Kirchheimer Umland

Stammgäste schwelgen ein letztes Mal in Erinnerungen

Gastro Das Ende einer Ära: In der einstigen Dettinger Wirtschaft „Zum Löwen“ konnten sich Besucher beim Flohmarkt Überbleibsel früherer Zeiten kaufen. Von Anja Heinig

Eine merkwürdige Stimmung herrschte beim Schnäppchen-Flohmarkt in der einstigen Wirtschaft „Zum Löwen“ in Dettingen. Viele ehemalige Stammgäste der Löwen-Wirtin Margot Glas kamen, um eine letzte Erinnerung käuflich zu erwerben.

Zu kaufen gab es alles, was das Herz begehrt. Schmuck, Hüte, Bilder, original verpackte Tisch- und Bettwäsche und unzählige Figürchen aus Keramik, Ton, Kerzchen und Geschenkpapier. Die Stimmung war leicht bedrückend. In jedem der oberen Zimmer standen Leute zusammen und erinnerten sich an kleine Begebenheiten von einst. So wurde zum Beispiel erzählt, dass vor vielen Jahren, nach einem zünftigen Abend am Stammtisch, ein ehemaliger Bürgermeister versehentlich in den damals noch vorhanden Stall ging und sich furchtbar über die dortigen Sauen erschrocken haben soll. Die Wirtschaft und die Herzlichkeit, die von Margot Glas und ihrem Mitarbeiter und Vertrauten Günter Leutloff ausgingen, waren ein wichtiger und beliebter Anlaufpunkt in dem Örtchen am Fuße der Teck.

Das Leben entrümpelt

Es ist nicht so einfach, er fühle sich wie ein wilder Tiger, der in einen Käfig gesteckt wird, erzählte Günter Leutloff, der in der alten Wirtschaft saß und frühstückte, während sich über ihm die Meute durch sein Leben „kruschtelte“. Dass es für ihn in den vergangenen Monaten, seit dem Tod der Wirtin, die er bis zum Schluss pflegte und nebenher noch die Gäste bediente, nicht leicht war, merkte man förmlich.

Immer wieder kamen Leute durch den Vorhang, zum einen wollten sie noch ein letztes Mal einen Blick in die Wirtschaft werfen, aber wichtiger war es ihnen, sich nochmal persönlich von Günter zu verabschieden. Leutloff, der bis dato noch ein kleines Zimmer in der einstigen Wirtschaft hat, musste die vergangen Monate mit ansehen, wie sein „Leben“ entrümpelt wurde. Mit jedem Wort, welches Leutloff von sich gibt, merkt man, wie sehr ihn dieser Tag schmerzt. Mit dem Tod von Glas erlosch auch die Konzession zur Bewirtschaftung, und ihm war es somit nicht mehr gestattet, seine Gäste zu begrüßen und zu verwöhnen. Die Wirtschaft und die Gäste waren sein ganzes Leben.

Es ist ein zweischneidiges Schwert. An dem Tag des Ausverkaufes hat man oft gehört, die Politik nimmt es leichtfertig hin, dass eine Wirtschaft nach der anderen schließen muss. Das dem allerdings nicht so ist, zeigen die Förderzahlen aus dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR): „Ein besonderes Augenmerk muss auf Dorfgasthäuser gerichtet werden. Die Gastronomie dient im ländlichen Raum nicht nur der Versorgung und Verpflegung der Bevölkerung, sondern ist für die Menschen vor Ort auch wichtiger Treffpunkt für gesellschaftliche und kulturelle Veranstaltungen“, so Minister Peter Hauk von der CDU.

Dem alten Haus ist anzusehen, dass seit vielen Jahren nicht mehr ins Gebäude und in die Einrichtung investiert wurde. Die Fassade hat viele Risse und auch die Sanitäranlagen erlebten schon bessere Zeiten. Dennoch geht nun eine Ära in Dettingen zu Ende.

Die Erben hoffen, dass das Gebäude veräußert wird und ein Investor den Gasthof kernsaniert, sodass es erhalten bleiben kann. Gemeinderäte befürchten jedoch einen Abriss. Im Herbst gibt es einen zweiten Ausverkauf, bei dem Möbel veräußert werden. Für Sammler und Liebhaber antiker Stücke sind auch dann sicher wieder viele Raritäten dabei. Günter Leutloff derweil wird in den nächsten Tagen in seine kleine Wohnung in Dettingen umziehen.

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