Kirchheimer Umland

Showdown im Zugabteil

Musik/Literatur Zum Weltuntergang ging es in der Notzinger Jakobuskirche mit dem Zug, aber ganz ohne ­Verzweiflung. An Bord war auch der Engel mit der letzten Posaune. Von Peter Dietrich

Tilman Jäger (Klavier) und Uli Gutscher setzten musikalische Akzente.Foto: Peter Dietrich
Tilman Jäger (Klavier) und Uli Gutscher setzten musikalische Akzente.Foto: Peter Dietrich

Friedrich Dürrenmatts ursprüngliche Fassung seiner Kurzgeschichte endet mit den Worten „Gott ließ uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.“ Es ist eine Zugfahrt zur Verzweiflung und ans Ende der Welt. Auch Andreas Malessas Erzählung bei der musikalisch-literarischen Reise in der Notzinger Jakobuskirche beginnt mit einer Zugfahrt. Auch sie endet am Ende der Welt - aber ganz gewiss nicht in Verzweiflung.

Verzweifelt sind sie aber zuerst schon, die Mitfahrer im Abteil, als sich der blond gelockte junge Musiker mit den Worten „Ich bin der siebte Engel aus der Offenbarung“ vorstellt und sich später anschickt, mit seiner Posaune aus dem mitgebrachten Koffer das Ende der jetzigen Welt und den Beginn der neuen Welt Gottes anzukündigen. Nein, das ist kein „Zeuge Jehovas“ und auch kein Lockvogel mit versteckter Kamera, wie die Mitreisenden zuerst vermuten, das wird tatsächlich ernst. Die junge Dame im Abteil stellt erschreckt fest, dass diese Posaune glühend heiß ist. Der ältere Herr mit der Aktentasche und dem sehr überschaubaren Resthaarbestand sagt verzweifelt alle religiösen Formeln auf, die ihm noch einfallen. Wie tatsächlich die Verwandlung der Welt beginnt, wie der Riss durchs Universum geht und dahinter das Licht erscheint, das deutet Andreas Malessa in einigen nur kurzen, aber hoffnungsvollen Bildern an.

Zur meisterhaften Erzählung gibt es auch eine theologische Einordnung: Der Engel mit der Posaune ist der Offenbarung des Johannes entnommen, dem letzten Buch der Bibel. Die Metaphern, mit der dieser Johannes - nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Jünger Jesu - seine Vision vom Ende der Welt beschreibt, entstammen natürlich seiner Zeit. „Alles sieht nach Ben Hur aus“, sagt Malessa. Die Metaphern sind Quelle vieler Missverständnisse. Teils aufgrund einzelner Stellen: „Der Antichrist kommt nur in drei Versen vor, auf wen er sich bezieht, ist unklar.“ Im Jahr 1179 hielt der Papst den Islam für den Antichristen, im Jahr 1523 Martin Luther den Papst. Später hielt Friedrich Nietzsche die Kirche dafür, dann sagten einige schwäbische Pietisten, der Antichrist sei Friedrich Nietzsche. Die Vorstellung, dass die Gläubigen einmal in den Himmel „entrückt“ werden und die Ungläubigen zurückbleiben, findet sich nur in einem einzigen Vers. „Aber das reicht Tim LaHaye, um darüber zwölf Endzeitthriller à 300 Seiten zu schreiben.“

Andreas Malessas Texte sind von Musikstücken von Tilman Jäger (Klavier) und Uli Gutscher (Posaune) umgeben. Ideenreich haben sie bekannte Stücke verarbeitet, so erklingt das „Joshua Fit the Battle of Jericho“ sehr wild mit Schalldämpfer, beim Kirchenlied „In dir ist Freude“ muss der Zuhörer zweimal überlegen: Klar, die Melodie ist bekannt, aber wo gehört sie noch mal hin? Zwei Zuhörer erraten es und gewinnen ein Buch. Duke Ellingtons sehnsuchtsvolles „Come Sunday“ erklingt in einer wunderbaren Bearbeitung. Den beiden Musikern ist anzumerken, dass ihnen der gemeinsame Auftritt Spaß macht. Sie schaffen es, ausgetretene Melodien wie „Go Tell It on the Mountain“ neu ertönen zu lassen. Auch der „Mond ist aufgegangen“ wirkt seltsam vertraut und neu zugleich. Bei diesem Musikgenuss aus Gospel, Jazz und Pop wären dem „Treffpunkt Kirche & Kultur“ als Veranstalter noch ein paar mehr Zuhörer zu wünschen gewesen. Die Kirche war nur mittelmäßig besetzt.

„Wie verhält man sich richtig, wenn das Ende der materiellen Welt vorstellbar ist?“ So fragt Malessa am Schluss und verweist auf das, was Jesus in Matthäus 25 riet: Hungrige und Durstige speisen, Nackte kleiden, Kranke besuchen. „Also Mitmenschlichkeit üben, und das nicht berechnend, sondern einfach so.“ Und selbst am Tag vor dem Weltende noch ein Apfelbäumchen pflanzen. „Dieses Zitat wurde Luther zwar nur zugeschrieben, ist aber trotzdem richtig.“ Ist das nicht naiv? „Ja, das ist naiv, aber diese Naivität lasse ich mir lieber vorwerfen als bitteren Zynismus.“

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