Kirchheimer Umland

Sie starten in eine bessere Zukunft

Schule Neben dem Freihofareal in Kirchheim gibt es einen unscheinbaren Ort, der unbegleiteten Flüchtlingen den Weg in ein neues Leben erleichtern soll: Die Berufsfachschule (VABO) der Stiftung Tragwerk. Von Sabrina Kreuzer

*Fotos: Carsten Riedl
*Fotos: Carsten Riedl

Sie sitzen an ihren Tischen und lauschen aufmerksam, was ihre Lehrerin sagt. Dabei machen sie sich Notizen, melden sich, wenn sie Fragen haben und sehen nachdenklich aus. Ein Szenario, das so in jedem normalen Klassenzimmer stattfindet. Doch die Schüler, die hier in den Räumen des ehemaligen Reichsadlers in der Wollmarktstraße in Kirchheim sitzen, haben eine nicht alltägliche Vergangenheit.

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Insgesamt 16 unbegleitete Flüchtlinge unterrichtet Dorota Kormann. Der Jüngste von ihnen ist 16 Jahre alt, der Älteste 19. Dorota Kormann weiß nicht, was ihre Schützlinge schon alles erleben mussten. Aber sie versucht alles, damit es ihnen in ihrem neuen Leben gut geht. „Ich bin eine Mischung aus Lehrerin, Mutter, Ärztin und Berufsberaterin“, erzählt sie sichtlich berührt. Für sie ist es wichtig, dass ihr Unterricht klar und transparent gestaltet ist. Erziehung durch Beziehung nennt sie das: „Das gibt den Schülern Halt.“ Dieses Verhältnis ist für die Jugendlichen wichtig, denn sie tragen große Last mit sich. Wenn sie die zurückgelassene Familie nicht erreichen können oder ihnen eine Anhörung bevorsteht, merkt Dorota Kormann das: „Es sind Belastungen, die im Unterricht berücksichtigt werden müssen.“

Eine Launen-Ampel ist im Einsatz

Damit die Mitschüler - und auch ihre Lehrerin - aufeinander Rücksicht nehmen können, startet der Schultag mit einer Fragerunde. An jedem Platz hängt ein Zettel mit einer Ampel und einer Wäscheklammer. Damit können die Jugendlichen signalisieren, wie es ihnen geht. Setzen sie die Wäscheklammer auf rot bedeutet das, es ist ein schlechter Tag, gelb ist so lala und grün steht für gute Stimmung. Die Schüler können dabei selbst entscheiden, ob sie über die Ursachen für eine mögliche schlechte Laune sprechen wollen. Einer von ihnen erzählt, er habe nicht so gut geschlafen. „Ihm steht morgen ein wichtiger Termin beim BAMF bevor“, sagt Dorota Kormann. Das BAMF ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Jeder der 16 Jungs muss hier früher oder später zu einer Anhörung. Diese kann bis zu vier Stunden dauern. Den Jugendlichen werden 60 Fragen gestellt: Sie sollen erzählen, warum sie in Deutschland sind und hier bleiben wollen.

Für den dauerhaften Aufenthalt strengen sich die Schüler an. Der 18-jährige Hamed erzählt, welche Fächer sie haben: „Deutsch, Mathe, Religion, Berufliche Kompetenz, Lebensweltbezogene Kompetenz mit Gemeinschaftskunde und Englisch.“ Der VABO ist ein Vorqualifizierungsjahr für Arbeit und Beruf mit Schwerpunkt des Erwerbs von Deutschkenntnissen. Ziel ist es, dass die Jugendlichen Deutsch lernen und das A2-Niveau erreichen. „Das ist die Voraussetzung für ihre weitere schulische Laufbahn“, sagt Dorota Kormann. Nach dem VABO dürfen sie eine Hauptschule besuchen, dort ihren Abschluss machen und dann eine Ausbildung starten,

Viele der Jugendlichen wissen schon, als was sie später einmal arbeiten möchten. So zum Beispiel der 17-jährige Yasin, der ursprünglich aus Somalia kommt: „Ich würde gerne Busfahrer werden.“ Sabor, der jüngste in der Klasse, ist seit einem Jahr in Deutschland. Er hat schon ein Praktikum bei einem Friseur gemacht und kann sich vorstellen, diesen Beruf zu erlernen. Auch Hamed, der bei seiner Pflegemutter in Aichtal lebt, macht sich Gedanken über seine Zukunft: „In meiner Heimat Afghanistan habe ich Schneider gelernt.“ Er weiß jedoch, dass es in Deutschland schwer ist, in diesem Beruf Fuß zu fassen. Ein Praktikum in einer Autowerkstatt hat ihm besonders viel Spaß gemacht: „Ich würde gerne als Automechaniker arbeiten.“ Schmunzelnd fügt er hinzu: „Oder als Erzieher.“

Um auf diese Zukunft in einem noch weitgehend unbekannten Land so gut wie möglich vorbereitet zu sein, lernen die Jugendlichen nicht nur die deutsche Sprache. Dorota Kormann erzählt: „Jeden Freitag haben wir Projekttag.“ An diesem Tag lernen die Jungs zum Beispiel, wie die deutschen Banken funktionieren. „Wir heben Geld ab, machen Überweisungen oder ich erkläre, wozu ein Dauerauftrag gut ist“, sagt Dorota Kormann.

Der Austausch ist wichtig

Dinge, die für uns alltäglich sind, müssen die Jugendlichen erst lernen. Im Unterricht erfahren sie alles über Mietwohnungen, Kaution, Verträge, Mülltrennung oder das Heizungsablesen. Dabei tauschen sie sich gegenseitig aus und erzählen, wie solche Dinge in ihren Heimatländern gehandhabt werden. „Ich finde es gut, dass in Deutschland der Müll getrennt wird“, sagt Hamed. „In Afghanistan gibt es eine große Mülltonne, in die alles hineingeworfen wird.“ Und sein Klassenkamerad erzählt: „In Syrien muss man für ein Jahr im Voraus Kaution bezahlen, wenn man in eine Wohnung ziehen möchte.“ In Gambia ist es zudem kein Problem, eine große Feier in der Wohnung zu veranstalten. Dass es in deutschen Mehrfamilienhäusern üblich ist, die Nachbarn vorher darüber zu informieren, wissen die Jungs jetzt.

Dorota Kormann ist stolz auf ihre Klasse. Sie merkt ihren Schülern an, dass sie sich Mühe geben und etwas erreichen wollen. Natürlich gibt es auch mal Tage, an denen es nicht so gut läuft. Das hat sie aber im Griff: „Wir haben ein Belohnungssystem mit roten und gelben Karten. Das ist wie beim Fußball und das verstehen die Jungs.“ Wenn sie an einem Tag besonders fleißig gearbeitet haben, bekommt die gesamte Klasse einen Stern. „Bei 20 Sternen machen wir einen gemeinsamen Ausflug“, sagt Dorota Kormann. Das letzte Mal war es ein Kinobesuch. Der Film „Willkommen bei den Hartmanns“ hat den Jugendlichen besonders gefallen, weil sie sich mit der Hauptfigur identifizieren können. Sie wissen selbst, welche Hindernisse sie überwinden müssen und wo es kulturelle Unterschiede gibt.

Für Dorota Kormann ist es nicht immer leicht. Einige ihrer Schützlinge besuchen hier in Deutschland das erste Mal eine Schule. Dazu kommt, dass jeder einen anderen Hintergrund hat. Für sie ist es eine Herausforderung, die sie gerne annimt. Doch ihr ist klar: „Ich kann meinen Schülern Grammatik beibringen, aber ich habe keine Antwort auf die Frage: Frau Kormann, warum will Deutschland mich nicht?“

Konflikte nur in seltenen Fällen

Nicht die Zahlen sind entscheidend, sondern die Freiheit in der Entscheidung, sagt die Leiterin des Staatlichen Schulamts in Nürtingen, Dr. Corina Schimitzek. Sie sieht Eltern und Schulen beim Thema Inklusion auf gutem Weg.

Frau Schimitzek, haben Sie den Eindruck, das Thema Inklusion ist nach zwei Jahren bei Eltern und Lehrern angekommen?

Corina Schimitzek: Beim Großteil ja. In den Regionalkonferenzen mit Schulträgern und Schulen war im Vergleich zu den Vorjahren sehr viel Offenheit spürbar, auch von Seiten der Lehrkräfte. Die Erfahrungen sind äußerst positiv, was Lernzuwachs von Kindern mit Handicap betrifft, soziales Lernen oder die Übernahme von Verantwortung. Es zeigt sich aber auch, dass vor allem diejenigen Schulen große Hürden sehen, die noch nie inklusiv gearbeitet haben.

Wenn es zu Konflikten kommt, wo treten die auf?

Meist dann, wenn es mit der Kooperation zwischen Eltern und Schulverwaltung nicht klappt. Wenn Eltern versuchen, Sonderrechte für ihre Kinder in Anspruch zu nehmen. Das sind aber ganz wenige Fälle.

Sind oft falsche Vorstellungen mit dem Thema Inklusion verbunden?

Ich glaube nicht. Die Erfahrungen in den Schwerpunktregionen zeigen aber, dass es durchaus Eltern gibt, die sich nach einiger Zeit die Rückkehr an ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum wünschen. Ganz einfach, weil sie merken, dass es dort Angebote gibt, die eine kleine Grundschule nun mal nicht bieten kann.

Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Es gibt sicher Bedarf für Nachjustierungen. Das betrifft zum Beispiel Inklusion im Ganztages-Schulbetrieb. Nach den Aussagen der Kultusministerin Frau Eisenmann bin ich aber zuversichtlich, dass das kommen wird. Grundsätzlich sind wir im Land auf einem guten Weg.Bernd Köble