Kirchheimer Umland

Thomaskirche wird zum Esszimmer

Hier treffen sich nicht nur bedürftige Menschen zu einem Mittagessen und einer Portion Geselligkeit

Fotos: Jean-Luc Jacques
Fotos: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Es ist erst halb zwölf: Bis das Essen in der Thomaskirche ausgegeben wird, dauert es noch eine gute halbe Stunde. Dennoch sitzen

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die Ersten schon an den Tischen, unterhalten sich oder genießen die heimelige Atmosphäre. „Manche sind schon um halb elf da und sichern sich ein warmes Plätzchen“, erzählt Claudia Brendel vom Kreisdiakonieverband Esslingen. Sie gehört zu den Machern der Kirchheimer Vesperkirche, die momentan zum achten Mal in der Thomaskirche stattfindet.

Während langsam immer mehr Gäste eintrudeln, herrscht in der Küche längst geschäftige Betriebsamkeit: Viele ehrenamtliche Helfer wuseln emsig umher und schöpfen Mandarinenquark in zahllose kleine Schälchen. Anweisungen und Fragen fliegen durch die Luft: Wer kümmert sich um welchen Tisch? Die Helfer kommen immer wieder mit kleinen Sorgen zu Claudia Brendel. „An diesen zwei Tischen fehlen noch Speisezettel“, deutet eine Frau aufgeregt nach hinten. Die energische rothaarige Frau lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und gibt mit ruhiger Stimme Anweisungen. Sie genießt das bunte Treiben: „Es ist immer wieder eine tolle Atmosphäre. Manche finden es hier zu laut – ich finde das schön!“

Die Thomaskirche füllt sich: Immer mehr Hungrige strömen auf die liebevoll dekorierten Tische zu. Darunter sind sowohl Rentner als auch kleine Kinder, Schüler der Teck-Realschule und Mütter, „die dankbar sind, nicht immer springen zu müssen“, so Brendel. „Es ist uns wichtig, dass sich die Menschen durchmischen.“ Jeder komme aus unterschiedlichen Gründen: Manche sind bedürftig, weil sie wenig Geld haben. Sie sind angewiesen auf eine warme Mahlzeit für 1,50 Euro. Andere sehnen sich nach Gesellschaft und Gemeinschaft und zahlen auch gern mehr.

„Das Schönste sind die glücklichen Gesichter“, findet Diakon Uli Häußermann, der mit Claudia Brendel die Vesperkirche organisiert. Es freut ihn, wenn er im allgemeinen Stimmengewirr aufschnappt, wie gut es den Gästen gefällt. „Und auch unter den Mitarbeitern gibt es ein ganz großes Miteinander“, zeigt er sich beeindruckt. Erfahrene, die schon lange mit dabei sind, und Neulinge sind hoch motiviert und unterstützen sich gegenseitig.

Die Mittagsstunde rückt näher. Es ist Zeit für Häußermann, traditionell den Gong zu schlagen, der signalisiert: Essenszeit! Die mehr als vierzig Ehrenamtlichen in weißen Schürzen sind nun unermüdlich zwischen Küche und Gästen unterwegs und versorgen sie mit Kartoffelcremesuppe. Fröhliches Geplapper und Besteckklappern tönt aus der bunten Gemeinschaft. Jeder genießt das warme Essen und das Zusammensein. Die meisten sind nicht zum ersten Mal da. „Es ist einfach schön hier“, findet eine ältere Dame, während sie ihr Hähnchen schneidet. Sie hat ihre Freundinnen mitgebracht, denen es die Atmosphäre ebenfalls angetan hat.

An den Tischen werden Brotkörbe umhergereicht. Die Grenzen zwischen verschiedenen Gruppen verschwimmen. „Man kann sich hier trauen, andere anzusprechen“, meint eine Kirchheimerin begeistert. Sie hat früher auch schon als Ehrenamtliche mitgeholfen: „Ich fühle mich hier wohl, egal ob ich arbeite oder zu Gast bin.“ Das Team umsorge die Kundschaft liebevoll: „Es ist ein Verwöhnprogramm!“ Auch den Kleinsten gefällt es hier. Es gibt Tische, an denen sie spielen und malen können. Manche Schüler aus der Teck-Realschule hätten hier auch schon ihre Hausaufgaben gemacht, erzählt Brendel. „Man erlebt den Kirchensaal nicht so unnahbar wie sonst, sondern als großes Wohnzimmer“, meint ein junger Mann.

In der Küche beginnen die Helfer schon, in großen Bottichen das Geschirr abzuwaschen. Um ein Uhr ruhen jedoch auch sie. Wer noch isst, legt das Besteck nieder. Alle machen eine Pause, denn Pfarrer Jochen Maier ergreift das Wort: „Ich hoffe, Sie fühlen sich als Gäste“, beginnt er. Er ruft in seiner Andacht dazu auf, mit dem Urteil über andere vorsichtig zu sein und Gruppen „nicht über einen Kamm zu scheren.“ Anschließend stimmt die gesamte Kirche unter seiner Leitung einen Kanon an. Als der Gesang den Raum erfüllt, wird das Gemeinschaftsgefühl noch einmal greifbar. Nach der Andacht brechen die Ersten auf. In der Küche wird noch lange aufgeräumt. Bis fünfzehn Uhr etwa, schätzt Brendel. Danach kehrt in der Thomaskirche wieder Ruhe ein – bis sie sich am nächsten Tag wieder mit dem Duft nach Essen und Stimmengewirr füllt.

Fotos: Jean-Luc Jacques

Die Thomaskirche öffnet ihre Türen für die Vesperkirche noch bis Sonntag, 7. Februar. Täglich wird von 12 bis 14 Uhr Essen serviert.