Kirchheimer Umland

„Vergewaltigung war eine Einzeltat“

Gerüchtecheck: Was ist dran an Geschichten über vermeintlich kriminelle Asylbewerber?

Seit die Flüchtlingszahlen rund um die Teck steigen, nehmen Gerüchte über angebliche Straftaten von Asylbewerbern immer mehr zu. In den sozialen Medien kursieren besonders viele. Der Teckbote hat Björn Reusch, den Sprecher des Polizeipräsidiums Reutlingen, mit den Gerüchten konfrontiert.

Flüchtlinge beziehen eine Notunterkunft. In Asylbewerberheimen kommt es aufgrund der Enge immer wieder zu körperlichen Auseinand
Flüchtlinge beziehen eine Notunterkunft. In Asylbewerberheimen kommt es aufgrund der Enge immer wieder zu körperlichen Auseinandersetzungen.Archiv-Foto: Markus Brändli

Hat die Zahl der sexuellen Übergriffe  in Kirchheim und Umgebung zugenommen, seit es mehr Flüchtlinge gibt? Vielen ist eine Vergewaltigung in Kirchheim im Jahr 2014 im Gedächtnis geblieben. Die Täter waren zwei Asylbewerber aus Afghanistan.
BJÖRN REUSCH: Die Zahl der sexuellen Übergriffe hat nicht zugenommen, sondern sogar abgenommen. Derzeit haben die Fallzahlen im Verbreitungsgebiet des Teckboten noch nicht einmal die Hälfte der Gesamtzahlen des Vorjahresniveaus erreicht. Insofern sprechen die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik eindeutig gegen das kursierende Gerücht. Sollte es zu Übergriffen gekommen sein, so bitten wir die Geschädigten, möglichst zeitnah die Polizei einzuschalten. Die von Ihnen angeführte Vergewaltigung im August 2014 ist eine Einzeltat, die sich deutlich vor der signifikanten Zunahme des Flüchtlingsstroms ereignet hat.  

Haben die Ladendiebstähle zugenommen? Angeblich wird die Aldi-Filiale beim Südbahnhof regelmäßig leergeräumt, und bei REWE am Gaiserplatz geht nichts mehr ohne Sicherheitspersonal, so ein Gerücht.
REUSCH: Auch bei den Ladendiebstählen haben wir im Vergleich zum Vorjahr keine Auffälligkeiten zu verzeichnen. Die Anzahl der Fälle stagniert etwa auf Vorjahresniveau. Im Ladengeschäft Beim Südbahnhof in Kirchheim wurden 2015 bislang vier Ladendiebstähle angezeigt. Beim Supermarkt in der Dettinger Straße in Kirchheim wurden sieben Ladendiebstähle registriert. Soweit auch Asylbewerber tatverdächtig waren, so sprechen die geringen Fallzahlen eindeutig gegen ein regelmäßiges Leerräumen der Geschäfte durch Flüchtlinge. Auskünfte zu betriebseigenen Sicherungsmaßnahmen obliegen der Verantwortung der jeweiligen Geschäftsführung, weshalb wir hierzu keine Stellung nehmen.

Hat der Drogenhandel in Kirchheim und Umgebung zugenommen, seit es mehr Flüchtlinge gibt?
REUSCH: Bei der Zahl des illegalen Handelns mit Betäubungsmitteln haben wir 2015 einen deutlichen Rückgang zu verzeichnen.

Wie sieht es mit Straftaten innerhalb von Flüchtlingsunterkünften aus? In der Charlottenstraße kommt es immer wieder zu Körperverletzungen. 2013 endete eine Messerstecherei tödlich.
REUSCH: Straftaten, die durch Asylbewerber begangen werden, vollziehen sich derzeit weit überwiegend in und an den Asylbewerberheimen selbst und sehr selten außerhalb der Einrichtung. Es handelt sich also überwiegend um Vorfälle zwischen Asylbewerbern. Meist handelt es sich um Körperverletzungsdelikte. Oftmals entwickeln sich verbale Streitigkeiten zu körperlichen Auseinandersetzungen, die einen Polizeieinsatz oder Präsenzmaßnahmen nach sich ziehen, die dann von der Bevölkerung auch wahrgenommen werden. Derartige Einsatzanlässe haben in den vergangenen Monaten zugenommen.

Verheimlicht die Polizei gezielt Straftaten von Asylbewerbern, damit die Stimmung nicht kippt?
REUSCH: Aufgrund des Neutralitätsgebots sind wir gehalten, bei der Berichterstattung über Asylbewerber keine anderen Maßstäbe anzulegen. Ausschlaggebend für unsere Berichterstattung ist das zugrunde liegende Delikt und die Frage, wie es in die Öffentlichkeit ausstrahlt, unabhängig von Nationalität oder Gruppenzugehörigkeit. Es wird auch weiterhin nicht jede Straftat, unabhängig davon, wer als Tatverdächtiger in Betracht kommt, von uns veröffentlicht.

Anzeige

„Vergewaltigung war eine Einzeltat“
„Vergewaltigung war eine Einzeltat“

Gerüchte sind gefährlich

Es gibt keinen besseren Nährboden für Gerüchte als Angst und Unsicherheit. Dass Spekulationen über Asylbewerber in Zeiten steigender Flüchtlingszahlen wie Pilze aus dem Boden schießen, ist daher keine Überraschung. Gerüchte entstehen immer dort, wo Fragen unbeantwortet, wo Sorgen ungehört bleiben. Fragen wie: Schaffen wir das wirklich? Kann es funktionieren, so viele Menschen aus völlig unterschiedlichen Kulturkreisen zu integrieren?

Gerüchte sind gefährlich, weil sie nicht kontrollierbar sind. Sie haben ein Eigenleben, werden immer dramatischer, je öfter sie weitererzählt werden. Aus ein paar Ladendiebstählen wird ein täglich leergeräumter Supermarkt. Aus einem dummen Spruch eine Vergewaltigung. Solche Gerüchte sind toxisch. Sie vergiften das gesellschaftliche Klima, stiften Misstrauen, säen Angst.

Das Gegengift heißt: Information und Aufklärung. Unser Gerüchtecheck zeigt: An kaum einer dieser Spekulationen ist etwas dran. Laut Polizei gibt es nicht mehr Vergewaltigungen, seit es mehr Flüchtlinge gibt, sondern sogar weniger. Die Zahl der Ladendiebstähle stagniert. Der Handel mit Drogen ist rückläufig. Wohlgemerkt: Diese Zahlen beziehen sich nicht auf kriminelle Asylbewerber, sondern auf die Zahl aller Delikte im Verbreitungsgebiet des Teckboten.

Lediglich bei den Zwischenfällen zwischen Asylbewerbern verzeichnet die Polizei einen Anstieg. Wer die Bedingungen kennt, unter denen Flüchtlinge während ihres Asylverfahrens leben, den überrascht das nicht. André Schulz vom Bund deutscher Kriminalbeamter hat erst kürzlich einen passenden Vergleich he­rangezogen, als er zur Gewalt in Flüchtlingsheimen sagte: „Würde man 1 500 Franken mit 1 500 Oberbayern, also zwei fremde Kulturen, in einen leer stehenden Baumarkt ohne jegliche Privatsphäre quetschen und diese über Wochen zum Nichtstun verdammen, würde es dort auch innerhalb kürzester Zeit zu Spannungen und Handgreiflichkeiten kommen.“ Wie wahr.ANTJE DÖRR