Kirchheimer Umland

Sprachbarrieren überspringen

Nur 13 Zentimeter hoch, 9 Zentimeter lang und 42 Gramm schwer ist ein „Point it“ für Flüchtlinge. Für das Mehrgenerationenhaus Linde ist das winzige Heft eine gigantische Hilfe im Kampf gegen die Grenzen der Sprache.

Bunte Geschichte über "point its" für Flüchtlinge, verteilt die Linde an Ehrenamtliche in Kirchheim. Jana Haag anrufen.

Bunte Geschichte über "point its" für Flüchtlinge, verteilt die Linde an Ehrenamtliche in Kirchheim.

Kirchheim. Blättert man durch ein „Point it“, sieht man Deutschland im Schnelldurchlauf: U-Bahnen, Schwarzbrot, Sparkassen, Berge, Brezeln, Schnee. Für viele Flüchtlinge ist so manches neu in der Bundesrepublik. Ein paar Worte mit Einheimischen wechseln, bewirkt Wunder. Doof nur, wenn die Worte fehlen und die deutsche Sprache genauso fremd ist wie Spätzle mit Soß. 1 200 Bilder auf 64 Seiten leisten erste Hilfe: In Kirchheim gibt‘s jetzt ein Bilderbuch für Flüchtlinge!

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In Sprachnot können Neuankömmlinge die gesuchten Gegenstände einfach antippen und lernen quasi im Durchblättern ein paar Fetzen der neuen Sprache. Das Mehrgenerationenhaus Linde dreht den Spieß um und verteilt die „Point its“ an Ehrenamtliche in der Kirchheimer Flüchtlingshilfe. Seitdem sind die einerseits froh, nicht ständig englisch sprechen zu müssen, andererseits sorgen die Hefte von allein für Gesprächsstoff: „Die Point its brechen das Eis“, erklärt Jana Haag von der Linde – Sprachbarrieren werden einfach übersprungen.

Das Point-it-Konzept gibt‘s schon länger, die „Flüchtlings-Edition“ ist erst seit April auf dem Markt. Eigentlich waren die Hefte für Urlauber gedacht, die sich durch eifriges Zeigen ihren Weg durch den Tourismus-Dschungel bahnten. Statt Hotelzimmern, Palästen und Fotoapparaten sind in der neuen Ausgabe Stockbetten, Deutschlandkarten und Brezeln zu sehen.

Für Flüchtlinge müsse man die Themen neu setzen, weiß Gülcin Bayraktar vom Türkischen Akademikerverein „Tavir“ in Ravensburg: Die Fotos sollen dem Flüchtlingsalltag nah sein. Die Rubrik „Unterkunft“ zeigt Container und Gemeinschaftsküchen. Auch wichtig sind Behörden, Arztpraxen und Essen.

Der Verein hat die Hefte zusammen mit dem Dieter-Graf-Verlag entwickelt – im Auftrag der Stadt Ravensburg. Die Mission: Zügige Integration. „Wir wissen inzwischen, dass man mit den Point its einfacher und viel schneller lernt. Das liegt daran, dass man die Gegenstände visuell vor Augen hat“, erklärt Bayraktar. In der dritten Auflage sind die Bilder sogar beschriftet: Das gebe den dreifachen Lerneffekt.

Sie hat damit gerechnet, das Produkt regional zu verkaufen. Inzwischen haben es die Hefte schon weit über die Ravensburger Stadtgrenzen geschafft: Nicht nur das Kirchheimer Mehrgenerationenhaus Linde hat gleich hundert Stück bestellt, sondern Einrichtungen von Norddeutschland bis Italien. Die Anfragen kämen von überall: Vereine, Schulen, Kindergärten, Ärzte und Gemeinden seien daran interessiert. Die 25 000-Verkaufsmarke hat der Verein längst überschritten.

Jana Haag von der Linde hat ihr Exemplar immer in der Tasche dabei. Um die über 600 Flüchtlinge in Kirchheim auszustatten, sind die „Point its“ für rund drei Euro zu teuer. Der Zuschuss vom Bund, den das Mehrgenerationenhaus für Flüchtlingsprojekte bekommt, ist für andere Dinge vorgesehen. Für einen Besuch im Rathaus werden die Bilderbücher aber gerne mal an Asylbewerber ausgeborgt.

FOTO: CARSTEN RIEDL