Kirchheimer Umland

Töne und Düfte tanzen im Abendlicht

Musik Beim Seenachtskonzert der Stuttgarter Saloniker an den Kirchheimer Bürgerseen mischt sich romantische Stimmung mit Begeisterung. Von Hans-Günther Driess

Der See und die Saloniker - eine stimmungsvolle Mischung.Foto: Hans-Günther Driess
Der See und die Saloniker - eine stimmungsvolle Mischung. Foto: Hans-Günther Driess

Die Stuttgarter Saloniker unter Leitung ihres Kapellmeisters Patrick Siben verwandeln zum zweiten Mal die Bürgerseen bei Kirchheim in eine stimmungsvolle Konzert-Arena, ganz im Stile der großen Klassik-Open-Airs.

„Kirchheim Ahoi!“ schallt es immer wieder über den Bürgersee. „Ahoi!“ antwortet das Publikum lautstark. Das Salonorchester spielt von einer schwimmenden Bühne aus, live auf klassischen Instrumenten, ganz ohne Verstärker, Wassermusiken und Gondellieder von Barock bis zur Moderne.

Das Westufer am unteren See ist gefüllt mit Menschen, Klappstühlen, Decken, Kühltaschen und Picknickkörben. Badegäste, Spaziergänger und Radfahrer komplettieren die Szenerie. Ein herrlicher Sommerabend, laue Luft, Sonnenuntergang, still ruht der See, sanft gleitet das Floß und dann geht’s los.

Mit dem temperamentvollen „Funiculi-Funicula“ und venezianischen Gondelliedern wird das Konzert im mediterranen Flair eingeläutet. Der mondän-melancholische Walzer „Sur la plage“ von Emile Waldteufel erzeugt eine Stimmung wie in einem ­Fin-de-siécle-Strandbad. Feinste Salonmusik der Romantik und der Jahrhundertwende wird in exzellenter Qualität und perfektem Zusammenspiel dargeboten. Schade, dass das Klavier verstimmt war.

Das Ensemble besteht aus Profimusikern, die in unterschiedlichen Formationen spielen, von Klassik, Tanzmusik, Tango, Jazz und Latin. Alle fühlen und denken ähnlich wie ihr Kapellmeister, der als Faktotum am Klavier mitspielt, moderiert und gelegentlich von dort aus auch dirigiert. Als Multitalent stößt er einmal an seine Grenzen: Während er mit der rechten Hand weiter am Klavier spielt, versucht er mit der linken Hand das Floß zu steuern und immer wieder auf Kurs zu bringen.

Zum Glück helfen vorbeischwimmende Badegäste beim Navigieren des Floßes und verhindern einen unfreiwilligen Wassergang des Kapellmeisters. Passend dazu folgt der aufregende musikalische Höhepunkt des ersten Programmteils mit der Ouvertüre zur romantischen Oper „Die Matrosen“. Hier entführt uns Friedrich von Flotow auf hohe See mit lebensgefährlichen Abenteuern.

In der Pause gehen die Musiker an Land und stärken sich ungeniert aus dem einen oder anderen Picknickkorb ihrer Gäste.

Ein Hauch von Woodstock

War die Vielfalt der Sinneseindrücke für Auge und Ohr schon kaum zu überbieten, so wird sie nun noch erweitert mit Gerüchen der mitgebrachten kulinarischen Köstlichkeiten, dem Rauch eines Lagerfeuers und den Dämpfen einer Wasserpfeifen-Clique. Die Assoziation an „Woodstock“ und Hippie-Zeiten liegt im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft. Die Symbiose von Musik und Natur, die Sensibilisierung aller Sinne macht den Abend zu einem Gesamterlebnis.

In der zweiten Konzerthälfte bleibt das Floß sesshaft, die Anker sind ausgeworfen, und die Saloniker präsentieren eine Folge von Highlights verschiedener „Wassermusiken“.

„Der Schwan“ aus „Karneval der Tiere“ von Camille Saint ­Saens wird durch das ausdrucksvolle und sauber intonierte Spiel der Cellistin zum großartigen Hör­erlebnis. Vogelgezwitscher und sanftes Wellenschlagen am Ufer bilden dazu einen natürlichen Kontrapunkt.

Ein ganz besonderes Werk barocker Unterhaltungsmusik ist die im Jahr 1717 vom englischen König anlässlich einer Bootsfahrt auf der Themse in Auftrag gegebene „Wassermusik“ von Georg Friedrich Händel. Sie bekommt im Saloniker-Sound wieder ihre ursprüngliche Bedeutung der meisterlichen Entspannung: ein wahrhaft königliches Vergnügen. Mit dem Eintreten der Dämmerung hat sie eine faszinierende Wirkung, und selbst umherschwirrende Fledermäuse scheinen Gefallen daran zu finden.

Ausgerechnet der Wiener Walzerkönig Johann Strauß, so erzählt Kapellmeister Siben, habe eine der schönsten italienischen Opern geschrieben, die „Eine Nacht in Venedig“ widerspiegeln soll. Die auf fünfzehn Minuten „eingedampfte“ Kurzversion verzaubert das Publikum, regt zum Meditieren an und löst dann Beifallsstürme aus. Gleiches gilt für die weltbekannte „Barcarole“ von Jacques Offenbach, bei der die Zuhörer der Aufforderung zum Mitsummen bereitwillig folgen.

Die Sehnsucht nach der Lagunenstadt wird geweckt. Eine ältere Dame seufzt: „Einmal Venedig sehen und dann sterben.“ Die grandiose Stimmung kann nur noch mit „Schwanensee“ von Peter Tschaikowski überhöht werden. Ein Potpourri, unter anderem mit dem „Tanz der Schwäne“, setzt den passenden Schlusspunkt des Seenachtskonzerts an den Bürgerseen.

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