Kirchheimer Umland

Stärker als die Angst

Ali A. fand als erster minderjähriger Flüchtling vor fünf Jahren in Kirchheim ein neues Zuhause

Als 13-Jähriger ist er vor den Terror-Camps der Taliban aus Afghanistan geflohen. Auf eigene Faust und ohne Sprachkenntnisse. Acht Jahre später scheint sich der Traum vom neuen Leben in Deutschland für Ali A. zu erfüllen. Er hat einen Schulabschluss, eine Lehrstelle, und er darf bleiben. Eine Erfolgsgeschichte.

Endlich Gewissheit: Seit Februar steht fest, dass Ali A. in Deutschland bleiben darf.Foto: Markus Brändli
Endlich Gewissheit: Seit Februar steht fest, dass Ali A. in Deutschland bleiben darf.Foto: Markus Brändli

Kirchheim. Kinderarbeit erkennt man an den Händen. Gekrümmte Finger, die monotones Werk verrichten mussten, als sie ungehindert hätten wachsen sollen. Als Achtjähriger hat Ali A. Teppiche geknüpft. Morgens um vier ist er aufgestanden, abends um zehn endete sein Arbeitstag. Dass er als ältester Sohn mit neun Geschwistern zum Unterhalt der Familie beitragen konnte, hat ihn damals mit Stolz erfüllt. Auch wenn dieser Beitrag ihn nicht weniger gekostet hat als seine Kindheit.

Stolz ist Ali A. auch heute. Mit 20 Jahren hat er geschafft, was manchen seiner deutschen Mitschüler nicht gelungen ist. Er verdient sein eigenes Geld, hat im April den Mietvertrag für seine kleine Wohnung unterschrieben und will im kommenden Jahr in Weilheim seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker beenden. Von den 900 Euro Ausbildungsvergütung bleiben 300 zum Leben. Einen kleinen Teil davon schickt er noch immer nach Hause. Wenn er mit der Lehre fertig ist, soll es mehr werden.

Von zu Hause wegzugehen, ist ihm schwergefallen. In seiner Heimat, einer Kleinstadt zwei Autostunden südlich von Kabul, ist die Willkürherrschaft der Taliban allgegenwärtig. Eine Region, wo schon Zehnjährige zwangsrekrutiert und zu Kämpfern ausgebildet werden. Wenn er von seinem Vater erzählt, einem regierungstreuen Offizier, dann vermischen sich in seinen Sätzen Gegenwart und Vergangenheit. 2003 ist er im benachbarten Pakistan spurlos verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Ali geht davon aus, dass er tot ist. Gewissheit hat er nicht.

20 000 Afghani, umgerechnet 300 Euro, hat seine Mutter ihm im Frühjahr 2007 in die Hand gedrückt, als sie ihn auf den Weg schickte. Da war er dreizehn. Andere, sagt er, waren deutlich jünger. Mithilfe von Schleusern ist er über den Iran und die Türkei nach Europa gelangt. Drei Jahre hat die Reise gedauert. Eine Odyssee, bei der er von Landsleuten umsorgt und von ungarischen Grenzern verprügelt und ins Gefängnis gesteckt wurde. Eine einsame Reise am Rande der Verzweiflung. Wenn er heute davon erzählt, bleibt seine Miene unbewegt. Die Erinnerung, wie hinter einer gläsernen Wand. „Mein Wille war stark“, sagt Ali A. „Stärker als die Angst unterwegs.“

Wer hierzulande über Integration redet, kommt an Alis Geschichte nicht vorbei. Zahllos waren die Hände, die geholfen haben. Von dem Tag an, als er vor fünf Jahren in der Asylunterkunft in der Charlottenstraße plötzlich vor der Tür stand. Mit zweifelhaften Papieren und ohne sich verständigen zu können. Neun Monate blieb er unter dem Schutzschirm der Inobhutnahme durch die Kirchheimer Paulinenpflege. Ungewöhnlich lange, weil die Jugendämter zunächst nicht wussten, wie mit dem Jungen zu verfahren war. Der damals 15-Jährige – ein Präzedenzfall.

Ali hatte Glück. Seine Entschlossenheit und Disziplin brachten Menschen an seine Seite, die ihn unterstützt und ihm entscheidende Türen geöffnet haben. In der Vorbereitungsklasse der Alleenschule, wo er in nur wenigen Monaten die Sprache erlernte. An der Raunerschule, wo er in die Regelklasse wechselte und am Ende seinen Hauptschulabschluss machte. Lehrer, Asyl-Mitarbeiter, Pensionäre und Unternehmer. Sie alle haben die Hand ausgestreckt, ihn gefördert und ermutigt. Der Junge hat dankbar und entschlossen zugepackt. Seinem Antragsschreiben an die Härtefall-Kommission des Landes lagen 20 Referenzen bei. Vom AK Asyl, den er als Dolmetscher unterstützt, von Lehrern, Arbeitgebern, Betreuern. Menschen, die für seine Chance kämpften. Im Februar fiel die Entscheidung, dass er bleiben darf.

Inzwischen ist Ali A. zurück in Afghanistan. Für vier Wochen, die ihm vor Aufregung den Schlaf geraubt haben. Zum ersten Mal seit acht Jahren sieht er seine Familie wieder. Seit er das Geld fürs Flugticket beisammen hat, hat er sich nicht mehr rasiert. Ein Vollbart, der ihn schützen soll. Wenn alles gut geht, wird er Ende August zurückkehren nach Deutschland. Seine Ausbildung beenden, Geld verdienen, eines Tages vielleicht ein eigenes Haus bauen und eine Familie gründen. In dieser Reihenfolge. „A bissle schwäbisch“, wie er meint.

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