Kirchheimer Umland

Unmut im Paradies

Kein Zuckerschlecken auf der Jesinger Halde – Kirchheimer Beweider wollen Verträge kündigen

Auf der Jesinger Halde läuft so einiges schief: Der Hepperle-Hof und die Schäferei Bitterer klagen über den teils schlechten Zustand der Wiesen und schwierige Vertragbedingungen. Wenn sich an den Problemen nichts ändert, sehen beide Höfe für ein weiteres Engagement in der Halde schwarz.

Noch weiden die Schafe vom Bitterer Hof in der Jesinger Halde, aber wie es in Zukunft weitergeht, ist ungewiss. Foto: Jean-Luc J
Noch weiden die Schafe vom Bitterer Hof in der Jesinger Halde, aber wie es in Zukunft weitergeht, ist ungewiss. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Caroline und Hartmut Hepperle haben vor 15 Jahren ihren Hof in Kirchheim gegründet. Sie sind Quereinsteiger, die vorher nichts mit der Landwirtschaft zu tun hatten. Zu dem Schritt bewegt hat sie der pure Idealismus und ein kleiner Traum: Schon als Kinder hatten beide einen Tick für Bauernhöfe. Als Erwachsene wagten sie dann das Abenteuer und kauften sich einen Hof in Kirchheim. Sie verkaufen Ziegenmilch und -käse, stellen eigenen Saft her und halten nebenbei noch ein paar Pferde. Auf ihrem Hof arbeiten sie nach streng ökologischen Demeter-Richtlinien und haben dabei eine klare Vision im Hinterkopf: die Vielfalt an Tieren und Pflanzen in Kirchheim schützen. „Die bunte Kulturlandschaft spricht einfach alle Sinne an. Das macht es erst reizvoll“, findet Caroline Hepperle.

Um die Artenvielfalt in der Region zu wahren, wurden 2003 die Projekte Jesinger und Ötlinger Halde ins Leben gerufen. „Stücklesbesitzer“ können ihren Grund für die Beweidung durch Ziegen und Schafen zur Verfügung stellen. Das hilft, die Wiesen vor der Verbuschung zu schützen und Kulturlandschaft und Streuobstwiesen, wie sie in der Region Tradition haben, zu erhalten.

Deswegen hat sich das Ehepaar Hepperle vor elf Jahren dazu entschieden, mit ihren Jungtieren die Wiesen zu beweiden. „Das Klima in der Halde ist gut für die Tiere“, sagt Caroline Hepperle. Eigene Vorteile ziehen sie ansonsten aus der Beweidung nicht wirklich: Sie erhalten zwar einen minimalen finanziellen Zuschuss von der EU, der den Aufwand aber kaum entlohnt. „Würden wir unseren Schwerpunkt auf die Landschaftspflege legen, könnten wir nicht überleben“, sagt sie und findet es schade, dass zwar massenhaft Geld für das mechanische Roden der Flächen ausgegeben werde, was oft noch zusätzlich nötig ist, die wertvolle Arbeit der Kleinbauern aber wenig geschätzt wird. „Das müsste angepasst werden“, beklagt sie.

Die Fünfjahresverträge für die Beweidung der Jesinger Halde laufen dieses Jahr aus. Wenn sich an den Problemen nichts ändert, kann sich der Hepperle-Hof kaum vorstellen, den Vertrag mit der Stadt zu verlängern. Auch die Schäferei Bitterer hadert: „Wir können die Verträge nicht weiter erfüllen. Deswegen werden wir wahrscheinlich nicht verlängern.“ Der Bitterer-Hof hat Sanktionen durch die EU zu befürchten und muss im schlimmsten Fall die Gelder der letzten vier Jahre zurückzahlen. Auf einer der Wiesen haben nämlich fremde Tiere geweidet, weil der Eigentümer der Wiese die Fläche gegen die Verträge noch einem Ziegenhalter privat zugesichert hatte. Für diesen Bruch wird nun der Bitterer-Hof verantwortlich gemacht. Die Schäferei beweidet im Moment einen großen Teil der Jesinger Halde. Sollten beide Höfe ihre Unterstützung kündigen, kommen einige Probleme auf das Projekt Jesinger Halde zu: Die mechanische Landschaftspflege ist nicht nur um ein Vielfaches teurer als die Beweidung durch die Höfe. Caroline Hepperle betont auch, dass die Landschaftspflege durch Ziegen und Schafe wesentlich umweltfreundlicher sei: „Wenn plötzlich die großen Maschinen ankommen, fehlen den vielen Tieren, die ihren Lebensraum auf den Wiesen angesiedelt haben, jegliche Fluchtmöglichkeiten.“

Aufgegeben hat sie die Jesinger Halde trotzdem noch nicht: „Wenn wir die Probleme bis dahin gemeinsam lösen können, geht es für uns weiter.“ Ihr liegt eigentlich viel an dem Projekt und einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Umgebung: „Wir können es uns als Menschen nicht erlauben, zu sagen: ‚Was interessiert mich diese Hummel?‘ Immer wenn wir als Mensch etwas auslöschen, hängt da noch ein ganzer Rattenschwanz hintendran.“

Vorsicht mit Hunden und Pflanzenabfällen

Die Verträge sind nicht das einzige Problem, mit dem die Höfe derzeit in der Jesinger Halde zu kämpfen haben. Freilaufende Hunde an den Ziegen- und Schafweiden zum Beispiel jagen den Tieren nicht nur einen gehörigen Schrecken ein, sondern richten oftmals einen viel größeren Schaden an, als auf den ersten Blick ersichtlich ist, berichtet Caroline Hepperle. Trächtige Tiere können von den Hunden so traumatisiert werden, dass sie verlammen, das heißt eine Frühgeburt bekommen. „Die Leute gehen dann einfach weiter und denken, dass nichts passiert ist.“ Manchmal, sagt sie, gehe der Jagdinstinkt mit den Hunden so durch, dass sie in die Weide einbrechen und Jungtiere reißen. Durch solche Vorfälle würden die meisten Tiere ums Leben kommen.

Auch Pflanzenabfälle aus privaten Gärten seien schon auf der Jesinger Halde abgeladen worden. Was viele nicht wissen: Schon ein winziges Stück der beliebten Eibe kann ein ganzes Schaf töten. „Man will den Menschen ja nichts Böses unterstellen“, beschwichtigt Caroline Hepperle. „Vielleicht denken die Leute ja sogar, sie täten den Tieren etwas Gutes, wenn sie ihnen die Pflanzen auf die Wiese schmeißen. Da mangelt es oft einfach an Fachkenntnis und Kommunikation.“

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