Kirchheimer Umland

Selbstbestimmt und eigenständig wohnen

Lebenshilfe Kirchheim weiht innovatives Wohnprojekt nach etwa vier Jahren Bau- und Planungszeit ein

Der Traum vom weitgehend eigenständigen Wohnen mitten in der Stadt ist für Menschen mit Behinderung im „Quartier 107°“ wahr geworden.

Einweihungsfest beim Wohnprojekt „Wohnquartier 107°“ in Kirchheim Foto: Daniela Haußmann
Einweihungsfest beim Wohnprojekt „Wohnquartier 107°“ in Kirchheim Foto: Daniela Haußmann

Daniela Haussmann

Kirchheim. Menschen mit Behinderung müssen nicht im Heim oder bei den Eltern wohnen. Mit Unterstützung können sie in Wohngemeinschaften oder sogar alleine in den eigenen vier Wänden leben. Eine Möglichkeit, die die Lebenshilfe Kirchheim mit dem Wohnprojekt „Quartier 107°“ geschaffen hat. In unmittelbarer Nähe des Kirchheimer Bahnhofs sind zwölf stationäre und fünf ambulante Wohnungen entstanden, die Betroffenen mehr Selbstbestimmung und Freiraum für ihr eigenes Leben geben, wie die Lebenshilfe-Vorsitzende Bärbel Kehl-Maurer erklärte.

„Tagsüber gehen die Bewohner in Behindertenwerkstätten oder auf dem freien Arbeitsmarkt einer geregelten Tätigkeit nach. Wenn sie von der Arbeit kommen, ist bis zum Frühstück am nächsten Morgen ein Betreuerteam im stationären Wohnbereich anwesend.“ berichtete Martin Wirthensohn, Geschäftsführer bei der Lebenshilfe. Die Bewohner der ambulanten Wohneinheiten hingegen erhalten eine punktuelle, am individuellen Bedarf orientierte Unterstützung durch das Fachpersonal. Jochen Schumann, der im Juni eines der fünf Appartements bezog, schätzt die zentrale Lage des Quartiers. „Ich bin schnell am Bahnhof und in der Stadt“, berichtete der Mann, der zuvor in einer Wohngruppe wohnte und sich nun freut, weitgehend alleine leben zu können.

„Ziel der Lebenshilfe war es immer, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zu fördern, Vielfalt zu ermöglichen, eigene Lebenswege umzusetzen und Teilhabe zu gewährleisten“, erklärte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und betonte: „Das ‚Quartier 107°‘ ist ein weiterer Schritt und wichtiger Beitrag hin zu einer inklusiven Stadtgesellschaft.“ Das Miteinander in der Hausgemeinschaft, die Einbindung in eine lebendige Nachbarschaft und die Nähe zur Innenstadt mit all ihren Angeboten für Menschen mit und ohne Behinderung fördere die Anbindung der Bewohner an das soziale Umfeld.

Katharina Kiewel betonte, dass das Quartier Behinderten zu einer stärkeren „Präsenz in der Mitte der Gesellschaft“ verhelfe. Die Kombination von zentralem Standort, Wohn- und Inklusionskonzept trägt für die Leiterin des Sozialdezernates beim Landratsamt Esslingen dazu bei, in der Stadt ein Bewusstsein für die Lebens- und Unterstützungssituation von Menschen mit Handicap zu schaffen.

Kiewel kritisierte allerdings, dass Menschen mit Behinderung bislang Pflegeleistungen nicht voll ausschöpfen können. Seit Jahren bestehe ein Konflikt zwischen den Leistungsbereichen der Pflege und Eingliederungshilfe. Konkret bedeutet dies laut Michael Köber, Sachgebietsleiter Behindertenhilfe- und Psychiatrieplanung beim Landratsamt, dass Behinderte im stationären Wohnen monatlich nur 266 Euro von der Pflegeversicherung erstattet bekommen, unabhängig davon, in welche Pflegestufe sie eingeordnet sind. „Für Menschen ohne Behinderung fallen die Leistungen um ein Mehrfaches höher aus. Das hat zur Folge, dass eine Finanzierung über Sozialhilfeleistungen erforderlich ist“, erklärte Köber. „Die Kosten belaufen sich pro Platz und pro Monat auf 3 000 bis 4 000 Euro“, sagte er.

Rund 1,1 Millionen Euro kostete die Realisierung der zwölf stationären Wohneinheiten. Das Land beteiligte sich mit einem Zuschuss in Höhe von 109 000 Euro, der Kommunalverband für Jugend und Soziales steuerte 36 000 Euro bei, und 290 000 Euro stammen aus Mitteln der Ausgleichsabgabe. „Die fünf ambulanten Wohneinheiten sind in den Gesamtkosten nicht enthalten, da sie separat angemietet werden“, so Köber.

Etwa 400 stationäre Wohnplätze stehen dem Sachgebietsleiter zufolge im Landkreis für seelisch, geistig und mehrfach behinderte Menschen aktuell zur Verfügung. Im Kreisgebiet gebe es rund 2 400 Leistungsberechtigte, für die das Landratsamt unter anderem Werkstätten, Tagesstruktur- und Wohnangebote jährlich mit einer Summe von 65 Millionen Euro finanziert. „Wir sehen uns hier steigenden Fallzahlen und damit auch steigenden Kosten gegenüber“, erklärte Köber. „Die medizinische Versorgung von behinderten Menschen hat sich ebenso verbessert wie deren Lebenserwartung. Gleichzeitig nimmt auch die Zahl der seelisch Behinderten beziehungsweise der psychischen Erkrankungen zu.“ Vor diesem Hintergrund sei es wünschenswert, dass der Gesetzgeber die Diskrepanz zwischen den Leistungsbereichen von Pflege und Eingliederungshilfe ausräume.

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