Kirchheimer Umland

So jung kann Alter sein

Die Kabarettisten Diebold Maurer und Volkmar Staub nehmen in der Zehntscheuer Nabern das Altern auf die Schippe

Trotz des Themas Alter („Es kommt nicht darauf an, wie alt man ist, sondern wie man alt wird“) gab es viel zu lachen in der Zehn
Trotz des Themas Alter („Es kommt nicht darauf an, wie alt man ist, sondern wie man alt wird“) gab es viel zu lachen in der Zehntscheuer. Somit war bewiesen, dass der Humor auch noch im Alter seinen Platz hat.Foto: Genio Silviani

Kirchheim. Dass Deutschland vergreist, ist offensichtlich und ein Problem. Um dem Problem in Kirchheim zu begegnen, gibt es den Ver-

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Ulrich Staehle

ein „buefet“ mit der Vorsitzenden Oberbürgermeisterin höchstpersönlich. Unter der Devise „Gut beraten älter werden“ betreut eine Schar von Mitarbeitern ältere Menschen in verschiedenen Bereichen. Im Moment unternimmt dieser von viel Idealismus getragene Verein einen besonderen Kraftakt. Er bietet unter dem Motto „Blickwechsel- Heiterkeit im Alter“ vier Veranstaltungen an.

Eine davon, ein Kabarettabend, fand in der Naberner Zehntscheuer statt. Bevor die Kabarettisten loslegten, begrüßte Tilmann Walther die zahlreichen Zuschauer und wies auf die Veranstaltungsreihe hin: Die attraktive Ausstellung „Das Alter in der Karikatur“ im Foyer des Kirchheimer Rathauses ist bis zum 16. Januar nächsten Jahres zu sehen. Heute, am Montag, gibt es in der Stadtbücherei einen Fachvortrag über die Vorausplanung eines Aufenthalts im Pflegeheim. Auch jüngere Teilnehmer erhofft man sich übermorgen, am Mittwoch, von 14 bis 17 Uhr in der Familienbildungsstätte beim Backen von „Omas Weihnachtsplätzchen“.

Dann traten zwei Männer ins Scheinwerferlicht. Sie haben ein Programm mit dem zum Generalthema passenden Motto „Achtung Greisverkehr – Tod dem Seniorenteller“ angekündigt. Sie stellten gleich klar, dass sie zu ihrem Alter stehen. Man soll nicht dauernd über Altersbeschwerden klagen und in einen Jugendwahn verfallen. Dem Spruch „Neue Besen kehren gut“ setzen sie entgegen „aber alte Besen wissen, wo der Dreck ist“. Die Jugend hat sozusagen auch ihre „dreckigen“ Seiten, sie ist meist unpolitisch, in sich selbst verliebt. Die beiden Herren blicken zurück auf ihre Jugend in Freiburg mit den revolutionären Utopien, auf ihre geistigen Väter wie Bloch und Adorno und auf die heftigen Grundsatzdiskussionen über die Veränderung der Gesellschaft. Die hochfliegenden Pläne sind meist unsanft gelandet: „Die Arbeiterklasse will Bier trinken“ und keine Revolution machen.

Die beiden Herren wollen also nicht nur das Thema Alter umkreisen, sondern lösen das Versprechen ein, „politisches Kabarett“ zu machen. Da bleibt kein Bereich ungeschoren. Auch die Weltverbesserer von heute, die Ökofreaks, die Veganer, die Energiesparer oder die Emanzipationsideologen werden von ihrem idealistischen Sockel geholt.

Der mit Bonmots gespickte satirische Zugriff erstreckt sich auch auf die Religion(„Religionsfreiheit heißt Freiheit von der Religion“). Sie wissen: Solche Äußerungen sind „im Revier der Pietkongs“ gefährlich. Sich selbst bezeichnen sie als „hedonistische Agnostiker“, also eine Art genießerischer Gotteszweifler. Nun, die leibliche Genussfähigkeit nimmt man ihnen gerne ab. Fast noch mehr provozierend für einen Schwaben ist, dass sie, die sich in ihrer Sprache eindeutig als Badener ausweisen, den Trollinger, den sie während ihres Auftritts genießen, herabwürdigen.

Erstaunlich, dass bei diesen „alten“ Leute auf der Bühne aktuelle Probleme wie der Abhörskandal und die Flüchtlingsproblematik in den satirischen Reißwolf kommen: Auch alte Menschen können und sollten am politischen Leben teilnehmen und Stellung beziehen.

Die beiden Künstler sind bestens aufeinander eingespielt. Sie variieren zwischen Monologen und Dialogen mit Rollenspielen. Zur Abwechslung bieten sie durchaus hörbare Gesangseinlagen. Einen besonderen Höhepunkt des Abends bildete der umgedichteter Auftritt Fausts, in dem er über seine vielen Alterszipperlein klagt. Mephisto bietet ihm Heilung unter der Bedingung eines Paktes an.