes Zelt mit. Die gemeinsame Übernachtung in einem Unterstand oder einer Hütte gibt es nicht mehr.“ Wie bei jeder Tour wird zwischendurch auch mal gegessen. Doch was dem Albvereinler sein Vesper mit Wurst- oder Käsebrot ist, ist im kalten Schweden ein warmes Essen. „Jeder nutzt nun seinen eigenen Campingkocher. Wir achten darauf, dass die Teilnehmer mindestens zwei Meter Abstand halten“, ergänzt der Kajak-Guide.

Witzeln übers Social Distancing

Das „Social Distancing“ ist mittlerweile ebenfalls schwedischer Alltag. Die Skandinavier respektieren die Privatsphäre der Mitmenschen. Das Handtuch am Badestrand direkt neben einem anderen platzieren, das gibt es in Schweden nicht. Ganz im Gegenteil: Eher wird sich ein Platz möglichst außerhalb jeglichen Blickfeldes gesucht. Wenn an der Bus­haltestelle eine Person auf einer Seite steht, wartet die nächste an der anderen - das war auch schon vor Corona so. Es gab sogar den Running Gag, dass sich die Schweden über die Aufforderung „zwei Meter Abstand halten“ aufgeregt haben sollen - „Was? Jetzt müssen wir auch noch zusammenrücken?“

Der Praxistest: Wie ist es denn, mit Abstand zu zelten und zu kochen? Gemeinsam unterwegs zu sein, und doch sozial distanziert? Das gemeinsame Gemüseschnippeln entfällt, jeder kocht für sich. Ein richtiges Gespräch kommt dabei auch nicht so in Gang. Zwar fehlt das Gefühl, eine gemeinsame Mahlzeit einzunehmen, dennoch ist es schön, zusammen etwas erlebt zu haben und zu merken: Auch in Zeiten der Corona-Pandemie und sozialer Distanz ist man nicht allein auf der Welt. Man kann sich - sofern man gesund ist - treffen und etwas unternehmen, aber eben mit Abstand und unter Beachtung der Hygienevorschriften.

Eigenverantwortlich handeln

In Schweden setzt man sehr viel auf Eigenverantwortung, verbunden mit der Einstellung: „Miteinander sind wir stark“. Die Menschen sind sich laut Herrlinger sehr bewusst, dadurch mehr Freiheiten im Alltag zu haben als der Großteil aller anderen in Europa. Zwar gibt es auch kritische Stimmen, doch es besteht ein breiter Konsens, diese Einschränkungen und Maßnahmen auch auf längere Zeit einhalten zu können und zu wollen. Zum Schutze aller, jedoch vor allem der Kranken, Schwachen und Alten.

 

Mit eigenem Ein-Mann-Zelt und Campingkocher: Auch in Schweden müssen Outdoor-Fans zurzeit besondere Regeln beachten.  Fotos: pr
Mit eigenem Ein-Mann-Zelt und Campingkocher: Auch in Schweden müssen Outdoor-Fans zurzeit besondere Regeln beachten. Fotos: pr
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