Kirchheimer Umland

Sie wollen den Islam verstehen

Zwei Studentinnen machen sich in Kirchheim für den Dialog der Religionen stark

Kübra Kisa und Kübra Kaskas wollten mehr über ihre Religion, den Islam, erfahren. Also schrieben sich die beiden Musliminnen nach dem Abitur in Kirchheim am Zentrum für Islamische Theologie (ZITh) in Tübingen ein. Was aus reinem Interesse an der Religion begann, schlug in Begeisterung um.

Die beiden Kirchheimer Musliminnen Kübra Kisa (links) und Kübra Kaskas haben sich in Tübingen am Zentrum für  Islamische Theolog
Die beiden Kirchheimer Musliminnen Kübra Kisa (links) und Kübra Kaskas haben sich in Tübingen am Zentrum für Islamische Theologie eingeschrieben Foto: Daniela Haußmann

Kirchheim/Tübingen. Religionspädagogik, Hadith-Wissenschaften, islamische Philosophie, Mystik und Ethik, die islamische Glaubenslehre und Gegenwartskultur sind Studienschwerpunkte am ZITh. Wichtig ist laut Kisa, die Islamische Theologie studiert, auch der Erwerb der arabischen Sprache. „Natürlich bringen viele Studierende Sprachkenntnisse mit“, erzählt sie. „Aber die reichen nicht aus, um sich mit den islamischen Quellen so tiefgehend zu beschäftigen, wie das im Studium verlangt wird.“ Die Theologin Simone Trägner-Uygun, wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZITh, erklärt, dass sich die Studierenden oft mit einem kulturell und ethnisch geprägten Islamverständnis auseinandersetzen müssen. Die Beherrschung der arabischen Sprache sei ein wichtiger Baustein. Denn seit der Entstehung islamischer Schriften hätten auch Worte einen Bedeutungswandel erfahren; deshalb bilde die Sprache eine Grundlage, historische Lesarten zu analysieren und zu hinterfragen.

Kübra Kisa schätzt Diskussionen. „Die Studenten haben verschiedene kulturelle Wurzeln und betrachten den Islam deshalb aus unterschiedlichen Perspektiven“, erzählt sie. „Das fördert den Dialog.“ Kisa sieht das als Bereicherung. Denn daran werde deutlich, dass es nicht eine einzige strikte Auslegung gibt, wie sie beispielsweise Salafisten für sich beanspruchen. Kübra Kaskas, die Islamische Religionslehre und Englisch auf Lehramt studiert, berichtet, dass das Studium am ZITh interdisziplinär ausgerichtet ist. „Es wird eng mit den Studiengängen der katholischen und evangelischen Theologie kooperiert, sodass auch die Gemeinsamkeiten der Religionen vermittelt werden.“

Die Nutzung von wissenschaftlichen Ansätzen, Denkweisen und Methoden anderer Studiengänge, wie der Soziologie, der Geschichts- oder Kulturwissenschaft vermittelt laut Professor Mouez Khalfaoui, Studiendekan am ZITh, wichtige analytische und argumentative Fähigkeiten, die die kritische Auseinandersetzung mit spezifischen Themeninhalten nachhaltig fördere und die Studierenden in die Lage versetze, sich eine wissenschaftlich fundierte Meinung über komplexe Frage- und Problemstellungen zu bilden. Die Studenten werden so befähigt, ihr Wissen über den Islam zu reflektieren und dementsprechend im europäischen wie auch im deutschen Kontext zu verorten, wie Professor Khalfaoui (Lehrstuhl für Islamisches Recht) betont.

In Seminaren seines Fachbereichs vergleicht Khalfaoui mit den Studierenden beispielsweise das säkulare und das Islamische Recht. „Es wird unter anderem der Frage nachgegangen, inwiefern die Scharia mit westlichen Menschenrechten vereinbar ist“, so der Theologe. „Dabei wird deutlich, dass die in ihr enthalten Strafgesetze je nach Auslegung nicht mit ihnen in Einklang stehen und daher im deutschen und europäischen Kontext keine Gültigkeit besitzen.“

Ziel des Studiums ist aber auch den Studierenden Schlüsselqualifikationen für den Arbeitsmarkt zu vermitteln. „Es gibt ein Praxisprojekt, in dessen Rahmen ein Praktikum in der Wirtschaft, in der Erwachsenenbildung, im Kulturmanagement, in der Migrations- und Integrationsarbeit oder der Seelsorge im Bereich von Moscheen, Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen fällt", so Kübra Kisa." Angesichts der Einführung und Ausweitung des islamischen Religionsunterrichts ist Kübra Kaskas überzeugt, dass Absolventen an Schulen als Religionslehrer wertvolle Integrationsarbeit leisten. Die Lehrer seien für Schüler eine Anlaufstelle, wenn Fragen zum Islam bestehen. Vorurteilen könne entgegengewirkt und Gemeinsamkeiten mit christlichen Religionen gezeigt werden.

Dass Kübra Kisa Islamische Theologie studiert, hat sich in ihrer Sultan-Ahmet-Moschee herumgesprochen. „Ich werde danach gefragt, was mit der Religion vereinbar ist und was nicht", erzählt sie. „Damit leiste ich auch Aufklärungsarbeit und trage zu einem besseren Verständnis des Koran bei.“ Darüber hinaus engagiert sie sich in der Dialogarbeit. „Auch bei Aktionen im Rahmen des interreligiösen Dialogs in der Kirchheimer Fußgängerzone bin ich oft Ansprechpartnerin." Daher ist sich die Studentin sicher, dass Absolventen ihres Studiengangs einen wichtigen Beitrag innerislamischen und interreligiösen Dialog leisten können. Damit werde die Integration ebenso gefördert, wie auch das Verständnis für den Islam auf christlicher und muslimischer Seite.

„Hier findet ein Wandel statt“INTERVIEW

Professor KhalfaouiFoto: privat
Professor KhalfaouiFoto: privat

Herr Khalfaoui, hat ihr Zentrum unter Muslimen den gleichen Stellenwert wie bekannte muslimische Autoritäten?

Sie bilden Lehrkräfte für den islamischen Religionsunterricht (IRU) aus, den das Kultusministerium weiter ausbauen will. Kann der IRU einer Radikalisierung präventiv vorbeugen und die Integration fördern? Denn die familiäre Erziehungspädagogik spielt ja ebenfalls eine Rolle.

Trägt der IRU zu der häufig geforderten Europäisierung des Islam mit Blick auf die Zukunft bei?

Sie haben einen sehr hohen Frauenanteil unter ihren Studierenden. Wie kommt das?

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