Kirchheimer Umland

Selbst ist der Mann - und baut ein Flugzeug

Hobby Die drei Freunde Steffen Jenter, Clemens Nitschke und Steffen Keppler haben einen ungewöhnlichen Zeitvertreib: Sie bauen einen kunstflugtauglichen Doppeldecker. Von Iris Häfner

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Ein Doppeldecker in einer Busgarage kann schon mal vorkommen, erst recht in London oder in anderen Großstädten. Der in der Bushalle Keppler in Dettingen ist jedoch etwas Besonderes: ein kunstflugtauglicher Doppeldecker mit Sternmotor des Typs Pitts M 12. Noch kann man nur erahnen, was aus dem Stahlgehäuse einmal werden will. Es thront auf Holzböcken, die liebevoll mit Fußbodenteppich ummantelt sind, um das Material zu schonen - eingerahmt von Konstruktionszeichnungen.

Steffen Keppler, Clemens Nitschke und Steffen Jenter haben sich viel vorgenommen. Sie bauen den Flieger aus Einzelteilen selbst zusammen. „Steffen und ich sind Modellflieger. Irgendwann konnten wir uns vorstellen, ein großes Flugzeug zu bauen“, erzählt Steffen Keppler. Während die Größenverhältnisse sich in Grenzen halten - immerhin sind die selbst gebauten Modellflieger bis zu sechs Meter lang - gibt es bei Gewicht und Material gravierende Unterschiede, ganz abgesehen vom Sicherheitsaspekt. Rund 20 Kilo Fluggewicht haben die Modelle, die Pitts M 12 wiegt leer, also ohne Sprit und Pilot, etwa 650 Kilo, das Abfluggewicht liegt bei rund einer Tonne.

In den USA nahe Detroit stand dieses Flugzeug im Bausatz zum Verkauf. Eine Woche vor dem vereinbarten Besichtigungstermin erhielten die Drei den Tipp, dass in dem kleinen Weiler Morbach bei Murrhardt ein baugleiches Modell „rumliegt“. Der Kontakt kam schnell zustande, ebenso die Fahrt dorthin. „Der Bausatz war schon ein bissle zusammengesetzt. Der Besitzer ist auf Hubschrauber umgestiegen und hat das Interesse verloren“, sagt Steffen Keppler. Schnell waren sich alle Beteiligten handelseinig, zumal Clemens Nitschke den Kontaktmann, Dieter Haag, kennt. Der Transport vom Schwäbischen Wald unter die Teck gestaltete sich weitaus unkomplizierter als über den Atlantik. „Das wäre ein Riesen-Act gewesen - mit Fracht und all den Papieren“, sind die Freunde glücklich über die innerschwäbische Route, zumal sich Dieter Haag als prima Ratgeber entpuppte, der viele Tipps parat hat und schon den einen oder anderen Verbesserungsvorschlag beisteuerte. Er fliegt seit 14 Jahren mit einer Pitts M 12, die er selbst zusammengebaut hat und die die erste zugelassene Maschine dieses Typs in Deutschland war. Maximal zehn Exemplare gibt es davon in Europa und etwa 80 flugfähige weltweit, schätzen die Freunde, deren fliegerische Heimat die Kirchheimer Hahnweide ist.

„Das war wie ein Sechser im Lotto“, sagen die Freunde unisono über den „Fund“ ihres Flugzeugs. Als sie es übernommen haben, war es zu 30 Prozent zusammengebaut - das Gerippe des Rumpfs war grob fertig. Den ließen die Drei zunächst aber links liegen und widmeten sich den Flügeln. Zunächst mussten sie das Holzgerippe zusammenbauen. Als die Konstruktion fertig war, wurde sie mit einer Art Polyesterstoff überzogen. Damit alles straff sitzt, kam ein Bügeleisen zum Einsatz, bei dem man penibel auf die Temperatur achten muss. Zum Schluss wurde das Ganze grundiert und weiß lackiert. Später soll der Vogel in den Farben blau-weiß die Lüfte erobern.

Durch die eigene Hände Arbeit ist der finanzielle Aufwand für die drei Freunde überschaubar. „Wir kommen so zu einem tollen Flugzeug“, sagt Steffen Jenter. Er ist froh über seine Mitstreiter. „Man motiviert sich gegenseitig. Jeder von uns kann etwas ziemlich gut und so können wir die Arbeit aufteilen.“ Seit rund einem Jahr widmen sie sich diesem Projekt und haben schon etwa 1 000 Arbeitsstunden geleistet.

Ziemlich schnell waren sich die Freunde über den Typ einig. „Es war klar, dass wir kein 08/15-Flugzeug bauen wollen. Es sollte einen Sternmotor haben - das Motorengeräusch ist angenehm, es ist tief - und was Besonderes sein, damit wir die Option haben, auch bei Flugshows fliegen zu können. Die Chancen auf Einladungen steigen, wenn man etwas sehr Seltenes hat“, sagen sie. Eins stand zudem von Anfang an fest: es sollte ein Doppeldecker sein. Weiteres Kriterium: überschaubare Betriebskosten.

Die drei Freunde werden wie ein Flugzeughersteller und Entwickler gesehen. „Das ist immer ein Papierkram“, sagt Clemens Nitschke. Alles muss dokumentiert werden, allein schon wegen der Zulassung. Wo die fertige Pitts M 12 stehen wird, ist noch unklar. Klarer Favorit ist die Hahnweide. „Doch dort gibt es ein bestimmtes Kontingent. Wir hoffen darauf, dass ein Platz frei wird“, sagt Steffen Jenter. Vor allem in der Erprobungsphase wäre das von Vorteil, denn dann müsste das Flugzeug nicht noch lange zu einem Platz gefahren werden.

Den ersten Härtetest hat das halb fertige Flugzeug schon überstanden. Weil sich ziemlich viele für das interessieren, was in der Busgarage vor sich geht, haben sie kurzerhand einen Tag der offenen Tür organisiert. Zwischen 80 und 100 Besucher, darunter viele Fliegerfreunde, sind gekommen und waren begeistert.

Zwei der Flugzeugbauer gehen nicht nur in ihrer Freizeit in die Luft. Steffen Keppler ist Airbus-Pilot bei der Lufthansa City-Line und fliegt Langstrecke. USA, Afrika, Indien gehören zu seinen häufigen Routen, zuletzt war es Mauritius. Deshalb wäre der Besichtigungstermin bei Detroit für ihn kein Problem gewesen. Clemens Nitschke ist Flugzeugtechniker und war in Stuttgart für die Wartung von Verkehrsflugzeugen zuständig. „Nebenher war ich auch Motorfluglehrer“, erzählt er. Nicht nur mit seinem Wissen kann er dienen, er nennt auch sämtliche für den Flugzeugbau relevante Zollwerkzeuge sein Eigen. Seit Kurzem ist Clemens Nitschke beim ADAC „ein fliegender gelber Engel“ und holt kranke Urlauber zurück nach Deutschland. In der Regel sind zwei Sanitäter und ein Arzt mit an Bord. „Ich bin nur Mechatronik-Ingenieur“, stapelt Steffen Jenter tief. Sein Arbeitgeber ist Porsche.

Info Auf großes Interesse stieß der Tag der offenen Tür in der Bushalle. Das Foto links zeigt das Innenleben eines Flügels, das oben die drei Flugzeugbauer Steffen Keppler, Clemens Nitschke und Steffen Jenter (von links). Fotos: privat, Carsten Riedl

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