Kirchheimer Umland

Therapie im Bühnenlicht

Lokstoff-Theater lässt Flüchtlinge im Container auf Max-Eyth-Schulhof spielen

Zahlen beängstigen, Schicksale berühren: Um ihren Schülern die Flüchtlingskrise auf persönlicher Ebene zu zeigen, holt sich die Max-Eyth-Schule einen Theater-Container aus Stuttgart auf den Hof. Ungewöhnlich: Die jungen Schauspieler sind selbst Geflohene.

„Erzähle mir alles ganz genau“: Belal und seine Dolmetscherin im Gespräch mit dem Asylentscheider, der aus dem Off spricht. Rund
„Erzähle mir alles ganz genau“: Belal und seine Dolmetscherin im Gespräch mit dem Asylentscheider, der aus dem Off spricht. Rund 400 Schüler werden sich das Theaterstück im Container in Kirchheim anschauen.Fotos: Jean-Luc-Jacques

Kirchheim. „Ich wollte gar nicht weg“, sagt Belal und schaut betreten auf den Boden zwischen seinen Füßen. „Wir haben in einem kleinen Dorf bei Kabul gelebt. Ich hatte alles. Es ging uns gut. Dann haben die Taliban unsere Familie zu Feinden erklärt.“ Er musste weg.

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Belal heißt eigentlich Asef. Asef ist auch aus Afghanistan und seit einem Jahr in Deutschland. Er sitzt an einem weißen Tisch auf der Bühne und erzählt Belals Geschichte. Eine Geschichte, die seiner in vielerlei Hinsicht gleicht, aber die eines anderen Jungen ist. In Teilen ist sie sogar ausgedacht – Theater eben. Denn Asef ist Schauspieler beim Stuttgarter Lok­stoff-Theater. Die Szene zeigt das Gespräch mit dem Asylentscheider.

Lokstoff hat in Zusammenarbeit mit dem Theaterhaus ein ungewöhnliches Stück auf die Beine gestellt. Seit gestern steht seine Bühne auf dem Schulhof der Max-Eyth-Schule in Kirchheim, in einem Schiffscontainer. 49 Schüler finden in schmalen Reihen davor Platz. Zweimal am Tag wird „Pass.Worte“ vorgeführt, vor Anfragen aus anderen Schulen hat sich die Max-Eyth-Schule kaum retten können. Die eigenen Schüler sind in besonderer Weise mit den Flüchtlingen konfrontiert: Ihre Sporthalle ist seit Anfang Oktober mit 270 Menschen belegt.

Für das Stück haben Autorin Alexa Steinbrenner und Regisseur Wilhelm Schneck einige unbegleitete Jugendliche über ihrer Flucht interviewt. Besonders inspiriert, so Steinbrenner, habe sie die Erzählung eines Afghanen – im Stück ist es Belal. Ein paar Änderungen mussten trotzdem sein, um es für die Schüler zugänglicher zu machen. Die Vorbereitungen für das Theaterprojekt haben schon vor eineinhalb Jahren angefangen. Die Flüchtlinge, die Belal spielen, stehen auf der Bühne oft vor ihren eigenen Mitschülern. Und sie spielen etwas, was sie mehr oder weniger selbst erlebt haben.

Plötzlich bricht Asef alias Belal ab, er kann nicht mehr sprechen. Seine Dolmetscherin liest seine Notizen vor: „Da ich der Jüngste war, musste ich als Erster in der Kofferraum“, liest sie für ihn. Fünf andere steigen nach ihm ein. „Die Dunkelheit war so groß, dass ich dachte, ich ersticke. Irgendwann hab ich aufgehört, meine Beine zu spüren. Ich dachte, jetzt sterbe ich. Ich habe es gehofft.“ Irgendwann ging der Kofferraum auf, die Schlepper ziehen sie aus dem Kofferraum wie Säcke. Da bleiben sie einfach liegen. „Ein paar sind nicht wieder zu sich gekommen.“ Wo die jetzt liegen, wisse er nicht.

Mit diesem besonderen Theaterstück will die Autorin vor allem eine Botschaft rüberbringen: „Wir werden täglich mit Zahlen überflutet, aber hinter jeder Zahl, die in der Zeitung steht, steht ein Einzelschicksal“, sagt Steinbrenner. Mit dem Projekt hat Lokstoff schon 2 500 Schüler erreicht, bis Ende des Schuljahres werden es 5 000 sein. Regisseur Schneck hofft, den Container bald auch vor Werkshallen stellen zu können, um die Eltern der Schüler erreichen zu können. In der Kirchheimer Henriettenstraße steht der Container noch bis Dienstag.

Theaterstück zum Thema Flucht wird eine Woche lang aufgeführt. Ort: Container bei Max-Eyth-SchuleAsyl - Flüchtlinge
Theaterstück zum Thema Flucht wird eine Woche lang aufgeführt. Ort: Container bei Max-Eyth-SchuleAsyl - Flüchtlinge