Kirchheimer Umland

Trachtenlook nach Maß

Wer rechtzeitig beginnt, kann im selbstgenähten und maßgeschneiderten Dirndl aufs Frühlingsfest gehen

Ob Münchener Wiesn oder Cannstatter Wasen: Seit der Jahrtausendwende sind Dirndl ein Massenphänomen und der angesagte Volksfestlook. Inzwischen gibt es das einstige Dienstbotengewand sogar beim Discounter. Von Billigware aus Fernost hält Angelika Lang allerdings wenig. Der Schneiderin aus Kirchheim sind der Sitz und das Material des Trachtenkleids wichtig.

„Ein Oberteil muss sitzen“, sagt die Schneiderin Angelika Lang, die auch ihrer Tochter Jasmin zum maßgeschneiderten Trachtenlook

"Ein Oberteil muss sitzen", sagt die Schneiderin Angelika Lang, die auch ihrer Tochter Jasmin zum maßgeschneiderten Trachtenlook verhilft. Foto: Roberto Bulgrin

Kirchheim. In der Lehrwerkstatt der Nürtinger Firma Hauber International hat Angelika Lang das Schneiderhandwerk von der Pike auf gelernt. „Da haben wir damals alles genäht, sogar Schuhe.“ Dirndl waren in jenen Jahren allerdings kein Thema. „Die hat man in Bayern getragen, aber bei uns eigentlich nicht“, erzählt die zweifache Mutter. „Auch auf den Wasen ist man damals normalerweise nicht im Dirndl gegangen.“ Dass sich die Schneiderin mit dem Trachtenlook beschäftigt hat, verdankt sie ihrer ältesten Tochter. „Als sie 16 war, hat sie mich gelöchert, dass sie unbedingt im Dirndl aufs Volksfest will.“ Natürlich hätte es sich die Mama leicht machen und ein preiswertes Kleid von der Stange kaufen können. „Aber am Ende läuft dann jede Zweite auf dem Volksfest im gleichen Dirndl rum.“

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Dass Individuelles wieder mehr gefragt ist, weiß die gelernte Schneiderin nicht nur von ihren Kursen, die sie an der Volkshochschule oder anderen Einrichtungen der Erwachsenenbildung gibt. In ihrer Nähstube in Kirchheim-Ötlingen bringt sie Erwachsenen und Kindern ebenfalls den Umgang mit Nadel und Faden bei und richtet auch Kindergeburtstage aus. „Nähen liegt ganz arg im Trend“ – übrigens nicht nur bei Frauen. „In meine Kurse kommen auch Jungs, und ich hatte auch schon einen frischgebackenen Opa hier, der für sein Enkelkind unbedingt etwas selbst nähen wollte“, erzählt sie.

An der Dirndl-Massenware stört Angelika Lang aber nicht nur der Einheitslook: „Die Stoffe der billigen Dirndl haben oft keine gute Qualität.“ Doch genau daran sollte man nicht sparen. „Gerade ein Dirndl, das vielleicht ja auch mal Bier abbekommt, muss man waschen können.“ Deshalb sind feste, aber nicht zu steife Baumwollstoffe für sie die erste Wahl.

Nachdem Angelika Lang ihrer Tochter zu einem maßgeschneiderten Wasen-Outfit im klassischen Stil verholfen hatte, machte sie sich da­ran, weitere Dirndl-Varianten zu kreieren. „Den Grundschnitt kann man zum Beispiel so variieren, dass man sich ein Korsagenoberteil und einen extra Rock näht“, erklärt die Schneiderin, die auch im Urlaub stets die Augen nach Stoffen, Knöpfen, Spitzen oder Borten offen hält und natürlich jeden Stoffrest verwahrt. „Aus den Resten kann man etwa Applikationen oder eine Ansteckblume fürs Dirndl machen“, erläutert sie. Auch zu ihren Kursen bringt Angelika Lang immer eine Auswahl der gesammelten Accessoires mit. „Mit schönen Knöpfen oder einer tollen Spitze wird das Kleid sofort zu einem Unikat.“

Wie jedes Kleidungsstück sollte das Trachtenkleid zum Typ und vor allem zur Figur der jeweiligen Trägerin passen. „Das Wichtigste beim Dirndl ist, dass es richtig sitzt.“ Und genau darum geht es am Anfang ihrer Dirndl-Nähkurse. Dort wird zunächst erklärt, wie man den Schnitt der Figur anpasst. „Damit man sich später auch noch ein zweites Dirndl nähen kann, macht jede Teilnehmerin erst mal einen eigenen Schnitt.“ Ist das geschafft, geht es ans Zuschneiden. Begonnen wird mit dem Oberteil. „Das sind zwar ziemlich viele Schnittteile“, räumt die Schneiderin ein. Doch die müsse man eigentlich nur wie ein Puzzle zusammenlegen. „Das ist gar nicht so schwer, wie es am Anfang vielleicht aussieht.“

Blutige Anfängerinnen sollten sich nicht gleich an ein Dirndl wagen. Einen Basis-Nähkurs sollte man hinter sich haben. „Und man darf nicht zu verschrocken sein.“ Denn aus ihren Grundkursen, in denen Angelika Lang mit den Debütantinnen und Debütanten einfache Patchwork-Taschen näht, weiß sie: „Am Anfang befürchten viele, dass sie das nie hinkriegen. Nach drei Stunden gehen sie dann aber mit einer wunderschönen Tasche nach Hause.“

 

Anfängerinnen empfiehlt Angelika Lang einen Basis-Nähkurs, bevor sie sich an ein Dirndl wagen. Am Samstag, 9. April, bietet sie einen solchen Kurs in der Außenstelle der Kirchheimer Volkshochschule in Wendlingen an. Weitere Infos unter www.vhskirchheim.de, Telefon 0 70 21/97 30 30.

In ihrer Nähstube in Kirchheim-Ötlingen bringt Angelika Lang Erwachsenen und Kindern ebenfalls den Umgang mit Nadel und Faden bei und richtet auch Kindergeburtstage aus.

Der nächste Dirndl-Nähkurs in der Nähstube in Ötlingen startet am 16. April. An vier Samstagen nähen die Teilnehmerinnen ein maßgeschneidertes Trachtenkleid. Weitere Infos unter: www.naehstube-lang.de.

foto: roberto bulgrin10.11.2015Kirchheim-Oetlingen, Nelkenweg 10, Schneiderin Angelika Lang ausmachen für Landleben Thema Dirndl

Selbstgeschneidertes Dirndl von Angelika Lang. Foto: Roberto Bulgrin

foto: roberto bulgrin10.11.2015Kirchheim-Oetlingen, Nelkenweg 10, Schneiderin Angelika Lang ausmachen für Landleben Thema Dirndl

Gewusst wie: Schneiderin Angelika Lang weiß, wie man echte Dirndl herstellt. Foto: Roberto Bulgrin

foto: roberto bulgrin10.11.2015Kirchheim-Oetlingen, Nelkenweg 10, Schneiderin Angelika Lang ausmachen für Landleben Thema Dirndl

foto: roberto bulgrin10.11.2015Kirchheim-Oetlingen, Nelkenweg 10, Schneiderin Angelika Lang ausmachen für Landleben Thema Dirndl

Arbeitskluft der Dienstboten

Dirndl wecken zwar Assoziationen zu alpenländischen Trachtengewändern. Das Kleid hat aber wenig mit historisch-regionalen Trachten zu tun, und es war auch keine ländliche Schöpfung. Der Begriff Dindl geht auf das Wort Dirn zurück, mit dem in der Landwirtschaft oder im Haus beschäftigte Mägde bezeichnet wurden. So waren es dann neben den Landfrauen vor allem die städtischen Dienstbotinnen, die das billige und praktische Arbeitskleid mit Schürze trugen, wobei das Dirndl damals meistens hochgeschlossen daherkam. Die Oberschicht entdeckte im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts das Dirndl für sich. Als es die Städterinnen zur Sommerfrische aufs Land zog, wollten sie sich vermeintlich ländlich kleiden. So kam das Dirndl in Mode. Als schlichtes und vor allem preiswertes Sommerdress wurde das Trachtenkleid dann in den mageren Jahren nach dem Ersten Weltkrieg zum Kassenschlager. Die Nationalsozialisten instrumentalisierten das Dirndl. Unter dem Vorwand, sie zu bewahren, bemächtigten sie sich regionaler Traditionen. Sie gründeten die „Mittelstelle deutsche Tracht“. Deren Leiterin Gertrud Pesendorfer (eine gelernte Sekretärin) begann, die im Deutschen Reich und Österreich vorgefundenen Trachten zu vereinheitlichen. Sie „entkatholisierte“ das Dirndl, indem sie etwa den geschlossenen Kragen entfernte. Auch die heutige Form der Taille geht noch auf die „Reichsbeauftragte für Trachtenarbeit“ zurück. Durch die Dirndl-Uniform sollten sich die deutschen Mädchen und Frauen auch äußerlich zur nationalsozialistischen Bewegung bekennen. Das Oktoberfest ist zwar heute Mekka der Dirndl-Trägerinnen. Eine zwingende Verbindung zwischen der Wiesn und dem Trachtenkleidchen gibt es aber nicht. Schließlich wurde das erste Oktoberfest im Jahr 1810 gefeiert. Das Dirndl kam aber erst gut 50 Jahre später auf.